Berliner Mauerweglauf – 15.8.2015

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I’ll show you how great I am

so. Ich musste das erstmal ein wenig sacken lassen. 160,9 Kilometer, was für eine unvorstellbare Distanz. Wie kannst Du nur.

Einen so emotionalen Bericht wie im letzten Jahr – Teil 1Teil 2Teil 3 – werde ich nicht schreiben können, das geht nur beim ersten mal. Diesmal weiß ich ja auch, was auf mich zukommt. Ob das allerdings wirklich ein Vorteil ist?

20463836329_c02eec26d2_oBeim Trolli im Mai habe ich dank Tina die Katrin aus Berlin kennengelernt, sie wird mich durch die Nacht auf dem Rad begleiten. So kann ich meinen Lauf laufen wie ich will, denn so ein Glück, nochmal einen Thorsten zu finden, kannst Du nicht planen. In der Erinnerung an 2014 stört mich ein wenig die 35 Kilometer lange Schlusswanderung zum Ende der Strecke. Ich möchte es gern besser machen und auf den letzten 35 Kilometern dann doch noch große Stücke laufen. Die Zielzeit ist egal, aber wenn es zufällig mal saugut laufen sollte, ich dann etwas schneller wäre und weniger Aufenthalt an den VPs benötigte, dann kann ich auch das 24-h-Limit im Auge behalten, denn wer unter 24 Stunden läuft, bekommt einen sehr geilen Buckle. Ich glaube nicht wirklich, dass ich das schaffen kann, aber wie gesagt, so im aller-äußersten Augenwinkel…

w-1Große Töne will ich im Vorfeld aber nicht spucken, denn 100 Meilen sind einfach nicht kalkulierbar, vielleicht sogar nicht einmal für die richtig schnellen Läufer. Klar, einen Plan und ein Ziel und vielleicht auch Wünsche zu haben ist schon ok, aber es ist auch recht wahrscheinlich, dass unterwegs dann sowieso alles anders kommt. Seit Wochen freuen wir uns über die Hitzewelle, und im August darf es ja auch ruhig warm sein. Allerdings noch so ein Thüringen Ultra, und ich bin da bei km 100 raus. Das hab ich mir so überlegt. 100 km wären ein Ziel, mit dem ich nach Hause gehen kann, ohne geknickt zu sein. Und im übrigen Arbeit genug. Die dritte große VP – die Turnhalle in Teltow – liegt bei km 103. Natürlich möchte ich den Lauf gern schaffen, aber auch meine eigenen Grenzen respektieren und notfalls konsequent sein. Ich muss mir hier nix mehr beweisen, und anderen schon zweimal nicht. Gesagt, getan.

image002Es macht Spaß, wieder nach Berlin zu kommen. In der Stadt steht die Luft, 35 heiße Grad brennen vom Himmel. Gunther und Margit treffe ich als erste direkt vor dem Hotel, KLaus und Gerhard kommen erst später. Zu Fuß erkunde ich den Prenzlauer Berg – die Stadt ist einfach unglaublich. Hier zu leben wäre für mich keine Option 🙂 Am Nachmittag treffe ich Katrin und sie zeigt mir einen großen Biergarten mitten in der Stadt, wo man ihn nicht vermuten würde. Wir besprechen schonmal die Details für morgen. Beim Abendessen und beim Briefing treffe ich einen Haufen Bekannter und sehe viele Gesichter, die ich vom letzten Jahr noch kenne. Gisi hat die Haare schön. Thorsten ist auch da, aber wir können uns nur kurz begrüßen. Noch einen Absacker, und dann früh aufs Zimmer. Um 4 Uhr ist Aufstehen, und die Dropbags müssen noch gepackt werden. Die einschlägigen Kandidaten feiern natürlich noch ordentlich weiter.

w-2 th-6 th-5Alles klappt hier wie am Schnürchen, wir frühstücken im Stadion, und schon stehen wir wieder am Start. Als läge kein ganzes Jahr dazwischen. Es gibt Moderation und ein paar Interviews mit ausgesuchten Läufern. Einer steht tatsächlich in einem Formel-1-Rennanzug am Start – ein Streakrunner, der für die Gesundheit von Michael Schumacher läuft. Ich lasse das unkommentiert und erfahre später, dass er ihn wohl auch persönlich kennt und außerdem Arzt ist. Trotzdem geht das mit dem Rennanzug nur bis km 30 gut, und dann ist die wunderbare Betty ihren Begleiter los. Doch dazu später.

