Einstein Marathon Ulm – 23.9.2018

www.einstein-marathon.de

Ulm hat sich Mühe gegeben. Richtig große Mühe. Das finde ich super, denn vor einigen Jahren ging sogar mal das unbestätigte Gerücht, der Marathon solle aufgrund mangelnder Teilnehmerzahlen abgeschafft werden. Und ich laufe diesen Marathon jetzt seit 2011 in Folge, ich würde so bitterlich um ihn weinen.

Die augenfälligste Änderung ist die der Strecke – so viele Streckenänderungen wie in Ulm habe ich noch bei keinem anderen Lauf erlebt. 2016 und 2017 ging es in der Todeszone zwischen km 20 und 30 durch lange Mäanderabteile auf einer gesperrten Straße, weitgehend schattenlos und bei schönem Wetter. Ich fand das ja arg toll, die meisten anderen aber wohl eher nicht so. Ich fand auch die Pendel-Begegnungsstrecke zur Messe hinaus und wieder zurück immer klasse, selbst als sie auf die letzten Kilometer verlegt wurde. Schlimm dagegen fand ich regelmäßig den Abschnitt nach Wiblingen und zurück, früher rechts der Donau am Bahndamm entlang, wo es immer so nach totem Fuch roch; zurecht hatten sie dort alle 500 Meter ein paar Sanitäter postiert, die einen vermutlich davon abhalten sollten, aus Verzweiflung ins Wasser zu gehen. Die letzten Änderungen rund ums Kloster mit echt abgefahrener Streckenführung auf den dortigen Wegen mit Trailcharakter und den Rückweg auf wirklich arg holprigem Geläuf, das war auch mehr als hart und für einen Stadtmarathon nicht wirklich angemessen.

Gut, jetzt gibt es also etwas Neues, nämlich eine tolle zweite Runde durch die Innenstadt, ich bin gespannt. Das ist zuschauerfreundlich und kann der Stimmung förderlich sein, allerdings müssen die Absperrungen dann auch gut gemacht sein – nicht so wie in Freiburg, wo es an manchen Abschnitten mehr ahnungslose Passanten als kaputte Läufer auf der Strecke gibt. Gleich vorneweg: Ulm hat das gut im Griff.

Die ersten 10 km verlaufen auf der gewohnten Strecke – ich bin froh als es endlich losgeht, zu viel Chaos an der Messe, zu viele Menschen, alles zu unübersichtlich – wo gibts nochmal den Starterbeutel, ohne den man seine Tasche nicht abgeben darf, und vor den Toiletten die abgefahrensten Schlangen, ebenso wie draußen vor den Dixies. Hart an der Grenze. Schade ist auch, dass ich posthum erfahre, dass es die Baumwollshirts wohl doch für jeden Läufer gratis gab – als ich an dem Stand war erhielt ich die Auskunft, die seien nur gegen Vorbestellung und Aufpreis zu haben. – Sehr erfreulich ist, dass es keine Probleme durch den gemeinsamen Start von Marathon und Halbmarathon gibt. Die Leute laufen diszipliniert und geradeaus, auf den ersten 10 km ist kaum Ablenkung, das ist kein Partymarathon – und soll bitte auch keiner werden – und bis wir die Innenstadt erreichen, sind die ganz harten Partybiester vielleicht auch schon müde 🙂 Nur so ein grüner Spaßfrosch hüpft mir vor den Füßen rum, aber der ist ok 🙂

Im Verlauf der ersten Hälfte gibt es nun immer wieder Stellen, an denen sich die Wege verengen. Es ist keine Katastrophe, aber auch nicht optimal. Ich laufe weitgehend noch im 6er-Schnitt, bin also auch mitten im dichtesten Feld. Ungefähr ab km 15 wird es richtig anstrengend, denn ab hier zeigen sich wie immer 3 Kategorien: Die ersten Halbmarathonzombies, die teilweise in der Mitte taumeln, statt rechts zu gehen … die Sub-2 Halbmarathonisten mit ausreichend Luft, die von hinten kommen und durchziehen wollen … und die paar Marathonisten, die gerne ihr normales Tempo weiterlaufen möchten. Bei mir geht es ja um nix, ich kann mir ein wenig Zeitverlust unter dem Gesichtspunkt des Energiesparens gut leisten und denke, dass ich lieber ruhig bleibe und mir was für hintenraus aufhebe. Die Kilometerschnitte werden hier insgesamt aber schon langsamer.

