Mauerweglauf — Teil 2

Bis km 30/35 verbringe ich die Zeit fröhlich schnatternd mit Gunther und Steff – irgendwann stellen wir aber auch fest, dass die Beine doch schon nicht mehr ganz locker sind; mit so einer Distanz vor sich verliert man in der Theorie doch mal schnell die Relationen. Das Wetter ist wechselhaft, mal wärmer und freundlich, doch dann wieder bedeckt mit sehr frischen Böen. Wir haben die Stadt verlassen und laufen durch eher ländliches Gebiet, das ich in so unmittelbarer Nähe zur Großstadt gar nicht erwartet hätte. Hier ist der Mauerweg noch ein schöner und gut laufbarer Radweg. Es geht durch lichten, freundlichen Wald, über Wiesen und Felder, hin und wieder durch einen Vorort, und einmal auch ein langes Stück an einer höher gelegenen Autobahn entlang. So genau kann ich es gar nicht mehr sagen, denn es ist unglaublich, wie schnell man vergisst…

gü-3 gü-4 gü-5 gü-6 gü-7Irgendwann wird Gunther mir doch einen Ticken zu schnell, allerdings hat er an der VP etwas längere Standzeiten als ich. Das nutze ich, um einen kleinen Vorsprung rauszulaufen. Dann kann er mich wieder einholen, und wir verlieren uns noch nicht. Es wäre toll, mit Gunther und Steff durch die Nacht zu laufen, aber ich weiß, dass es eine Illusion ist. Nicht mehr lang, und sie werden mich hinter sich lassen.

Der Weg wird zusehends schlechter. Er ist aus Betonplatten gefertigt, die sich an den quer zur Laufrichtung befindlichen Rändern bereits hochbiegen. So entsteht in unregelmäßigen Abständen, spätestens aber alle 30 Meter eine wunderbare Stolperfalle. Dort, wo die Beulen bereits aufgeplatzt sind, kann ich sie gut erkennen. Die anfänglichen Wölbungen allerdings sind für mich schwer zu sehen. Viele Läufer sind hier unterwegs, die nicht zum Lauf gehören, aber wahrscheinlich aus Interesse da sind. Sie feuern uns an und laufen zum Teil ein Stück nebenher. Ein freundlicher Herr macht mir ein nettes Kompliment, natürlich lasse ich mich bereitwillig ablenken und zack, schanze ich über eine dieser Bodenwellen. Das war’s dann, Abflug mit Karacho. Ich fange die Bescherung auf den Handballen ab und schaffe es, dass nur das rechte Knie aufschlägt. Schnell renne ich weiter, hoffentlich hat’s keiner gesehen … Vom Knie läuft ein Faden Blut, den ich an der nächsten VP tunlichst beseitige. Die Handflächen sind aufgeschrammt und brennen die nächsten 30 Kilometer, dann hab ich’s auch vergessen 🙂 Ab jetzt passe ich auf wie ein Luchs, den Schuss hab ich gehört…

Irgendwo hier lerne ich Raymond kennen, der den Begleitradler für drei Franzosen macht. Zwei davon werden aussteigen, nur Olivier kommt ins Ziel. Er zeigt mir später die Stelle, an der er letztes Jahr raus ist. Auch einen Radler im Bergtrikot treffe ich bis km 60 immer wieder, er kennt mich dann schon und feuert mich auch immer an. Im Unterschied zu anderen Läufen stören die Begleitradler hier gar nicht. Ok, bis auf die eine Trulla, die mich später ungeniert auf den falschen Weg abbiegen lässt und sich dann noch rausredet, als ich mich bei ihr bedanke. Leute gibt’s… Der Läufer, den sie begleitet ist aber sehr nett, wir treffen uns lange Zeit immer wieder, bis er mich abhängt. Vielleicht wars ja wirklich ein Versehen.

Zwischen km 40 und 50 verliere ich Gunther. Mir läuft’s richtig gut, und plötzlich sind er und Steff nach hinten weg. Erst nach der ersten großen Raststätte bei km 60 treffe ich sie auf einem Begegnungsstück und wundere mich. Es ist gut, die beiden hinter mir zu wissen. Irgendwann werden sie mich einholen, und wenn ich Glück habe, kann ich dann eine Weile bei ihnen mitlaufen. Durch Kilometer 50 komme ich knapp unter 6 Stunden, das ist bombig und fühlt sich genau richtig an.