Die ersten Kilometer laufe ich mit Gunther, der sich glaube ich ganz gerne von mir einbremsen lässt 😉 Das ist schön 🙂 Hier macht das ja nix, „zu langsam losgelaufen“ kann es auf dieser Distanz gar nicht geben. Die Strecke vergeht wie im Flug und wir erzählen uns dies und das. Diesmal laufen wir gegen den Uhrzeigersinn, gefühlt also die Strecke rückwärts. Ich erkenne viele Streckenabschnitte wieder, die ich mit Thorsten gegangen bin. Verrückt, wie schnell die ersten 35 Kilometer vergehen, im Vergleich zu den letzten 35 des Vorjahres. Es ist jetzt schon gut warm, aber nicht so brachial heiß wie beim TÜ. Die Franzosen sind auch wieder da und wir begrüßen uns freudig. Raymond begleitet einen oder zwei Einzelläufer, Olivier fährt auf dem Rad mit, denn sein Staffeleinsatz ist erst am Nachmittag.

11870775_818298144936219_2140542061299554263_nUngefähr bei km 20 gibt es einen kleinen Zwischenstopp, hier ist die Gedenkstelle für Marienetta Jirkowsky, der Lauf steht im Zeichen des Andenkens an sie, stellvertretend für alle Maueropfer. Jedes Jahr wird auf diese Weise eines der Maueropfer zum Gesicht des Laufs. Mit den Startunterlagen haben wir kleine Kärtchen bekommen, auf die wir unsere Gefühle schreiben sollten. Diese werden nun an eine Wand gepinnt, es soll ein Gedenkbuch daraus entstehen. Die Maueropfer werden hier teilweise wie Helden verehrt – da kann ich ehrlich gesagt nicht so ganz mit. Sicher ist furchtbar, was hier geschehen ist, und ein Gedenken und Erinnern ist gut und wichtig, aber ich habe auch den Eindruck, dass in viele Geschehnisse vielleicht doch ein wenig wild hineininterpretiert wird. Wird man mit dieser Art von posthumer Stilisierung diesen doch bestimmt ganz verschiedenen Menschen wirklich gerecht? Mit dem Ausfüllen des Kärtchens habe ich mich deshalb schwer getan und schließlich nur einen Lebensbaum darauf gemalt. Es wäre aber auch wirklich doof gewesen, eine so mühevoll ausgedachte Aktion zu boykottieren. Gerhard kommt auch prompt in die Zeitung 🙂

urn-newsml-dpa-com-20090101-150815-99-01599-large-4-3 th-3 th-2 startWeiter geht es, doch es läuft sich schwer. Vom Start an ist es warm, und die Luftfeuchtigkeit ist sehr sehr hoch. So heiß wie gestern ist es nicht, und es weht auch ein angenehmes Lüftchen. Aber die Schwüle ist extrem erdrückend. Schon nach kurzer Zeit hängen mir die Klamotten pitschnass am Körper und jeder Schritt ist beschwerlich. Wie soll das erst in der Mittagshitze werden? Ich dope mit Salztabletten, damit ich nicht aus den Latschen kippe. A propos Latschen: ich trage tatsächlich einen nagelneuen Nimbus 17, den ich nicht mal mehr einen einzigen Kilometer einlaufen konnte. Und bereue es bis zum Schluss keine Sekunde. Der Untergrund ist so holprig und uneben und schwer zu laufen, ständig wechselt der Belag, und Du brauchst hier den besten Schuh, den Du bekommen kannst. Gunther läuft in HOKAs. Jemand anderes in Laufsandalen, die mir auch gut gefallen würden  www.nakedshoes.de

Abwechselnd geht es durch Ländliches und Städtisches. Ruderclub bei km 33, die erste große VP und Wechselzone für die Staffeln, hier liegen unsere ersten Dropbags in der prallen Sonne, daneben die abgearbeiteten Staffelläufer voller Vergnügen. Ich esse meinen Baby-Grießbrei *ggg*. Schon haben wir einen guten ersten Eindruck, was uns noch erwartet. Ich muss das verdrängen, sonst steige ich gleich hier direkt und jetzt sofort aus dem Rennen aus.

