Berliner Mauerweglauf – 16./17.8.2014 — Teil 1

www.100meilen.de

Bereit für den Ritterschlag 🙂

Bei km 78 an der VP in Potsdam erkenne ich plötzlich ein Wadentattoo, dem ich 2013 in Biel kilometerweit gefolgt bin: Es ist ein Ampelmännchen in Übergröße, und die Wade gehört dem Berliner Thomas. Thomas freut sich dass ich da bin und erzählt, dass ich ihm in Biel noch versichert habe, dass dieser Lauf außerhalb meiner Reichweite läge. Jetzt erinnere ich mich auch…

P1020288100 Meilen, einmal im Leben und so, das ist ein lang gehüteter und sorgsam gehegter Traum, aber auch mein absolutes Limit. Mehr möchte ich niemals laufen, selbst wenn ich es irgendwann könnte (wovon ich aber nicht ausgehe). Das Maximum an Ausdauer und Schlafentzug, das ich bereit bin aufzubringen. Und dann bitteschön auch ohne Höhenmeter und ohne Trääl. Satte 160,9 Kilometer – und ich weiß, dass das nicht nur einfach Biel plus 60 ist. Sondern dass man für den letzten Marathon über 7 Stunden braucht. Vorstellen kann ich mir das nicht so richtig, aber ich glaube denen, die sich damit auskennen. Ich behalte es im Kopf für „später mal“. Als Carmen mir im März ihre Anmeldung gesteht, brauche ich nur eine Stunde Bedenkzeit – und die ehrlich gesagt auch nur, um Flug und Hotel zu buchen.

P1020273Ich weiß, dass ich das schaffen KANN, dass der Erfolg aber absolut nicht kalkulierbar ist. Dass die Gesundheit, die Vorbereitung und die Moral stimmen müssen, versteht sich von selbst. Die Fehlertoleranz jedoch geht gegen Null – hier wird der Körper nichts verzeihen. An solchen Distanzen sind schon ganz andere gescheitert. Anfänger wie ich brauchen hier ihre volle Konzentration. Kurz und gut – ich bin bereit.

Am Freitag fliege ich nach Berlin und habe 4 Stunden Zeit, mir die Stadt anzusehen. Vom Läuferhotel am Alex bewege ich mich zum Brandenburger Tor, von dort zum Reichstag, zur Holocaust-Gedenkstätte und auf einem anderen Weg wieder zurück. Berlin ist groß, laut, hektisch, schmutzig und voller Touristen. Historie dicht gepresst und in voller Dosis.

P1020262 P1020260 P1020259 P1020258 P1020257 P1020256   P1020251 P1020248 P1020247 Die Mauer erscheint mir sehr viel gegenwärtiger als bei meinen vorigen Besuchen, wahrscheinlich auch wegen des 25jährigen Mauerfalljubiläums im kommenden November. Das Wetter ist durchwachsen, eher Oktober als August. Für morgen ist alles drin. Unterm Brandenburger Tor wähle ich die mittlere Passage, die einstmals der Königsfamilie vorbehalten war. Sie wählte ich auch bei km 3 bei meinem allerersten Marathon im Jahr 1999, voller Ergriffenheit, und bei km 41 bei meinem neunten Marathon im Jahr 2008, voller Frust und Enttäuschung. Heute bin ich anders drauf, in den letzten Jahren habe ich viel gelernt. Übers Laufen, und auch durchs Laufen übers Leben. Auch wenn es immer noch Wichtigeres gibt.

10580213_914592165221694_7857939195190527874_n

Foto: Veranstalter

994179_914592225221688_5765476969530588895_n

Foto: Veranstalter

Um 18 Uhr ist Pastaparty im Hotel, das anschließende Briefing ist Pflicht. Ich treffe Gunther und seine Frau Margit, und lerne Gunthers Begleitradlerin Steff kennen. Jetzt lehne ich mich mal aus dem Fenster: Von Steff werdet Ihr in Zukunft hier häufiger lesen :). Gerhard bekommt das Zimmer neben mir, der Herr Keule wünscht mir schonmal Glück mit einem Unterton, als ob ich es besonders brauchen könnte (so kennen wir ihn), und ich verzichte auf Spitzfindigkeiten und nehme das dankend an. Jeder braucht hier AUCH Glück. NUR mit Glück reicht es aber nicht. Carmen und Volker finde ich in dem Gewühle überhaupt nicht, dafür aber noch einige entfernte Bekannte. Es sind 300 Einzelläufer und viele Staffeln am Start, viel Begleitpersonal ist dabei, und der Saal platzt aus allen Nähten. Zuerst bekommen wir keinen Sitzplatz am Essen. Dann den letzten in der letzten Reihe beim Briefing. Ronald erklärt die Reihenfolge der Dropbags und was man sonst noch wissen muss. Weiß ich alles schon, aber die Nacht und die Einsamkeit machen mir Sorgen. Gerne hätt ich für diese Stunden einen Radler – vielleicht hätt ich mich da doch besser drum kümmern sollen. Gunther hat mir zwar die Unterstützung von Steff angeboten, aber das wird nicht funktionieren, da er viel schneller und routinierter ist als ich. Kurz und gut, ich muss alleine klarkommen und das Problem vor Ort lösen. Das schiebe ich erstmal weg.

