6h-Lauf Nürnberg, Deutsche Meisterschaft

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Kinder, was für eine absolut abgefahrene Veranstaltung, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll … viel hatte ich in den letzten Jahren von den „Sri Chinmoy“-Läufen ja schon gehört und auf Bildern gesehen, aber so ein event live mitzuerleben, das ist dann doch nochmal ne andere Nummer. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich für sowas stark genug bin.

Frisch ist es auf der Wöhrder Wiese als wir dort ankommen, aber es verspricht ein herrlicher Tag zu werden. Bitte, wir wollen nicht meckern: es ist einfach WUNDERBAR, mal was anderes als Nebel, Nieselregen und Null Bock vor Augen zu haben. Bei der Startnummernausgabe bekommt jeder Teilnehmer neben einer schmucken Wasserflasche noch eine kleine Schachtel überreicht. Ich frage, ob das Seife ist, von wegen der spirituellen Reinheit und so … ? … könnte doch sein ? aber nein, es sind „Karten für gute Gedanken“. Ich habe mich ehrlich gesagt noch nicht getraut, das aufzupacken. Das Personal – vorwiegend Damen – ist in Richtung alternativ-folkloristisch gestylt und alle strahlen sanft vor sich hin. radiant. Es gibt eine Tasse Weichspüler zum Frühstück. Eilig hat es keiner. Ist ja auch noch genügend Zeit.

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Das Gelände ist prima. Die 1,5 km lange Strecke führt einmal rund um die große Wiese, so dass man im Prinzip, rein theoretisch, wenn man denn wollte und gute Augen hätte, fast immer alle Teilnehmer im Blick haben könnte. Hinter der VP kommt die Zeitmessung, dahinter etabliert sich ein Korridor mit privaten VPs und Mannschaftszelten, dahinter die ersten Dixies. Schnell werfen Volker, Andi und ich unser Zeugs bei Jörg ab, dann wäre das auch geklärt. Verlaufen wird hier schwierig.

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Merke: Wir befinden uns heute bei den Deutschen Meisterschaften, und die  Besetzung ist hochkarätig. Conny und ich belegen die hinteren Plätze in der AK, das dürfte schon vor Rennbeginn klar gewesen sein. Aber ich finde es einfach immer toll, bei einer Deutschen Meisterschaft überhaupt dabei sein zu können. Bei den Mädels wird der Deutsche Rekord fallen und wie immer ist es ein Highlight, den schnellen Damen so bei ihren Rennen zuschauen zu können. Für Details bitte ich die Ergebnisliste zu konsultieren, denn der Kampf an der Spitze betrifft meinen Lauf nur insofern, dass ich den Schnellen möglichst nicht vor den Füßen rumkullern möchte.  Das gelingt auch, und in den ganzen 6 Stunden bemerke ich im Feld keinerlei Unmut oder Mißstimmung zwischen den Läufern der unterschiedlichen Leistungsklassen.

joerg-6  Die Startlinie ist so gewählt, dass man in Runde XY exakt mit dem Durchlauf der Messmatte die 50 km erreicht, also auch eine 50-km-Zeit bekommt. In der Runde, in der man seine 50 km absolviert hat, darf man zur Belohnung ein rotes Fähnchen tragen, was zusätzlichen Beifall der Zuschauer erbringt. Ich ergattere es mit Hängen und Würgen noch für eine 3/4-Runde und wenige Minuten. Damit wäre mein Rennen dann eigentlich auch schon erschöpfend interpretiert: 51,168 km in 6 Stunden, das kann ich ganz ohne understatement selbst für mich als eine low performance bezeichnen. Und ich bin diese 51-komma-schnurz Kilometer nicht etwa mit Pausen oder Getrödel gelaufen, sondern mehr ging einfach nicht. Warum – wieso – weshalb ist ja letztenendes auch völlig piepe. Klar bin ich nicht zufrieden, aber hey, der Lauf war klasse. Es hätte ja auch hageln können.

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Immerhin kenne ich jetzt Roland, den Mann mit den tollen Hosen. Steff kommt an die Strecke geradelt und macht schöne Fotos – zum Glück schon in der ersten Stunde. Mir läuft es da schon gar nicht rund und die Versuchung ist SEHR groß, es hier einfach abzubrechen und Steff auf ein Frühstück in die Stadt einzuladen. Aber sowas kannst ja nicht machen 😦

Die erste Runde laufe ich mit Jörn, kann aber nicht mithalten. Ihm läuft’s und er wird von Stunde zu Stunde stärker und bricht alle seine Rekorde. Ich freu mich. Solche Läufe hatte ich auch schon, und sie sind einfach geil. Toll. Christoph ist auch da und schrubbt so als gemütliches Trainingsläufle mal eben 78 km ab. Nicht ohne in vielen Runden bei mir abzubremsen und Zeit zu verlieren, aber ich bin kein guter Gesprächspartner.