Die angedachte Taktik, immer nur von einer VP bis zur nächsten zu denken und sich möglichst nicht die Restkilometer vorzustellen, die funktioniert mal so überhaupt gar nicht. Irgendwann um km 45 schicke ich Gunther nach vorne weg, weil ich ein erstes Tief habe. Die Lendenwirbel sind auch gar nicht gut, und so lege ich mich erstmal ins Gras und mache ordentlich ein paarmal das Krokodil. Es hilft ein wenig, zumindest wird es dann nicht mehr schlimmer. Hier überholt mich auch KLaus. Ein bißchen zu früh für meinen Geschmack. Aber da zeigt sich eben wieder, dass Leute wie KLaus das Wetter nicht als Ausrede benötigen – die laufen ihr Ding runter, egal ob’s Sand regnet oder Katzen hagelt.

th-4Die Wespenplage beginnt. Jede VP ist umlagert von schwarzgelben Schwärmen, die Viecher stürzen sich auf und in unseren Proviant, dass es nicht mehr normal ist. Zum Teil traue ich mich kaum noch an die Stände heran. Die Wahl der Nahrung fällt entsprechend lieblos aus, ich nehme einfach immer das erste was ich kriegen kann und mache mich so schnell als möglich damit vom Acker. Unvorstellbar – die armen Helfer, stehen den ganzen Tag mittendrin. Übrigens nur so als Tipp: ich habe mir angewöhnt, von Juli bis September Cola grundsätzlich zuerst in einen anderen Becher umzuschütten.

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pfeilWeiter geht es, immer den Pfeilen nach. Die Markierung ist ganz hervorragend, so wie überhaupt die komplette Infrastruktur ohne den geringsten Mangel ist. Wir werden mit allem gepampert, was die Fantasie hergibt. Danke vielmals dafür. Laufen musst Du natürlich immer noch selbst. Sehr froh bin ich, als endlich Kilometer 50 erreicht ist. Mit ungefähr 6 Stunden 15 liege ich nur ein paar Minuten hinter meiner Zeit aus dem letzten Jahr, brauche ab jetzt aber schon die ersten Gehpausen. Das nächste mentale Etappenziel ist der zweite Wechselpunkt bei km 71 am Schloß Sacrow in Potsdam. Es geht glaube ich viel durch den Wald, und viel in der Nähe des Wassers vorbei. Ist das der Wannsee? Erdkunde 5, setzen. Ich kann mich an keine Einzelheiten erinnern, aber ich erkenne den Streckenpunkt, an dem es im letzten Jahr dunkel wurde. Etwa bei km 65 beginnt es zu regnen, und ich stelle mich kurz an einem Bushäuschen unter. Das dort sitzende Radler-Pärchen ist völlig von den Socken als sie hören, dass der Lauf 161 km lang ist. „Das ist ja fast ein Marathon!“ meint der Mann noch. Yo. Ich geh dann mal wieder. Immer öfter werden wir jetzt von Flaneuren angehauen, meine Auskunftsfreundigkeit ist allerdings beschränkt. Ich versuche höflich zu antworten, bleibe aber nicht stehen.

An der VP der Familie Pagel ist wieder ein Gartenfest deluxe aufgebaut. Mit Bierbänken und Nudeln und einer exzellenten Verpflegung. Musik, Moderation, Videoübertragung ins Netz. Ich setze mich eine kurze Weile, muss auch mal nach meinen Schuhen schauen. Allzu gemütlich darf ich es mir aber nicht machen, und die Wespen fliegen auch hier. Das Schmalzbrot das ich esse, ist keine gute Idee.

Seit einiger Zeit treffe ich auch immer wieder auf die wunderbare Betty 🙂 aus Düsseldorf. Für den heutigen Tag zumindest hat sie bei mir diesen Titel verdient. Betty ist so in meinem Alter und leidet mit Würde. Die ist härter als ich, das sehe ich gleich. Dreimal zieht sie sich während des Laufes um, und jedesmal sind die Klamotten genial, bunt und farbenfroh. Betty verbreitet unaufdringlich gute Laune und Zuversicht, und ich nehme mir ein Beispiel an ihr und stelle das Jammern am besten gleich ganz ein. Ist doch schön, dass wir hier sind. Sie zitiert mir Muhammad Ali aus seiner „motivational speech“

show-meund ich muss so lachen. „I’ll show you how great I am“ ist jetzt unser Motto für die letzten läppischen 100 Kilometer. Dieser Quatsch trägt doch tatsächlich mehrfach dazu bei, dass ich weiterlaufe, und Betty, das werd ich Dir echt nicht vergessen 🙂

