Bieler Lauftage – 8.6.2012

 

www.100km.ch


(Bild vom Reiner  www.alpenkiwi.de)

aus verschiedenen Gründen habe ich gerade keine Lust auf einen 100 km langen Laufbericht. Eindrücke gab es unterwegs wahnsinnig viele. Auch hab ich wieder viel gelernt und etliche Erkenntnisse gewonnen, zum Beispiel über soziologische Faktoren zum Thema Fahrradbegleitung (DAS gibt einen extra Bericht, versprochen!). Es gab witzige Begegnungen und schöne (*rüberwink*zum*Axel*), und gar nix Negatives. Alles schön und gut, aber wer will das schon alles zum hundertsten mal lesen. Ich schließe nicht aus, dass ich es mir in den nächsten Tagen doch noch anders überlege und einen meiner üblichen Berichte nachschiebe.


(Quelle: Alphaphotos)

Trotz der für mich blendend guten Zielzeit von 11:46 bin ich nicht euphorisiert und platze nicht vor Stolz. Es war klar, dass die 12:38 aus dem letzten Jahr dem Wetter geschuldet und nicht wirklich repräsentativ waren, meine Selbsteinschätzung lag tatsächlich irgendwo zwischen 11:45 und 12 Stunden und ich freue mich jetzt über meinen gesunden Menschenverstand. Das soll jetzt bitte aber auch nicht negativ rüberkommen, für mich ist es einfach nur okay. Es gibt Wichtigeres als Laufen.

Drum fasse ich mich heute kurz.

Biel habe ich nun so kennengelernt, wie es alle beschreiben. Die Stimmung auf den ersten 20 Kilometern war umwerfend, Riesen Aufriss in der City, Parties, Zuschauer und Stimmungshochburgen vom Allerfeinsten, geschmückte Dörfer, Dorfplatzfeste, duftende Wiesen, sogar Kuhglockengebimmel. Es ist toll, wirklich. Kann man schon mal erlebt haben. Letztes Jahr war von alledem ja nix möglich. Die neue Infrastruktur hat soviel ich davon getestet habe sehr gut funktioniert, bis auf das nicht vorhandene Parkleitsystem, an dem ich jetzt aber auch nicht länger rummeckern will. Betreuung und Verpflegung auf der Strecke waren 1A.

(Quelle: Anton Lautner)

Die Temperaturen waren ideal. Zwar noch keine laue Sommernacht, und zwischendrin auf den Feldern mit dem Wind war es teils schon grenzwertig kalt, aber dafür eben auch keine sengende Sonne und tödliche Hitze am anderen Morgen. Die Rahmenbedingungen haben gestimmt.

Und so habe ich – obwohl das nun wirklich nicht mein erster Nachtlauf war – doch so ab km 30 spätestens gespürt, dass die größte Herausforderung gar nicht sein wird, diese 100 km zu laufen. Sondern dass die Hauptbelastung ist, sie unter Schlafentzug zu laufen. Der sich bei Tagesanbruch nur noch mehr bemerkbar macht, und dann hast Du immer noch einen Marathon vor Dir. Das ist jetzt vielleicht keine ganz neue Erkenntnis, aber so konzentriert wie diesesmal hab ich das noch nicht erlebt, eben grad weil keine anderen ablenkenden Störfaktoren da waren.

Es ist schon schwierig genug, 100 km zu laufen. Das muss ich mir nicht noch zusätzlich erschweren, indem ich mich mit  Schlafentzug foltere und mir psychische Lasten wie Kreislauf- und Magenprobleme auferlege, die ich tagsüber nicht hätte. 100 km zu laufen sollte doch eigentlich kein Kampf sein, sondern ein tolles Erlebnis … Ich möchte dabei weder mit meinem Körper noch mit meinem Geist kämpfen und allerhöchstens den Inneren Schweinehund besiegen aber nicht mich selbst. Solche Sprüche, dass diese Läufe mit dem Kopf gelaufen werden oder dass der Geist über den Körper siegt, das habe ich schon immer doof gefunden.


