Biel – 12.6.2015

www.100km.ch

99.

.

der letzte ging dann auch noch 😉

.

anton-1 anton-2 birgit norbert start steini-1 steini-2.

.

nachher

.

.

.

nachher

.

.

.

.

vorher

.

.

.

mittendrin

.

.

.

.

Die Nacht der Nächte kann Dich auch behalten

Axel und ich fahren über Konstanz nach Biel, es ist eine rechte Kugelfuhr bis wir endlich da sind. Am Kongresshaus treffen wir Birgit und Norbert, dann Steff, und in der Esplanade den Gerhard. Zur allseitigen Überraschung taucht auch noch Mr. Bottwartal auf, er hat mal kurz nachgemeldet. Ganz cool mal schnell einen Hunderter nachmelden – das fehlt mir noch auf meiner Liste. Wenn’s weiter nix ist?

Norbert ist schon in Radmontour, er wird den Begleitradler für Birgit machen, da zum Zeitpunkt der Anmeldung eine Teilnahme mit dem frisch verheilten Bruch noch nicht so sinnvoll erschien. Den Comrades vor zwei Wochen ist er aber gelaufen, als sei nix gewesen.

Am Start treffen wir noch Gunther, Jürgen und Hadi. René findet uns auch noch. Nur nach dem Schweizer-Axel, nach Reinhard, Harald und nach Franz halte ich vergeblich Ausschau. Es sind so an die 1.300 Teilnehmer am Start, über 5.000 in allen Läufen (ohne Gewähr). Die Atmosphäre ist entspannt und familiär.

.P1020804 P1020806 P1020808 P1020809 P1020811 P1020812

Für die Nacht sind vereinzelte Gewitter und Schauer angesagt, da es aber noch immer bollenheiß ist, kann ich mich nicht dazu überwinden, ein Shirt mit Ärmeln anzuziehen oder mir die Jacke umzubinden. Frieren ist besser als Schwitzen – denkt man ja zumindest, solange man nicht friert 🙂 Kurz vor dem Start kommt Wind auf, der Ungutes vermuten lässt. Doch dann bleibt es die ganze Nacht trocken und sehr sehr schwül.

Die ersten Kilometer durch die Stadt ziehen sich diesmal endlos dahin. Mir kommt es vor, als sei die Strecke teilweise geändert worden? Vom ersten Kilometer an laufe ich in meinem gemütlichen Trott und es fühlt sich gut an. Die letzten Läufe waren gut, und ich glaube, dass ich außer der Grundgeschwindigkeit keine Defizite mehr habe. Seit Leon-Rot ist viel passiert, auch wenn es auf den Tag genau erst 2 Monate her ist. Wenn es richtig super läuft, möchte ich unter 12:30 laufen, 13 Stunden sind auch noch ok, bei 14 wäre ich enttäuscht, und länger will ich sowieso auf keinen Fall brauchen.

Mir kommt es so vor, als seien noch nie so viele Zuschauer an der Strecke gewesen. Das Halligalli ist schon fast zuviel. Die ersten 15 Kilometer vergehen ratzfatz, und schon freue ich mich auf die Brücke in Aarberg. Die Marathonspitze überholt uns bald, danach kommt lange lange nix mehr, dann die nächsten 3 oder 4 Marathonisten. Vom Halbmarathon sehe ich nur die beiden Führenden, dann bin ich auch schon am Ziel vorbei, für uns bei km 17.

Ein kurzes Stück läuft René mit mir, das wäre jetzt nett, aber er kann schneller und das Reden kostet mich zuviel Energie und Konzentration. Er läuft davon, ich sehe ihn aber noch bis km 38 immer kurz vor mir. Der nächste Begleiter ist Thomas aus Berlin, den ich hier vor 2 Jahren kennengelernt und letztes Jahr beim Mauerweglauf wieder getroffen habe. Auch ein spannender Gesprächspartner, aber leider ebenfalls zu früh im Rennen, wenn ich mich hier jetzt festquatsche, bin ich bei km 50 tot. Wir treffen uns dann aber bis zum Schluss immer wieder. Norbert wartet am Ende des Radlertreffpunkts.

Was für ein herrlicher Lauf durch die warme, ländliche Nacht. Ich bin happy. Wie immer ist alles super organisiert, die VPs funktionieren, und die Stimmung im Feld ist positiv konzentriert. Einzig störend sind die Begleitradler, für die es einfach im Moment noch zu eng ist. Auch die armen Marathonisten müssen um sie herumzirkeln, und manche machen es einem echt schwer. Abschnittsweise denke ich, dasss ich in die Tour de France geraten bin. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass ich als Läufer hier jetzt STÖRE, und zweimal werde ich sogar von Begleitradlern weggeklingelt. Manche betreuen auch mehrere Läufer und radeln munter in der Mitte des Felds vor und zurück. Naja, es ist ein alter Zopf, wie jedes Jahr, und natürlich verhalten sich viele auch vorbildlich. Aber Biel braucht definitiv keine Begleitradler, das ist Beschäftigungstherapie, mehr nicht.

