Frauenfelder Waffenlauf – 16.11.2014

Im Gegenwind

zur  Einstimmung empfehle ich dringend Birgits Bericht bei M4Y , der so schön ist 🙂

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Ich sags gleich vorneweg, mein Verhältnis zur Schweiz ist zwiegespalten. Das hat zwar auch Gründe, ist im weitesten aber dem subjektives Empfinden geschuldet. So wie viele Leute die Holländer nicht leiden können, obwohl sie zum Teil noch nie in Holland waren (ich fand die Holländer in Holland super), so tue ich mich mitunter mit den Schweizern schwer. Vor allem mit ihrer Geschäftstüchtigkeit, die häufig allzu unverhohlen zutage tritt und mit wenig Humor gesegnet ist. Was mir den Tourismus in die Schweiz inzwischen schon ein wenig vergällt hat. Zum Glück kenne ich aber auch nette Schweizer wie Marianne und Daniel 🙂

Daniel treffen wir dann auch gleich an der Kaserne. Er ist schon im Häs und hat seinen Rucksack mit einem Sitzkissen gepolstert. 7,5 Kilo Gewicht sind da drinne, bei den Damen müssen es immerhin auch noch 5 Kilo sein. Leider erfahren wir jetzt erst, dass nicht nur Schweizer und Schweizer Militärangehörige beim Waffenlauf zugelassen sind, sondern jeder, der das möchte (und schafft). Unsere Ummeldung scheitert dann aber daran, dass wir auf die Schnelle und ohne Kohle weder die Kaution für den leeren Rucksack hinterlegen, noch das benötigte Gewicht organisieren können. Von einer Knarre wagen wir schon gar nicht zu träumen.

Und dann ist da ja auch noch das kleine Problemchen mit Martin zu lösen, der eine Zugfahrkarte nach Wil braucht, wo der Halbmarathon startet. Ich bin schon etwas angefressen, denn auf der website meine ich gelesen zu haben, dass die HM-Starter ihre Unterlagen ebenfalls in Frauenfeld holen können, und dann mit der Startnummer fahrberechtigt sind. Was aber nicht stimmt. Es gibt auch keinen anderweitigen Berechtigungsschein oder sowas. Schwarzfahren läge nahe, aber in der Schweiz? Wir wissen, was Strafzettel hier kosten, und dass Schweizer niemals verhandlungsbereit sind. Also muss es zusätzlich zum fürstlichen Halbmarathon-Sold von 45 Franken in der Nachmeldung (die schon WOCHEN vor dem Start beginnt) auch noch ein Zugticket für knapp 16 Franken sein, das wir natürlich mit der deutschen EC-Karte lösen müssen. Gut, ok. Martin hat sein Ticket und ich beschließe, mich jetzt nicht weiter zu ärgern.

Im Hof der Kaserne findet gerade die „Besammlung“ der Läufer statt. In militärischer Ordnung und mit unterschiedlichem Ernst stellen sich die Waffenläufer auf. Es gibt verschiedene Appelle und Ehrungen, und dann den Abmarsch zum Markplatz. Wir marschieren gleich mal hinterdrein. Der Waffenlauf startet 30 Minuten vor dem Marathon mit einem gewaltigen Kanonendonner. Der Boden bebt.

Mit Birgit und Norbert vertreiben wir uns die Zeit bis zu unserem Start. In Frauenfeld gibt es „die längste Startlinie der Welt“, hier kann jeder aus der ersten Reihe starten. Die Startlinie ist diagonal über den Marktplatz gezogen. Wir wählen die Position, die am weitesten von der Kanone entfernt ist. Und schon geht es hinaus, und gleich mal in den größten Anstieg hinein. Einen ganzen Kilometer bergauf und oben bin ich schon bedient 🙂

Der Frauenfelder hat 520 Höhenmeter, 370 davon liegen auf der ersten Hälfte (keine Gewähr für die Richtigkeit der Zahlen). Norbert läuft bei km 4 zu mir auf, ist mir aber wie immer zu schnell. Die Kilometer vergehen mühsam. Ständig geht es auf oder ab, und ein recht frischer Wind pfeift von vorne, und zwar konstant. Der Himmel ist bedeckt, aber für November kannst nicht meckern. Eine ärmellose Jacke wäre die ideale Wahl gewesen.

Mir läuft’s nicht. Anja ist schon längst außer Sichtweite, und ich kämpfe mich schon ab km 10 bis zur Halbmarathonmarke durch. Zeit spielt keine Rolle. Marion (noch eine nette Schweizerin) und ihr Begleiter holen mich ein, sie hatte ich am Start gar nicht gesehen. Es ist schön, die beiden immer mehr oder weniger in Sichtweite zu haben. Auf der ersten Hälfte kommen die VPs alle 7 – 8 Kilometer, was nicht grad hohen Unterhaltungswert hat. Es gibt Rivella MARATHON, ein wirklich scheußliches Gebräu ohne Kohlensäure. Mit der Zeit bekomme ich aber heraus, dass das Rivella mit Kohlensäure unter den Tischen gebunkert und auf Anfrage herausgegeben wird.