(Quelle: Alphaphotos)

Natürlich kannst Du nicht einfach hirnlos in 100 km hinein rennen, sondern Dein Kopf leistet auch einen Beitrag. Indem Du nämlich Dein Hirn einschaltest und das Wohlergehen Deines Körpers damit überwachst. Dein Hirn sagt Dir dann, wann Du wie und was essen sollst, oder auch ob Du mal kurz 5 Minuten hinsitzen sollst, und es passt auf, dass Du Dich nicht kreislaufmäßig ins Off läufst.

Ich möchte, wenn ich 100 km laufe keinen Kampf führen, und schon gar keinen gegen irgendwelche zu mir gehörigen Teile. Ich möchte laufen und noch etwas aufnehmen, es genießen und mich darüber freuen was ich erlebe. Und mich einfach freuen, dass ich das kann, anstrengend darf es dabei gerne sein, aber bitte in einem gesunden Rahmen.


(Quelle: Alphaphotos)

Dazu brauche ich keine zusätzliche Schwächung durch Schlafentzug. Das hat mit dem Laufen nix zu tun und ist nicht das, was ich unter „Herausforderung“ verstehe. Dass Läufe aus logistischen Gründen und wegen der hohen Temperaturen im Sommer nachts stattfinden ist völlig ok, es mag auch Leute geben, denen der Schlafentzug nix oder nicht viel ausmacht.

Für mich persönlich taugt das nicht. Und deswegen werde ich – obwohl Biel wirklich ein ganz toller Lauf ist – meinen nächsten 100er nur noch bei Tag laufen. Nachtläufe sind prinzipiell toll, aber dann möchte ich irgendwann um 1 oder 2 oder 3 Uhr im Ziel sein.


(Quelle: Alphaphotos)

PS: Diese Ausführungen sind mein eigenes Stimmungsbild und keine allgemein gültige Einschätzung. Ich betone ausdrücklich, dass ich niemanden angreifen oder beurteilen möchte, der das anders sieht, das kann jeder halten wie er will. Wenn jemand es toll findet, über Grenzen hinaus zu gehen und seinen Geist gegen seinen Körper kämpfen zu lassen, sich extrem zu quälen, das Allerletzte aus sich rauszuholen oder was auch immer, so sei ihm sein Spaß von Herzen gegönnt 😉

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6 Antworten zu Bieler Lauftage – 8.6.2012

  1. schauläufer schreibt:

    Ich sach mal als bekennder Landschaftsvojeur nix dazu. Die Chance auf eine gemeinsame Nacht mit dir;-) hab ich wohl verpennt. Im wahrsten Sinne. Und wenn ich schon manchmal nicht alle Sinne beieinander habe. Den Sinn für schöne Dinge brauch ich beim sinnlos durch die Gegend laufen. Und Nachts sind doch alle Hasen grau(oder waren es Katzen, egal). Also, statt mausgrauer Bieler Nacht heißt es bald mit mir die Vielfalt der Schmidener Äcker zu bestaunen :-)))

    Grüssle Klaus

  2. Jörg schreibt:

    Gratulation zur tollen Zeit.
    Nie wieder Biel, wo du so nah dran wohnst? Mal abwarten

  3. Stephanus schreibt:

    Hi Kati,
    ich hab mir schon gedacht, dass das super läuft, bei deinem Vorbereitungsprogramm!
    Herzlichen Glückwunsch!

  4. Sabine schreibt:

    Gratuliere zu 100km! Tolle Leistung! Ich denke mal, obwohl ich keinerlei Erfahrung mit Läufen durch die Nacht habe, dass meinem Körper und Biorhythmus darüber auch gar nicht begeistert wären. Die Nacht ist nun mal zum Schlafen da und im Finsteren läuft es sich komisch, wie ich finde.

    Liebe Grüße aus dem grauslich-schwülen Wien
    Sabine

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