P1020287

Holocaust Gedenkstätte

P1020285 P1020284 P1020280 P1020279  P1020274Der Mauerweglauf ist nicht nur irgendein Lauf, sondern explizit ein Gedenklauf mit historischem Mehrwert. Ein dem Lauf angemessenes Verhalten ist erwünscht – was vermutlich eher heißt, dass ein unangemessenes Verhalten unerwünscht ist. Viel habe ich in den letzten Monaten über die Mauer gelesen und angeschaut, habe mich konsequent durch eine 680-Seiten-Dokumentation gearbeitet, etliche Bildbände und Videos geschaut. Ich kann Zahlen und Fakten herunterleiern und kenne Entwicklungen, Hintergründe und die Geschichten der bekanntesten Maueropfer. Morgen werde ich keine Kapazitäten für Bildung frei haben, aber ich möchte die Stationen und Bauwerke erkennen und einordnen können, an denen wir vorbei laufen. Das ist das mindeste. Die Kamera bleibt zuhause, Schaulaufen entfällt…

P1020292Um 5 Uhr holt uns der Shuttle am Hotel ab und fährt uns die 10 Minuten zum Start am Stadion. Geschlafen habe ich schlecht und wenig, und das ist alles nicht meine Uhrzeit. Der Start ist um 6 Uhr. 2 Minuten vorher entdecke ich Volker am Rand, Carmen sehe ich wieder nicht. Alles ist unaufgeregt, so als würde man zu einem 20-km-Trainingslauf starten. Der Transponder kommt ans Handgelenk. Die Zeiterfassung wird an jeder der 27 VPs stattfinden und wir sind online verfolgbar – sensationell finde ich das, vor allem, weil es auch funktioniert. Von jedem Teilnehmer wurde am Vorabend ein Portrait angefertigt, damit die Helfer mit Bild suchen können, falls jemand verschwindet. Die Begleitradler warten an VP 2 auf uns.

P1020290Hinaus aus dem Stadion. Wir befinden uns in Berlin Mitte, im Prenzlauer Berg. Wir laufen den Mauerweg im Uhrzeigersinn. Nur falls ich es noch nicht erwähnt haben sollte: den GANZEN Mauerweg, quasi die Originalstrecke der Berliner Mauer, die zufällig fast genau 100 Meilen, also 160,9 km lang war. 162 zu rennende km, der ganze Tag und die ganze Nacht liegen vor uns. Und wahrscheinlich auch noch was vom nächsten Tag, hoffentlich nicht allzu viel.

Ich habe einen groben Zeitplan im Kopf: Die ersten 100 km möchte ich entspannt in 14 Stunden laufen. Bei km 58 und 90 sind zwei große Wechselzonen, an denen die ersten beiden Dropbags deponiert sind.   P1020291 P1020288 P1020266 P1020265 P1020269 P1020242 P1020243 P1020239

Dort möchte ich etwas längere Pausen machen und mich vor allem um die Energiezufuhr kümmern. Die restlichen 60 km kann ich mir IN DER THEORIE durchaus in einem Schnitt von 6 km/h vorstellen. Das klingt lächerlich langsam, wird aber durch die Pausen relativiert. Wenn ich mir allerdings die Vorjahresergebnisse anschaue, so gehöre ich eindeutig nicht in die Kategorie derjenigen, die das Ding unter 24 Stunden laufen können. Für die gibt es als zusätzliche Auszeichnung eine Gürtelschnalle mit sehr hohem Poser-Faktor, die ich natürlich furchtbar gern hätte. Ich werde also tunlichst vermeiden, etwas wie 24 Stunden und 5 Minuten zu laufen, aber alles andere ist mir total egal. Hauptsache souverän durchkommen.