Durch die VP „Brauhaus Meierei“, hier gibt es Bier, aber natürlich nicht für mich. Es ist schön, die VPs schon zu kennen. Davor sind wir glaube ich über die Glienicker Brücke gelaufen. Oder war es danach? Jetzt ist es auch nicht mehr weit bis zum Schloss Sacrow. Wechselpunkt 2, die fleißigen Helfer strecken mir auch hier mein Dropbag schon entgegen, als ich noch 50 Meter entfernt bin. Schnell esse ich meinen hinterlegten Proviant auf und mache, dass ich Land gewinne. Meine Standzeiten an den VPs sind absolut in Ordnung, viel Zeit vertrödle ich nicht. Die Uferpromenade ist anstrengend, hier sind viele Spaziergänger unterwegs und ich kann verstehen, dass sie uns anschauen wie Aliens. Wir riechen auch so.

thorsten-1Margit läuft locker an mir vorbei, sie wird 3 Stunden vor mir im Ziel sein und sieht noch super aus. Davon darf ich mich jetzt nicht runterziehen lassen, es gibt eben Teilnehmer auf ganz unterschiedlichen Niveaus und basta. So schlecht bin ich auch wieder nicht. Ich freu mich hier für jeden, der mit den Bedingungen gut klar kommt. Mir geht es ja auch noch gut, allerdings ist es ein hartes Stück Arbeit und ich fühle jeden Kilometer wie das Eineinhalbfache. Das sind heute wirklich schwierige Bedingungen, und auch der kurze Regen und die mittlerweile geschlossene Wolkendecke haben der Schwüle nichts anhaben können.

Schon ist – unter den johlenden Gesängen des Mannes in Pink und seiner Begleiter (made my day) – die VP am Wasser erreicht, etwa bei km 90 (?) und hier treffe ich wieder auf Conny und ihren Freund, die ich aus dem letzten Jahr kenne und meilenweit vor mir wähnte. Das Rätsel ist schnell gelöst, denn die beiden tragen Schilder auf dem Rücken, auf denen „frisch“ und „verheiratet“ steht. Bei km 34 sind sie mal kurz zum Standesamt abgebogen. Crazy 🙂 Da kannst nur herzlich gratulieren, der Conny und dem Karl. Auch Tanja und ihren Mann (Radbegleitung) treffe ich hier, sie ist genauso angestrengt wie ich. Es beruhigt mich, dass auch die Granaten so langsam erschöpft sind. Sie meint, ein Ironman sei nix gegen das hier. Wir werden uns ab jetzt auch immer wieder treffen. Ich bin dankbar, dass solche Menschen um mich rum sind.

km-109-tomrun j-2 j-1 11893893_1138066066207635_6267124424942761055_oDas nächst Etappenziel ist jetzt Kilometer 103, der WP 3 in Teltow in der Sporthalle. Hier treffe ich planmäßig auch meine Radlerin Katrin, der ich mein Erscheinen so ab 14 Stunden avisiert hab. Da ich 15:30 brauche, ist es auf den letzten Kilometern schon dunkel, und ich gehe sie zur Erholung mit Betty und einem René. Und mit Thomas, den ich tatsächlich noch von der Zugspitze kenne, der aber laut seiner Startnummer Oliver heißt. (?)

Teltow ist erreicht, aber Katrin ist nicht da. Ich gucke ziemlich blöd aus der Wäsche. Irgendwas muss schief gelaufen sein, denn ich schätze sie als sehr zuverlässigen Menschen ein. Ein Handy hat sie nicht, also gibt es keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Jetzt erstmal in Ruhe was essen, und keine Panik. Hier gibt es Nudeln und ich halte mich länger auf, packe meine Tasche um und rüste mich für die Nacht aus. Wechselklamotten habe ich nicht dabei, nur ein Shirt mit Halbarm, das mir aber immer noch zu warm ist.

Obwohl es hier getrennte Umkleiden und Duschen gibt, sitzt keine 5 Meter neben mir ein splitterfasernackerter hässlicher dicker Mann, der ausgiebig und ungeniert Läufer-Körperpflege an den unaussprechlichen Stellen betreibt. Er fühlt sich so wohl, dass er sich gar nix mehr anziehen will. Ist es zu fassen. Kinder ich sach Euch, man sieh auf sonnem Ultralauf auch Sachen, die man nicht wirklich sehen möchte.