An der VP bei km 60 packe ich schnell meine Sachen um und esse meine Geheimvorräte aus dem hinterlegten Beutel. Ich muss über mich selbst lachen, wie akribisch ich diese Beutel gepackt habe – aber praktisch ist es halt schon, jetzt zum Beispiel ein frisches Tuch zu bekommen. Dass ich mehr als die Hälfte des Eingepackten nicht brauche ist Zufall und könnte – zum Beispiel bei Regen – auch ganz anders sein.

Die nächste große VP mit Beuteldepot ist bei km 90, und bis dahin verschwimmen mir die Erinnerungen. Irgendwann geht es durch Babelsberg, hier wohnen arme Berliner, die sich den Smart im passenden Design zur Villa vor die Haustür stellen. Krass. – Krass sind auch die Wege: Wir laufen wieder auf unregelmäßigen und schwer holprigen Pavés. Ob das noch die originalen Reste der Kolonnenwege sind? Auf jeden Fall sind sie schwer zu laufen und die Fußsohlen brennen. Jede geplättelte Zufahrt ist eine Erleichterung. Teils laufe ich im Grünstreifen, der ist aber zu schmal und zu dicht bepflanzt. Diese Art der Wege wird uns bis zum Schluss verfolgen. Mir schwant Übles.

Ungefähr bei km 70 steht Margit und wartet auf Gunther. An der VP dahinter treffe ich wieder die Franzosen. Der Himmel wird schwarz. Kurz darauf beginnt es zu schütten. Ich suche unter einem Vordach Schutz und genehmige mir 10 Minuten Pause, falls es nur ein Schauer ist. Die Taktik geht auf, allerdings regnet es keine halbe Stunde später schon wieder. Ich mache mir Knoten in mein Tuch und setze es über das Visor – funktioniert. Die Regenjacke ziehe ich jetzt auch an. Mittags war es schön warm, doch jetzt wird es schon recht frisch.

ich hielt länger als der Akku

ich hielt länger als der Akku

An der VP bei km 78 erkenne ich ein Gebäude, das wir 2008 nach dem Berlin Marathon besichtigt haben. Also sind wir jetzt in Potsdam. Die Glienicker Brücke haben wir kurz davor passiert – glaube ich – oder kurz dahinter. Ich bin froh, als wir endlich bei km 80 durch sind. Die Uhr zeigt etwas um 10 Stunden 40 Laufzeit. Mir geht es noch sehr gut, aber ich bin doch schon etwas müde jetzt. Nochmal dasselbe nach Hause? Ich wollte es ja so… Und es erscheint durchaus machbar. An die große Wechselzone bei km 90 komme ich durchnässt und ziehe mich schnell um für die Nacht. Stirnlampe auf, Warnweste ist erst im nächsten Beutel, trockenes Shirt und trockene Socken an, Füße eingecremt… zwei Herren neben mir auf dem Mäuerchen schauen neidisch. Das mit den Socken war wirklich keine schlechte Idee. Die Füße haben noch nichts, sehen aber schon recht beansprucht aus. Ich zwinge mich zu einer längeren Verpflegungspause. Appetit habe ich keinen und Hunger auch nicht, aber das muss jetzt sein. Jetzt bin ich für die nächsten Kilometer saniert und aufgetankt und kann guten Gewissens weiterlaufen 🙂 Alles richtig zu machen ist ein verdammt gutes Gefühl.

Durch die 100 km komme ich knapp unter 14 Stunden und bin sehr zufrieden. Wäre dies nur ein 100er gewesen, hätte ich die beiden längeren Verpflegungspausen und den Kleiderwechsel nicht machen müssen, meine Laufzeit für die zweiten 50 km war also gar nicht so schlecht. Wenn mir an dieser Stelle jemand gesagt hätte, dass ich für die nächsten 60 Kilometer  Z-W-Ö-L-F  Stunden brauchen werde, obwohl es mir wirklich die ganze Zeit gut geht, ich hätte es wohl nicht geglaubt. Noch denke ich, das könnte in 10 Stunden doch eigentlich gut zu schaffen sein.

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