Ungefähr bei km 18 kommt die Marathonweiche, an derselben Stelle wie in den Vorjahren, wir laufen Richtung Wiblingen, aber nur bis zum Freibad, über das wir eine nette Runde drehen. Die Temperaturen und der Wind lassen das Schwimmbecken wenig verlockend wirken. Zurück geht es wieder über eine Brücke – ist das dieselbe wie in den Vorjahren? Oben geht es jedenfalls anders weiter, auf einem sehr schmalen Fußweg direkt neben den Autos. Von dort aus laufen wir über die alte Stadtmauer, diesmal Richtung stadteinwärts, und tatsächlich, da ist sie wieder, diese Schleife über den kleinen Platz mit dem giftigen kurzen An- und Abstieg, ein wahrer Killer. Kilometerschilder für später verkünden schon unsere Wiederkehr. Der ganze Kurs ist im Stadtbereich ein wahnsinniges Zickzack mit Wenden und Richtungswechseln, für die wirklich schnellen Läufer ist das sicher schwierig, für die Langsamen kann das Durchlaufen eines kleinen Stadttores oder Innenhofes ja nett sein. Kopfsteinpflaster gibt es auch immer wieder. Für mich ist das in der ersten Hälfte an manchen Stellen zu chaotisch und zu unübersichtlich, auch an den VPs, an denen die Helfer vor den Tischen mehr im Weg stehen und ihr Leben riskieren.

Nun geht es hinaus Richtung Messe, ewiglang und zäh ohne die entgegenkommenden Läufer, hinter der Messe überqueren wir die Donau nach rechts, und dann geht es noch weiter diesen Weg stadtauswärts entlang, auf dem ich 2010 bei der Laufnacht schon sterben wollte. Mir wird wieder so richtig bewusst, wie lang ein einzelner Kilometer sein kann und wie lang so ein Marathon ist. Trotzdem fange ich plötzlich an, Mitläufer einzusammeln. Ungefähr bei km 28/29 kommen wir aus dem Wald. Der Wind hat stark zugenommen und kommt in konstant starken Böen, natürlich von vorn. Schon vorhin in der Stadt wurden Absperrgitter umgeworfen und Zeltüberdachungen zerlegt. Warm ist es jetzt auch noch, und irgendwie ein ganz ungutes Klima. Auf einer Landstraße laufen wir mehr als einen Kilometer direkt in den Wind, es ist fast kein Vorwärtskommen. Die Helfer tun mir auch leid.

Übrigens gibt es in Ulm seit diesem Jahr keine Plastikbecher mehr, sondern Papierbecher, dies sei bedeutend umweltfreundlicher. Auch die Verpflegung ist sehr gut, die  VPs kommen in kurzen Abständen und sind gut ausgestattet. Schlecht ist nur, dass es so gut wie keine Cola gibt. An manchen Stellen heißt es „leider aus“ an einer anderen wird mir erklärt, dass es grundsätzlich keine Cola gibt. Stattdessen gibt es alkoholfreies Radler und „ISO“, aka klebrige Zitronenlimo. Zum Glück alles mit Kohlensäure. Es wird auch feste Nahrung angeboten, Bananen, Riegel und einmal sehe ich sogar Nüsse. Also echt super vorbildlich, bis auf die fehlende Cola.

Es dauert sehr lange, bis wir die Stadt wieder erreichen, und es ist sehr zäh. Ich hoffe inzwischen verzweifelt auf Ablenkung und Unterhaltung auf der Strecke, aber es ist nicht mehr viel los. Die Band mit der Frau mit den bunten Haaren spielt Hallelujah. Ja, sowas sehe ich – die Lastwagen mit dem Gepäck, an denen wir direkt vorbeilaufen, die sehe ich nicht. Ungefähr bei km 35 laufen wir in den Rest eines anderen Laufs hinein – es ist nicht so ganz auszumachen, ob es Walker oder 10-km-Läufer sind, einige haben Stecken dabei. Niemand hat ihnen gesagt, dass von hinten noch einzelne Läufer kommen, und so beanspruchen sie die ganze Straße. Hier wäre es hilfreich, ein paar Schilder aufzustellen und die Ordner zu bitten, freundliche Rechtslaufhinweise auszurufen, damit ließe sich sicher viel verbessern. Ich erwische ja nur den Schluss dieses Laufs, für die etwas Schnelleren war das sicher extrem unlustig, und für diesen anderen Lauf wahrscheinlich auch. Zum Glück kommen wir bei km 38/39 wieder an die Marathonweiche, und die Runde um das Schwimmbad bringt die benötigte Ruhe. Nebenbei bemerkt: ich bin echt schon super platt, aber meine Zielzeit von 4:45 scheint noch machbar, Gehen geht also nicht.