Katrin kommt zum Glück 5 Minuten nach mir, die S-Bahn ist nicht gefahren, und sie musste 15 km hier heraus radeln… Meine Füße sehen nicht gut aus. Durch die Geherei beginnt schon die Blasenbildung an den Ballen in der Tiefe. Bei km 100 eindeutig zu früh, aber was willst machen. Rennen geht eben nicht mehr durchgängig. Schnell die Socken gewechselt und die Füße eingefettet, aber es ist klar, dass das nicht mehr gut gehen wird. Ich bin nicht gerade total fertig, aber nach 15:30 Laufzeit doch schon ausreichend ausgelastet, und es beruhigt mich nicht gerade, dass ich längst nicht mehr so viele Reserven übrig hab wie letztes Jahr bei km 100. Der Lauf beginnt bei km 120, und ungefähr so weit kann ich mir noch vorstellen zu laufen, aber nicht mehr weiter. Aber das ist der falsche Ansatz, so darf man nicht denken. Also hey, Augen zu und durch, vielleicht geht es ja doch irgendwie. Cutoffs und Zeitlimit sind zum Glück kein Thema. Zwar werde ich viel viel länger brauchen als im letzten Jahr, aber die 30 Stunden Zielzeit interessieren mich trotzdem nicht. Vielmehr, ob ich überhaupt drin bleiben kann.

Noch bin ich zuversichtlich, und wir stürzen uns in die Nacht. Mit Radbegleitung und bei Dunkelheit beginnt für mich jetzt ein ganz neuer Abschnitt.

Auch wenn ich es bis jetzt noch nicht erwähnt habe, die Mauer und ihre Geschichte sind natürlich auch in diesem Jahr stets präsent. Ein wenig treten sie für mich jedoch in den Hintergrund, da ich wirklich von Anfang an mit mir selbst genug zu tun habe. Das heißt aber nicht, dass ich nicht immer wieder auch neue Dinge entdecke, die mir im letzten Jahr entgangen sind. Gerade jetzt in der Nacht wirkt vieles gruselig und bedrohlich, und die beleuchteten Gedenkstelen für die Maueropfer scheinen sich zu häufen. Der historische Mehrwert des Laufs ist ein steter Begleiter.

Katrin ist auch eine tolle Begleiterin, und man merkt, dass sie schon Erfahrung mit dem Job hat. Sich selbst nimmt sie komplett zurück und stellt sich völlig uneitel in meinen Dienst. Am Anfang kann ich noch ein paar Kilometer laufen, aber nicht mehr viele. Der unebene Untergrund, die Nacht und überhaupt die Erschöpfung vom Tag, das alles macht mir zu schaffen. Nach wenigen Kilometern treffen wir Katrins Bruder mit Tom und noch einer Dame. Katrin kennt viele der Läufer und der Helfer, und so trifft sie an fast jeder Station auf Freunde oder Bekannte. Ich bin froh, denn als unterhaltsamer Laufpartner gebe ich echt nicht mehr viel her. In meiner Erinnerung verschwimmen jetzt viele der überwältigten Kilometer zu einem Einheitsbrei.

Lange lange geht es durch den Wald, immer wieder. Ein weites Teilstück führt auch richtiggehend durch die Wildnis, zum Teil auch nur auf eher schmalen Pfaden. Sind wir hier im letzten Jahr auch gelaufen? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Der Wald ist tief und finster, selbst in Begleitung ist es mir hier noch nicht so richtig wohl. Meine Füße schmerzen bei jedem Schritt, und ich spüre, wie die Blasen sich entwickeln. Das sind keine Blasen, die oberflächlich durch Reibung entstehen. Die Füße sind angeschwollen und rebellieren, nichts passt mehr so richtig zusammen. Es würde einfach jetzt reichen. Ich kann förmlich spüren, wie sich heiße Monsterblasen bis an die Oberfläche durcharbeiten.

Lichtjahre später, bei km 125, erreichen wir die Station vom Steini am Rande eines eher noblen Wohngebiets. Seine Freunde machen hier eine richtige Party, schon von weitem zu hören. Gesprühte Parolen leiten ihm und uns den Weg. Wie war das nochmal mit der „Ente kross“ – er hat es mir in Biel erzählt, aber ich habs vergessen. An der Station angekommen bin ich regelrecht erschossen. Betty hängt da auch in einem Stuhl, verabschiedet sich aber bald wacker mit einem „I’ll show you how great we are“. Ich frage nach Steini, und wann er hier durch ist. Den häbe man irgendwann in der Nacht verloren, bekomme ich zur Antwort. Hm. Ich setze mich und mümmle frustriert an einem trockenen Brot. Es gibt nichts mehr, auf das ich wirklich Lust hätte, was aber nicht an der angebotenen Auswahl liegt, denn die ist großartig. Kurz darauf berichtet jemand vom Telefon, der Steini sei in 2 km Entfernung gesichtet worden und im Anmarsch. Das Problem ist, wenn ich hier jetzt auf ihn warte, dann hängen wir garantiert noch so lange herum, bis es zu spät zum Weiterlaufen ist. Ich hinterlasse also Grüße und mache mich auf den Weg. Das war richtig, denn des Steini Spur verliert sich später endgültig an dieser VP – er wird das Ziel diesmal nicht erreichen 😉 was ihn vermutlich nicht groß belastet 🙂