Der Lauf zieht sich durch die sanfte Schweizer Landschaft, in der Ferne ist Bergpanorama zu sehen. Kühe, Schweine, kleine Dörfer. Es ist schön, aber ich bin trotzdem froh, als wir Wil erreichen. Der Halbmarathon ist vor knapp 20 Minuten gestartet, ich habe 2:17 auf der Uhr und trödle bis 2:20 herum. Tatsächlich gelingt mir mit einer Zielzeit von 4:39 zufällig dann einer der ganz wenigen Negativsplits meines Läuferlebens. Was willst Du? Gelaufen wie ein Profi, oder?

Den letzten Waffenläufer habe ich schon bei km 9 eingeholt, jetzt kommen sie nach und nach in Sicht. Es sind meist schon etwas ältere Herren, oft mit Bürstenhaarschnitt und militärischer Aura. Echte Veteranen. Viele laufen in derben Wanderstiefeln, denn es handelt sich ja offiziell um einen „Militärwettmarsch“. Die Schnellen sind natürlich längst verschwunden. Der Sieger läuft mit Tarnanzug und Rucksack eine 2:50. Es gehört sich so, dass man beim Überholen ein nettes Wort zu den Waffenläufern sagt, um ihre Leistung zu würdigen. Das mache ich gerne, denn ich bin vor allem froh, dass es bei uns mit dem Ummelden nicht mehr geklappt hat. Ich habe schon genug damit zu tun, mich selbst über die Strecke zu schleppen…

Viele der Waffenläufer bedanken sich und machen ihrerseits eine nette Bemerkung, andere sind so angestrengt, dass das nicht mehr drin ist – wofür ich absolut Verständnis habe – aber manche sind auch regelrecht abweisend. Vielleicht sind die Marathonläufer hier die Staffelläufer… Jedenfalls komme ich mit niemandem ins Gespräch, erst bei km 30 erwische ich einen jüngeren Herrn, der sich dann aber als Österreicher herausstellt. Die Sprachbarriere ist meterdick, selbst die anderen Mitläufer verstehe ich nicht, und sie mich nicht. Echt abgefahren.

Auf der zweiten Streckenhälfte ist die Versorgungssituation besser ausgebaut, die VPs kommen alle 3 – 5 Kilometer, und gelegentlich gibt es sogar noch andere feste Nahrung als Bananen. Es sind auch noch mehr Zuschauer auf den Beinen als auf der ersten Streckenhälfte, denn die Mittagssonne kommt jetzt auch heraus. Ganze Gruppen feuern jeden einzelnen Läufer an. Es ist anstrengend. Ich bin total müde und möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Aber kannst ja nicht an jubelnden Menschen vorbeirennen wie so ein Stoffel. Jedesmal bin ich froh, wenn es aus den Ortschaften wieder hinausgeht, doch auch auf den Feldwegen sind bald Radfahrer, Spaziergänger, Hunde und Kinderwagen.

Viele der Zuschauer sind vor allem wegen der Waffenläufer an der Strecke und begaffen uns normale Läufer wie das Fernsehprogramm. Zum Teil höre ich fachmännische Kommentare über mein Aussehen und meinen Erschöpfungszustand, ein paarmal wird über mein Shirt gelacht, auf dem der Name steht. Das bilde ich mir nicht ein, und in dem Ausmaß hab ich es auch noch nirgends erlebt. Ich glaube das Publikum ist fast durchweg ein anderes als bei regulären Läufen. So richtig reißt mich das nicht vom Hocker, obwohl die allermeisten der Anfeuerungen wirklich gut und nett gemeint sind.

Als wir nach den letzten Wellen dann wieder Frauenfeld erreichen und nur noch einmal durch den Ort müssen, habe ich nicht das Bedürfnis, noch 10 km weiter zu laufen. Anja wartet im Ziel auf mich, Martin finden wir auch schnell wieder. Es war ein schöner Lauf, keine Frage, aber für mich keiner, der ab jetzt zum Programm gehört.

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3 Antworten zu Frauenfelder Waffenlauf – 16.11.2014

  1. Volker schreibt:

    Da bin ich mal gespannt ob du ihn untertitelst, wie wärs mit „Kati auf den Spuren von Wigald Boning“ 😉

    Liebe Grüße,
    Volker

  2. jollyjumper123 schreibt:

    Also ne Zielzeit von 3:39 bei einer ersten Hälfte von 2:20 ist schon ein beeindruckender negativer Split. 😉 Oder hab ich was falsch verstanden?

    Ich empfehle den Marathon du Beaujolais für den November, ein echter Traum!

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