Zahlreiche leuchtende Jungfrauen (30+) sind entlang der Strecke verteilt und bimmeln in farbenfrohem Gewand mit allerlei Glöckchen. radiant. Sie rufen uns sanft allerlei Ermutigungen zu, teils ein Mittelding aus fernöstlichen Mantren und Englisch. Ich sags Dir. Kommste da nach 4 Stunden völlig fertig um die Ecke, wirst gerade von 25 Läufern in 10 unterschiedlichen Leistungsklassen überrannt, und sonne Jungfer säuselt, dassde „gorgeous“ lookst oder „great“ bist. Mir wäre da mit einem aufrichtigen „Du siehst scheiße aus, aber lauf trotzdem weiter“ echt mehr gedient. An mehreren Stellen der Runde steht das Personal die gesamten 6 Stunden und sendet anhand der Startnummer personalisierte Grußbotschaften. Da hilft alles nix: Ich muss mir das Visor ganz tief über die Augen ziehen und den Tunnelblick simulieren. Wenn Du Dich da jetzt auf irgenwas einlässt, dann musst Du das auf jeder Runde machen – winken und grüßen, etc. – und dazu sind die Runden einfach zu kurz.

Erwähnte ich schon, dass es mir nicht läuft? Bei km 20 bin ich platt. Mieserweise bin ich SO platt, dass ich sogar bezweifle, dass der Lauf überhaupt noch einen Trainingseffekt hat. Aber das sind die Deutschen Meisterschaften, da läuft man weiter, und basta. Hinter der 4. Stunde geht es dann wieder, denn es ist ein Ende in Sicht. In der Hälfte der Runde ist ein Zelt aufgebaut, in dem sich abwechselnd 4 – 8 Jungfrauen (40+) versammeln und mit Klampfe und Querflöte unangenehm hohe Tonlagen ausprobieren. Eine der Damen singt in sanftmütigem Tonfall indische Weisen. Manchmal auch Englisch – hier erweist es sich tatsächlich als zweifelhaftes Feature, einer Fremdsprache mächtig zu sein. Mehr als einmal höre ich über den gesamten An- und Ablauf die inbrünstige Intonation von „Se-he-he-he-he-eeelf Trans-cen-de-he-he-he-he-he-hence-e-e-e-e“. Hilfe ich werde seekrank. Darauf hat man mich im Yogakurs nicht vorbereitet. Beherzt greife ich in der 13. Runde zum Klappmechanismus des Pavillons und schließe ihn wie einen Regenschirm, doch der Singsang geht in den Falten weiter. Ein Mitläufer meint „Stell Dir mal vor, Du hast so eine zuhause, und wennde morgens aufwachst, dann singt die schon seit 2 Stunden.“ lieber nicht.

Du musst das ausblenden, sonst wirst Du kirre. Sicher wollen sie uns nur was Gutes tun: Uns in Trance singen, damit wir über uns hinaus transzendieren oder so. Oje. Naja. Eine Jungfrau kurz vor der VP ruft mir zu, dass ich nur sagen müsse, was ich haben möchte, und man würde mir das gerne zubereiten. Das ist doch ausgesprochen nett. Ich nehme Cola, wenn’s geht bitte schon eingeschenkt. Die Plastikbecher werden in jeder Runde gespült und das klappt tatsächlich. Vielleicht nicht so sehr hygienisch, aber find ich trotzdem gut, wir sind ja unter uns. Das Nahrungsangebot ist gut, es gibt sogar Kartoffeln, und den Rest esse ich bei Jörg :), nämlich Rühreibrot 🙂 Insgesamt bleibt festzustellen: Auch wenn ich in diesere Atmosphäre doch sehr stark fremdle und mir alles ein wenig arg ungeheuer ist, den Rahmen für den Lauf hat das Sri Chinmoy Marathon Team allerbestens für uns ausgestaltet. Alles klappt wie am Schnürchen, die Infrastruktur ist bestens und gut überlegt, die Aufnahme sehr freundlich und die Organisation lückenlos. Also gar kein Grund zu meckern.

So schummle ich mich von Runde zu Runde und von Stunde zu Stunde. Laufen kann man das schon fast nicht mehr nennen, und ich überhole nur noch die Geher. Locker aussehen tu ich auch nicht, und ich bin auch nicht wenigstens noch nett. Mir geht’s einfach nicht gut, und die überlastete Sehne schmerzt bei jedem Schritt. Das ist Laufen, wie es der  Teufel nicht braucht. Ich bin froh, als die letzte Runde – die ich mit dem roten Fähnchen laufe – endlich abgepfiffen wird und das Elend ein Ende hat 🙂

vielen Dank an Jörg und Steff für die Fotos, an Carina fürs Fahren und vor allem an KLaus für die Weitergabe des Startplatzes 🙂 Nächstes Jahr muss ich hier nochmal her, es fühlt sich an, als hätte ich noch eine Rechnung offen.

PS: Monica, Du warst toll heute !!!

 

 

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4 Antworten zu 6h-Lauf Nürnberg, Deutsche Meisterschaft

  1. Theo schreibt:

    Du machst Sachen, Kati. Aber jetzt kennen wir wenigstens Deinen Geschmack bei Herrentextilien. Gut, mann muss es auch tragen können! LG Theo

  2. Sigrid schreibt:

    genau: du machst Sachen!!! 2 Wochen nach der Ungarn-Expedition schon wieder ein Lauf-Abenteuer. Laß dich lieber an der Verpflegungsstelle beim nächsten Schaichtaler von mir zutexten, ich habe zudem einen Ausschaltknopf 😉
    Gruß Sigrid

    • Kati schreibt:

      Sigrid, verlockendes Angebot 🙂 Leider kann ich bei der nächsten Auflage nicht, aber dafür im November. Vielleicht machst Du ja eine Vollmond-VP ? *grusel*

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