Ich dagegen marschiere jetzt direkt in die ganz große Krise hinein. Die Schmerzen in den Füßen zermürben mich bei jedem Schritt, außerdem habe ich Scheuerstellen am ganzen Körper, die brennen wie Feuer. Auch der Schlafentzug schlägt jetzt brutal zu – obwohl er diesmal insgesamt nicht ganz so schlimm ist. In meinem Magen stimmt auch was nicht so ganz, da muss ich dringend mal danach schauen. Was könnte ich nur essen? Bei der VP an km 130 pflatsche ich in einen Stuhl und sage Katrin, dass ich jetzt in Ruhe darüber nachdenken muss, ob ein Ausstieg angebracht wäre. Winne fragt, ob ich eine Decke möchte. Bloß nicht, mir ist warm genug. Gut so, denn Frieren ist ja auch ein Zeichen von Erschöpfung. Winne bringt mir die letzten 3 kleinen Kartöffelchen, und ich esse sie schamlos auf, bevor mein Nebensitzer noch Bedarf anmelden kann. Dazu noch Cola und Brot, dann geht es mir etwas besser, so dass ich in Ruhe überlegen kann.

Gleich nebenan befindet sich eine UBahn-Station, das würde sich für einen Ausstieg sehr gut anbieten, da ja auch Katrin mit dem Rad dann wegkommen muss. Allein der Gedanke aber, jetzt mit den Nachtschwärmern UBahn zu fahren, graust mich. Ich überlege hin und her. Meine Füße sind jetzt schon so schlimm, dass sie im Ziel nicht mehr wirklich vertretbar sein werden – aber vielleicht muss ich für das letzte 100-Meilen-Finish meines Lebens einfach auch mal meine Prinzipien über Bord werfen? Es sind nur noch 30 Kilometer – aber das bedeutet mindestens 6 Stunden. Der Schlafentzug wird noch schlimmer werden. Es wird keine guten Momente mehr geben, die nächsten 6 Stunden werden einfach nur ein einziger Kampf. Wer braucht schon sowas. Verdammt, nur wegen der Eitelkeit? Andererseits, jetzt bin ich hier. Ich habe Zeit. Ich habe nicht mal ein Hotelzimmer. Morgen ist alles vergessen, aber der Frust des Aufgegeben-habens, der wird ewig bleiben. Scheißegal, ich will in mein Bett. Sigrid rauscht in einem Pulk Ihresgleichen durch die VP, der Aufenthalt ist kurz, aber das Weiterlaufen keine Frage. Ich erfahre von ihr, dass Gerhard wohl auch hinter 100 raus ist. Mist. Jetzt bin ich Teil der schwankenden Gestalten, zu denen ich nie gehören wollte. Mit einem Unterschied: Die werden alle das Ziel erreichen.

winneIch treffe eine einsame Vernunftsentscheidung und schalte meine Stirnlampe ab. Schluss, aus, vorbei, ich bin raus, ich habe fertig, das braucht doch kein Mensch !!! Das hier war heute einfach zu hart für mich, die Bedingungen SIND schwierig, und wir haben schon erfahren, dass so 70 bis 80 Teilnehmer ausgestiegen sind – am Ende werden es 82 von 294 Startern sein, die aufgeben mussten. Nachdem ich mich entschieden habe, bleibe ich noch 5 Minuten sitzen, um meinen Entschluss zu festigen. Katrin hat sich derweil zu ihren Bekannten zurückgezogen, um mich nicht zu stören – sie hat wirklich ein tolles Gespür. Natürlich hat sie schon gesehen, dass ich die Lampe abgeschaltet habe. Ich stehe auf und informiere Winne, dass ich raus bin. Es fühlt sich verdammt korrekt an. Und was interessiert mich, ob ich das hier zuende laufe oder nicht. Es ist gut jetzt.

Winne geht zum Auto, in dem Steffen schläft. Er muss Steffen wecken, denn Steffen muss meinen Ausstieg irgendwohin melden. Das kriege ich aber nicht so richtig mit sondern denke, Winne holt das Handy um zu telefonieren. Und exakt in diesem Moment merke ich, dass es mir plötzlich wieder blendend geht. Die Pause hat so gut getan! Die Kartoffeln !!! Ich bin nicht mehr todmüde und erschöpft und schwach, sondern nur noch angestrengt und platt und müde. Ich kann weiterlaufen. Winne macht noch ein Foto von mir mit Startnummer und sagt, er wird auf der Ergebnisliste nach mir schauen. Und weg sind wir.