Ich schätze mich selbst eher in der Gegend von 26 Stunden ein. Mehr als 28 möchte ich aber nicht brauchen, denn das würde von den Laufzeiten her vermutlich bedeuten, dass es mir nicht gut geht. Dasselbe gilt für die Cutoffs – sollten die für mich relevant werden, dann hätte ich ein ganz anderes Problem. – Tatsächlich laufe ich die ersten 100 km in 13:55 und komme mit 25:57 ins Ziel. Also weder gnadenlos überschätzt noch affiges Understatement, da freue ich mich richtig drüber.

Die ersten Kilometer – deren viele – führen durch die schlafende Stadt. Die Menschen denen wir begegnen sind nicht „schon wach“, sondern immer noch. Ein buntes Völkchen, das uns seltsam vorkommt – uns aber seinerseits überhaupt nicht beachtet. Bordsteine und wechselnder Straßenbelag, wer eine rote Ampel ignoriert wird gnadenlos disqualifiziert. Wir halten uns daran, obwohl es vielfach nicht nötig wäre. Aber die Ansage war klar und deutlich, und aufs Ganze gesehen, macht sie durchaus Sinn.

Ich laufe mit Gunther, der wie erwartet einen für mich etwas zu schnellen Schritt vorgibt – nicht gut für die Distanz. Er lässt sich dann aber bremsen 🙂 Gunther zeigt mir ein paar markante Ecken und wo er früher gewohnt hat. Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug. Wir kommen vor dem verwaisten Reichstag vorbei, wo ich mich gestern mittag durch die Touristen drängen musste, das Brandenburger Tor im Augenwinkel. Regierungsviertel, Kanzleramt, ich kann mir den blöden Witz nicht verkneifen, ob Frau Merkel wohl in Schlafanzug und Puschen heraustritt, um uns zu grüßen. Das wär doch cool. Glasscherben in großen Mengen, Partyreste der letzten Nacht. Glanz und Gloria, Gestank und Dreck. „Arm aber sexy“ nennt das Herr Wowereit. Ganz daneben liegt er damit nicht.

Es ist empfindlich kühl, ich trage ein aufgeschnittenes Shirt über dem Singlet und sehe mit meinem Allzweck-Schmusetuch aus wie ein Lumpensammler. Aber ist mir wurscht. Das Wetter ist unklar, es kann aufreißen oder aber vollends eintrüben, dazu geht ein kühler Wind. Richtig heiß wird das heute sicher nicht – das ist zwar gut für den Tag, aber dann wird es eben auch eine sehr kalte Nacht geben.

Bei km 9 erreichen wir die erste VP, die nächsten werden im Abstand von 5 – 7 Kilometern über die Strecke verteilt sein. Kurz dahinter ist das Mahnmal für Peter Fechter – eine Stele, die mit Bild und Text über seinen Tod informiert. Ihm ist der heutige Lauf gewidmet, denn er wurde am 17. August 1962 an der Mauer erschossen. Sein Schicksal ist nicht mehr und nicht weniger schrecklich und bedeutend als die Schickale der anderen ca 200 Mauertoten (die genaue Anzahl ist bis heute nicht geklärt), dennoch nimmt der Tod Peter Fechters durch den dramatischen Verlauf der Vorgänge bis heute eine besondere Stellung in der öffentlichen Wahrnehmung ein. Die Filmdokumentation von Wolfgang Schön ist sehenswert und wird später auch in Teilen im Rahmen der Siegerehrung gezeigt. Mit dem entsprechenden Hintergrundwissen empfinde ich es nicht als geheuchelte Betroffenheit, dass wir hier eine Rose ablegen, die wir an der VP bekommen. Eine schöne Geste mit symbolischem und vor allem stellvertretendem Wert.

TiloWilhelm-asisi

Asisi-Panorama – Foto: Tilo Wilhelm

TiloWilhelm-eastside

East Side Gallery – Foto: Tilo Wilhelm

TiloWilhelm-fechter

Mahnmal Peter Fechter – Foto: Tilo Wilhelm

tiloWilhelm-Gerhard

noch läuft’s beim Gerhard – Foto: Tilo Wilhelm

TiloWilhelm-Mauer

Erinnerung an die Mauer – Foto: Tilo Wilhelm

Kurz zuvor durchlaufen wir in einer scharfen Runde das Mauerpanorama des Künstlers Yadegar Asisi. Dort hätte ich mich gerne auch länger aufgehalten. Vielen Dank an Tilo Wilhelm, dessen Aufnahmen ich nutzen darf. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass ein Lauf eine solche Genehmigung erhält – nichtmal in Berlin.