Es läuft alles rund, bis ungefähr bei km 35. Hier merke ich, dass mein Kreislauf nicht ganz auf der Höhe ist. Zuerst sind es nur die durch den Sehfehler bedingten Doppelbilder, die bei mir ja nichts Ungewöhnliches sind, die ich aber zu einem so frühen Zeitpunkt noch nicht erwartet habe. Kommen sie zu früh, wird es mir meist schlecht davon und der Gleichgewichtssinn kommt nimmer so recht hinterher. Mist. Vorsichtig laufe ich weiter bis zum Marathonziel in Oberramsern, das ist bei uns km 38. Hier ist eine größere Station und ich nehme mir Zeit. Erstmal muss ich mich aber hinsetzen, denn alles andere wäre sinnlos. So komme ich vielleicht mit Glück bis km 50, aber ganz sicher nicht bis 100. Mist. Nach einer Weile trotte ich ganz vorsichtig weiter. Jetzt kommt das Wegstück, auf dem es meist am kältesten ist, aber heute ist es bestenfalls kühl und ich bin weit vom Frieren entfernt. Die Anstiege liegen strategisch günstig und ich beschließe, die Gehpause vorsichtshalber bis zur nächsten VP auszudehnen.

norbert_aAlle anderen gehen die Anstiege auch schon hinauf, so dass sich zum Glück niemand um mich schert. Verdammt ich bin müde, soooo müde, ich kann kaum noch die Augen offen halten und die Lichter flackern und brennen. Am liebsten möchte ich mich rechts in die Wiese werfen und einfach ein paar Stunden schlafen – wenn ich das könnte, würde ich das tun, aber ich kann sowas leider nicht. Mir ists immer noch leicht schwindelig. Ohne viel Hoffnung nage ich an den komischen Salzbrezeln herum, an denen kaum Salz ist. Die Salztabletten liegen wie immer zuhause. Das einzige was jetzt hilft, ist erstmal Ruhe zu bewahren. Ich sage mir, dass ich jetzt und hier noch nix entscheiden muss.

Ungefähr bei km 42 kommt die Läuferkontrolle mit dem Stempel, den man zum Erhalt des Finisher Shirts braucht (Kopfkino sofort wieder off, das geht natürlich nicht). Bei km 45 die nächste VP, und es geht mir noch nicht besser. Inzwischen ist mir aber wenigstens klar, wo das Problem liegt: Es war einfach zu warm, und sämtliche Elektrolyte sind verbraucht. Ich bin weder zu schnell losgelaufen, noch habe ich zu wenig konsumiert. Trotzdem geht es jetzt darum, die Speicher wieder aufzufüllen. Mit ein paar Bechern Cola und einem ganzen Becher voller Salzbrezeln hocke ich auf ein Mäuerchen und möchte am liebsten heulen. Meine Beine sind noch so locker, und heute wollte ich doch so richtig einen raushauen… Ein Mädchen neben mir hat auch Probleme und bietet an, dass wir zusammen weiterlaufen – das ist sehr nett, muss ich aber ablehnen.

alpha-1 alpha-2 alpha-3 alpha-4 alpha-5 alpha-6 alpha-7 alpha-8Ich überlege, ob ich auf Birgit warten soll. Norbert würde sich sicher gut um mich kümmern, wenn ich umfalle 😉 aber Birgit läuft ja inzwischen so gut, dass ich bei ihr dann in dem Zustand auch nicht mithalten kann. Alles Käse. Abwarten und Colatrinken. Im Zenit meiner Hoffnungslosigkeit steht auf einmal Harald vor mir. Weiß der Henker, was er hier hinten macht. Ich jammere ihn erstmal ordentlich voll und merke dann plötzlich mitten im Satz, dass es mir auf einmal besser geht. Er sagt, er habe auch nicht grad den Lauf seines Lebens, und so versuchen wir, ob wir zusammen weiterkommen.

Und siehe da: Es wird von Kilometer zu Kilometer besser. Nicht mehr lange, und ich bin übern Berg. Schon beim km-50-Schild auf dem Acker sind wir sicher, dass wir nicht mehr aufgeben müssen. In Kirchberg ist klar, dass keiner in den Bus steigt. Aber die Müdigkeit ist immer noch grauenhaft und viel stärker als sie sein sollte. Es wird schon hell. Ich schaue auf die Uhr: Eigentlich hätte ich so bei 6:20 / 6:30 hier durch sein wollen, doch zu meinem großen Entsetzen zeigt die Uhr schon satte 7:20 ! Gütiger Himmel, das wird auf eine Endzeit von 15 Stunden rauslaufen, das ist ja grauenvoll. Aber genau so fühlt es sich an. Dass ich nicht auf die Stoppuhr, sondern auf die Durchschnittspace geschaut habe, merke ich erst 8 schwierige Kilometer später, als Harald an der nächsten VP zu Protokoll gibt, dass wir 7:55 auf der Uhr haben. Typisch.