Mann was für eine Show. Ich bin mir selbst ein wenig peinlich. Aber eins ist klar: Jetzt muss ich durchlaufen.

Nicht, dass es jetzt einfacher würde. Die Blasen werden immer größer, rechts laufe ich schon auf einem dicken Kissen und will gar nicht daran denken was passiert, wenn es sich öffnet. Hoffentlich bleibt die Haut drauf… Lass mich nur noch diese 30 Kilometer schaffen, und dann lauf ich nie wieder irgendwas, ich schwörs. Es beginnt zu dämmern, und ich zwinge mich zu einem zügigen Schritt. Am besten an den VPs jetzt auch gar nicht mehr hinsetzen, sondern so schnell als möglich alles hinter mich bringen. Bald kommen wir zu dem langen Stück an der Schnellstraße – es ist furchtbar zäh, aber das macht mir gar nix, denn hier liegt ein wunderbar flacher Asphalt, der reinste Traum. Nette Durchhalteparolen sind auf Schilder gemalt.

10984129_1137942166220025_1594396827131585152_nAn einer der nächsten Stationen trifft Katrin wieder Bekannte. Darunter ist Benny, der Vorjahres-Sechste. Von ihm erfahre ich, dass Gunther schon vor Stunden hier durch und Gerhard tatsächlich raus ist. Sehr schade für Gerhard, ich hätte gedacht er schafft es. Und toll für Gunther, ihm scheint es gut zu laufen, der Arm scheint zu halten.

Weiter. Die Blasen öffnen sich, was kurzfristig eine Entspannung darstellt, aber dann umso schmerzhafter wird. An 2 Stationen frage ich nach Blasenpflaster, aber es ist nix da. Ist wahrscheinlich besser so – keine Experimente. Am besten auch gar nicht reingucken. Das muss jetzt irgendwie gehen.

Wir erreichen Stadtgebiet und ich erkenne die Strecke vom letzten Jahr. Weniger als 20 Kilometer. Ich fange an, andere Elende zu überholen, das ist gut für den Kopf. Tanja und ihren Mann treffen wir auch wieder. Kreuzberg, Anfeuerungen und sehr positive und nette Zurufe von Leuten, von denen man das im Leben nicht erwarten würde. Trotzdem besser schnell hier durch. Nächste VP East Side Gallery, weniger als 15. Die Wespen sind wieder wach und ich habe Angst, auf den letzten Metern doch noch gestochen zu werden. 5 Kilometer bedeuten eine Stunde. Eine harte Stunde. Nächste VP am Asisi-Mauerpanorama. Links davon der Checkpoint Charlie (jetzt weiß ich auch, warum ich ihn im letzten Jahr übersehen habe). Weiter durch die Büro-City. Die Touris werden wach. Noch 8,8 Kilometer. Der Rest ist ein Spießrutenlaufen. Ohne Katrin als Begleitung würden sie mich wahrscheinlich verhaften oder von der Straße wegfangen, ich bin ein Zombie. Ich will nix mehr wissen, nur noch nach Hause. Am Reichstag vorbei, links ein kurzer Blick aufs Brandenburger Tor, macht mich glücklich, dann Reichstag von vorne. Letzte VP hinter dem Invalidenfriedhof, hier kannst gleich mal Probeliegen. Noch 4 Kilometer. Die ziehen sich. Ich kann nicht mehr auftreten und werde immer langsamer. Verdammt sind das Schmerzen, und die Sonne knallt herunter.

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kati 100 1Die letzten 2 Kilometer geht es über die Bernauer Straße bergauf durch fette Touristenpulks und den Verkehr. Es zieht sich endlos bis zum Stadion. Was bin ich dankbar, als es erreicht ist. Die Stadionrunde absolviere ich gehend, sie ist ungefähr dreitausend Meter lang. Selbst der freundliche Empfang im Stadion ist mir jetzt zuviel, ich kann echt gar nix mehr brauchen, bin total platt. 28 Stunden und 45 Minuten, fast 3 Stunden langsamer als im letzten  Jahr. Katrin zwingt mich noch zu einem Zielfoto, das ist gut, sonst gäbe es keins. Als ersten Läufer im Ziel sehe ich René, der auch noch nicht allzu lange da ist. Norbert, den ich (leider) gar nicht richtig persönlich kenne, macht davon einen Screenshot bei der Live-Übertragung – sehr witzig. An dieser Stelle auch vielen Dank an meine lieben Stalker aus dem Forum und von anderswo, besonders Biggi und Hannes 🙂