Das nächste Highlight lässt auch nicht lange auf sich warten – wir laufen entlang der berühmten East Side Gallery in der Mühlenstraße. Sie ist 1,8 km lang, kommt mir aber bedeutend kürzer vor. Hier wurden Reste der Hinterlandmauer nach der Maueröffnung von bekannten und unbekannten Künstlern bemalt, die Gemälde wurden jüngst restauriert. Es sind ganz abgefahrene Sachen dabei, am bekanntesten dürfen der „Bruderkuss“ sein und der Trabi, der sich durch die Wand den Weg in die Freiheit bricht. Hier in der Innenstadt findet sich häufig auch eine Doppelreihe Pflastersteine, die den Verlauf der Mauer nachzeichnen und mit eingelassenen Bronzeplatten an die Mauer erinnern.

Wir erleben viel, sehr viel, auf diesen ersten Kilometern. Sein total anderes, gespenstisches Gesicht wird uns der Lauf erst viele Stunden später zeigen.

An der VP 2 erwarten uns die Radler, Steff strahlt von einem Ohr bis zum anderen und ist gut drauf. Ich gebe ihr mal mein olles Shirt für die Altkleidersammlung. In der Stadt war es nicht ganz so einfach, den Markierungen zu folgen, obwohl die Markierer ganz hervorragende Arbeit geleistet haben. Jetzt sind wir bald auf dem versprochenen „asphaltierten Radweg“, der keine Fragen offen lässt. Leider bringe ich in meiner Erinnerung die Reihenfolgen nicht mehr zusammen, mir fehlt schon sehr viel.

Angenehm zu laufen ist es jedenfalls. Die Helfer an den VPs sind große Klasse und total lieb. Ein Mädchen erzählt, dass die VP zwar keine lange Standzeit hat, dass sie aber nachher in einem der hinteren Abschnitte die Besenläuferin machen wird. Alle haben einen langen Tag. Eine Dame fotografiert jeden, der es möchte. Bis zur Siegerehrung hat sie alle Fotos ausgedruckt, die Namen anhand der Startnummern herausgekruschtelt und schenkt uns die Bilder. Bei mir ist die Startnummer nicht mit auf dem Bild, also sucht und findet sie mich im Saal. Solche wirklich netten Dinge geschehen hier immer wieder, herzlichen Dank dafür!

G-1

der Gunther und ich vor dem Reichstag 🙂

G-3Jetzt bin ich mit meinem Bericht allerhöchstens bei km 30 angekommen, und schon ist er so lang, dass kein Mensch ihn mehr lesen kann und will. Ich glaube, ich schreibe morgen weiter.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter run veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Berliner Mauerweglauf – 16./17.8.2014 — Teil 1

  1. Manu schreibt:

    Du bist klasse. Eine unglaublich lange Strecke…… Ich ziehe alle Hüte vor dir!

  2. Jörg schreibt:

    Schreib weiter, ich will es wissen.
    Eigentlich habe ich mir vorgenommen, nie mehr als 100 km zu laufen. Dieser Lauf könnte es aber ins Wanken bringen, gerade weil er so voller Bedeutung ist.
    Ich bewundere dich und alle Läufer dort.

    Jörg

  3. Conny schreibt:

    Doch Kathrin, ich lese ihn und bin schon begierig auf die weiteren 130 km! Du schreibst so gut und anschaulich, dass es eine Freude ist. Mal ganz abgesehen von der sagenhaften Leistung, die Du da erbracht hast.

  4. jollyjumper123 schreibt:

    Ich würde auch weiterlesen! 😉

  5. Tilo Wilhelm schreibt:

    Sehr schöner Bericht, Kathrin, sehr unterhaltsam geschrieben, und, ein klein wenig fühle ich mich als Teil dessen, meine Bilder hier wieder zu sehen, das freut mich. Vielen Dank, Tilo

    • Gerhard Bracht schreibt:

      Hallo,Kati,mal wieder prima geschrieben und ich warte jetzt gespannt auf den 2.Teil.
      Mal sehen wie Du den hinbekommst.
      Ich hoffe, Du hast Dich gut erholt von dem Highlight und denkst über eine Wiederholung nach. Nächstes Jahr würdest Du die Back to Back medaille bekommen:-))))Wäre doch ein Grund!
      Viele Grüsse
      GERHARD

  6. HaWe Rehers schreibt:

    Ich kann mich allen Vorrednern nur anschließen, irgendwie erlebt man alles noch einmal. Und wie Gerhard schon sehr richtig bemerkt: Wenn´s schon wie bei mir auch der Buckle nicht sein kann, Back-to-Back hat auch was ;-))
    Runtastische Grüße vom HaWe # 113 aus OS

  7. HaWe Rehers schreibt:

    2016 den Buckle mit 22:55 Std. geschafft, ich bin stolz auf mich 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s