Der Ho-Chi-Minh-Pfad hat es auch bei Helligkeit in sich, aber wir beißen uns da durch. Ich jammere nicht mehr und auch Harald sagt nicht viel, aber wir ziehen unser Ding durch und nehmen uns gegenseitig mit. Perfekt – was Besseres hätte in dem Moment einfach nicht passieren können. Das furchtbare Stück an der Mauer und der Ablauf bis zum Einbiegen der Radler wollen kein Ende nehmen. Es ist die Nacht der Leiden, nie ging es mir je so dreckig. In Berlin nicht annähernd so. Am Sammelplatz der Radler sitzt Norbert und berichtet, dass Birgit etwa eine Stunde hinter uns sein muss. Ich kann ihm meine Stirnlampe geben, mag sie nicht mehr tragen, heute ist mir selbst das zuviel.

Hinter km 70 wird Harald ein kleines bißchen langsamer und wir entscheiden, dass ich mal ein Stück vorlaufe. Es geht einfach nicht, das Tempo des anderen zu laufen, für uns beide nicht. Ist aber völlig ok so. Ich trabe weiter und will nix mehr wissen. Bei km 76 den Anstieg hinauf und hinten wieder hinunter, km 80 und ich bin total mutlos. Normalerweise motiviert es mich, in einem langen Lauf die letzten 20 Kilometer anzugehen. Heute weiß ich nicht, wie ich die überhaupt noch schaffen soll vor lauter Müdigkeit. Tatsächlich schaue ich nach Schlafplätzen entlang der Strecke. Bei km 85 liegt Thomas in einem Feld und entspannt ein bißchen. Wenn ich mich da jetzt dazulege, stehe ich nie wieder auf.

Langsam wird es wärmer, aber zum Glück lange nicht so heiß wie am Vortag. Die Kilometer ziehen sich endlos, auch wenn die letzten 10 dann doch wieder etwas besser gehen. Mir ist klar, dass ich es auf unter 13 Stunden schaffen kann, dazu müsste ich mir aber ein bißchen Mühe geben. Lohnt sich nicht. 13:15 sind auf jeden Fall drin, und das ist für heute absolut ausreichend. Bei km 99 hätte ich noch 8 Minuten, um unter den 13 zu bleiben, aber das Foto am Kilometerschild ist wichtiger und der nette Mitläufer notiert sich noch meine email. Jetzt noch zu beschleunigen wäre bescheuert, also genieße ich den letzten Kilometer und die Anfeuerungen derer, die auf die Ihren warten.

Vor dem Festzelt sitzt der Anton, hindurch ist es besonders schön, auch wenn keine Bekannten da sind. Ich bin so froh, im Ziel zu sein. Die exakte Zielzeit lautet 13:00,58 – das ist angesichts meiner Verfassung sehr sehr tröstlich 😉 Da steht eine Bierbank und es gibt Elektrolytzeugs. Erstmal Pause machen und auf Harald warten, kann ja nicht lange dauern. Vor Harald kommt noch  Thomas, und dann auch bald der Axel, der sich tierisch freut. Auf dem Weg zur Dusche finden wir noch Gunther, der sich bei einem Sturz den Arm gebrochen hat und mit dem Bus nach Hause kam. Das hätt jetzt auch nicht sein müssen 😦 Später beim Zielbier können wir noch unseren Gerhard anfeuern, dessen Ankunft einen wahren Begeisterungssturm im Zelt auslöst.

Ich habe mir mal wieder vorgenommen, keine Läufe mit Schlafdefizit mehr zu buchen. Ob mir das gelingt, weiß ich aber nicht.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter run veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Biel – 12.6.2015

  1. Dani schreibt:

    Meinen allerherzlichsten Glückwunsch, Kati ! Wow ! Was für eine Leistung, Du bist echt unschlagbar!! Witzig, inzwischen kommen mir Einige Deiner Begleiter bekannt vor. Thomas aus Berlin habe ich beim Rennsteig kennengelernt, er war auch in „meiner“ JuHe in Eisenach, und auf die Wartburg sind wir zusammen gewandert zum Auslaufen :-). Mit Birgit habe ich in Schmiedefeld auf den Bus, bzw. Taxi Norbert gewartet 🙂
    Liebes Grüßle sendet Dir Dani ♥

  2. Harald schreibt:

    Hallo Kati,
    Habe leider erst heute Deinen Bericht gelesen, war seit Biel nur noch im Radfieber (lach)
    #Toller Bericht, toller Lauf war nett mit Dir zu laufen hat spaß gemacht.
    Bis zu nächtenmal wahrscheinlich beim Urmensch im Bottwartal

    Liebe Grüße von Harald

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s