what a ride

sehr schnell verabschiede ich mich von Katrin, die das zum Glück versteht, und in der Zielhocketse auch viele Freunde trifft. Beutel suchen, dann schnell mit dem Shuttle zurück ins Hotel. Am Shuttle treffe ich noch Ronald, und schon bin ich nimmer ganz so fertig. Aus dem Bus steige ich in Socken. Vor dem Hotel sitzen schon die Geduschten und Ausgeschlafenen beim Bier. Ich schäme mich ein wenig, dass ich so schlecht bin. Aber egal. Hauptsache durch. Margit gibt Gerhard Blasenpflaster für mich mit.

backbackNach der Dusche fühle ich mich gleich wieder wie ein Mensch. Komischerweise bin ich gar nicht so fertig, wie ich dachte. Und die anderen humpeln auch. Die Siegerehrung ist nett, halt mit arg viel Jägerlatein. Zusätzlich zur Finishermedaille bekomme ich noch die back-to-back-Medaille in echtem Gold, für das zweimalige Finishen in Folge. Gunther und Wolfgang haben sich einen Buckle erlaufen, und KLaus kann es nicht lassen mich ein wenig zu foppen 🙂 aber wär ja auch schlimm, wenn’s anders wär.

Mit Gunter und Margit esse ich noch eine Kleinigkeit im Hotel, dann leiste ich mir ein Taxi zum Flughafen, soviel Vornehm muss sein. Zuhause werde ich dann so empfangen: (naja, echt peinlich, aber lieb gemeint)

okajat

Hiermit schließe ich mit dem 100-Meilen-business ab. Es ist mir zu anstrengend und zu aufwändig, auch in der Vorbereitung. Ich bin aber sehr froh, dass ich mir das mal erfüllen konnte 🙂 Leider geil 🙂

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17 Antworten zu Berliner Mauerweglauf – 15.8.2015

  1. Unfassbare Leistung. Herzlichen Glückwunsch!

    Habe dich leider nicht gesehen. Wäre ja schön gewesen.

  2. laufenlassen schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch!! Großartige Leistung!

  3. Norbert schreibt:

    Durchgebissen, kompliment, das schaff(t)en unter diesen Bedingungen nicht viele. Bin gespannt auf Deinen Bericht (auch gerne mit Screenshot 😉

  4. Thomas schreibt:

    Waaaaaaahnsinn!!! Supermegaklasse Leistung 🙂

  5. Norbert schreibt:

    Teil1 liest sich richtig gut …jetzt fehlen noch die nächtlichen Wildschweine …oder gabs diesmal keine wilden Tiere 🙂

  6. ironblogeu schreibt:

    Mir fehlen die Worte.

  7. Ronald schreibt:

    Also, im Shuttel zum Hotel hast Du aber wieder ganz gut ausgesehen. Und das mit dem Ausstieg aus dem Business solltest Du Dir vielleicht doch noch überlegen. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, dass im kommenden Jahr der Mauerweglauf wieder stattfindet und dabei auch wieder Staffeln an den Start gehen dürfen. Na?!

  8. Gerd (diro1962) schreibt:

    Das tut ja schon beim Laufen weh Kati. Ich hoffe ich muss bei der TTdR nicht die gleichen Qualen durchstehen. Als Mann bin ich dafür ungeeignet. 😉
    Ganz toller Bericht über einen Lauf der schon lange auf meiner Wunschliste steht!

  9. Wolfgang Meinolf schreibt:

    Hallo Kati,
    klasse Bericht und klasse Leistung. Ob ich sowas nochmal mache? Darüber gebe ich meine Meinung immer erst nach frühestens 14 Tagen ab. Das hilft, wirst sehen 😉

  10. Schauläufer schreibt:

    Kati, einmal noch könntest du ein gutes Werk tun und einem armen alten Mann an der Hand nehmen und nächstes Jahr über die Strecke begleiten.Übrigens (ich gebs nicht gerne zu.;-) Du bist die größte (zumindest für so kleinen schmächtigen wie mich-)
    Erhol dich gut.

  11. jollyjumper123 schreibt:

    Hut ab! Und nun erhole dich gut. Ich mach ja auch viel Blödsinn, aber 100 Meilen gehören definitiv nicht dazu.

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