Ich bin so müde, dass ich echt froh bin, dass es als weitere angekündigte Neuerung dieses Jahr einen separaten Einlauf für die Marathonisten gibt – allerdings meine ich mich doch zu erinnern, dass es den schon immer gab? Jedenfalls, zurück über die Stadtmauer, noch einmal diesen kleinen Stich hinauf auf den kleinen Platz, aber dann werden wir nicht wieder hinunter geschickt, sondern durch eine enge Seitengasse zwischen geparkten Autos hindurch erstmal in die vermeintlich falsche Richtung, weg vom Münsterplatz und der Musike. Es ist alles sehr gut mit Flatterbändern abgesperrt, aber kein Mensch in Sichtweite, und plötzlich bin ich unsicher, ob ich mich nicht doch verlaufen habe – das kann ja hier nicht sein? Auf der zweiten Hälfte eines letzten Kilometers? Keine Menschenseele, kein Geräusch? Ich bin echt verunsichert. Doch dann geht es wieder hinein ins Geschehen, direkt in einen letzten für mich nicht mehr laufbaren Anstieg, hässlich an eine Hauswand gedrängt, links davon wieder dieser andere Lauf, ich bin unendlich kaputt und denke, einen schlimmeren letzten Kilometer gibt es auf der ganzen Welt doch nicht. Kein langer Anlauf über moderate Steigung zum Ziel hinauf wie sonst, kein Empfang, keine Zuschauer. Keine Freude macht sich breit, nur Schnappatmung und die Erleichterung, als ich oben bin und irgend etwas Vertrautes erkennen kann, aha, gleich da vorne ist der Zielbogen, da sind jetzt auch Zuschauer, aber viel zu nah und zu schnell, um „Zieleinlauf“ auch nur annähernd noch genießen zu können, ich stolpere durch den Bogen, stoppe die Uhr bei unerhofften 4:34 und stehe allein und verloren hinter der Zeitmatte wie ein begossenes Schaf. Was war das denn jetzt???

Schnell flüchte ich mich in die nächste Neuerung, den eigens für die Marathonisten eingerichteten separaten Verpflegungsbereich. Er ist nicht ganz einfach zu finden, die Helfer wissen auch nicht Bescheid, aber einmal drin ist es echt toll. Auf wenig Raum sind Bänke und feste Verpflegung aufgestellt, es gibt Kuchen, Riegel, Schokolade und Salzstangen – Getränke kann man draußen holen – da hocken die fertigen Gestalten, ich bin die allerfertigste, und wir sind raus aus dem Gedränge und Gewusel und können uns hinsetzen. Die Firma Bantleon, die mich jedes Jahr zum Start einlädt, offeriert in diesem Jahr allen Marathonisten noch eine hübsche schwarze Windjacke, die optimal zum Wetter passt. Hier kann ich in Ruhe auf meinen Greppi warten, das ist wirklich toll gemacht. Dafür ein großes Danke an den Veranstalter, super Sache, wenn möglich bitte beibehalten 🙂 Das hat jetzt auch nix damit zu tun, dass Leute, die einen Marathon gelaufen sind, sich für was Besseres halten, Fakt ist halt einfach, dass man nach 42 km eben kaputter ist als nach 21 oder 10. Nach entsprechend ausführlich langem Abhängen dort mit Christine, Leander und Volker (bereits geduscht), finden wir diesmal auch unsere Gepäckstücke wieder, was ja in Ulm mangels Beschilderung und dank kreativer Veränderungen auch nicht immer so einfach ist 😉

Insgesamt bin ich unschlüssig, ob mir diese neue Streckenführung gefällt oder nicht. Den meisten, die ich gehört habe, hat es gut gefallen. Ein Vorteil ist es sicher, dass die Todeszone von Wiblingen auf die andere Seite der Stadt verlegt wurde. Auch da gibt es entsetzlich zähe Abschnitte, aber wenn sie neu sind und man sie noch nicht kennt, weiß man ja auch noch nicht, was einen erwartet. Klar ist auch, dass es in einem Marathon, auch in einem Stadtmarathon, ruhige Abschnitte geben muss. Die Innenstadtanteile mit ihren hunderttausend Ecken sind ungewöhnlich, aber nicht gänzlich ohne Charme. Vielleicht lässt sich das in der Ulmer Innenstadt auch einfach nicht anders lösen. Der Zieleinlauf – ich sagte es bereits … vielleicht ließe sich das verbessern, wenn dieser andere Lauf eine halbe Stunde später startet? Schnell ist die Strecke mit Sicherheit nicht – und ich würde schätzen, das macht sich ab einer Laufzeit von unter 4 Stunden dann schon auch in der Zielzeit bemerkbar. Sollte aber kein Grund sein, deshalb nicht hinzugehen – für mich ja sowieso nicht 🙂  cu am 29.9.2019

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PS: Leider ist beim Halbmarathon ein junger Mann verstorben. Lasst uns dies zum Anlass nehmen, auch auf die eigene Gesundheit zu achten. Ein Gesundheitscheck mit Belastungs-EKG und Blutbild einmal im Jahr kann viel dazu beitragen, beginnende Erkrankungen rechtzeitig festzustellen und richtig zu behandeln.

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