Night 52 – 19.7.2014

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snip-1Der dritte Start in den „sanften Hügeln des Kraichgau“ – auf immer unsterblich, wer diese Formulierung schuf 🙂 Heute muss ich ohne Hannes auskommen, dafür sind Birgit und Norbert, Franz, Carmen und Volker, Bernhard und der Grüne Gummibärenfrosch dabei. Annette aus Schefflenz und ihr Mann melden auch nach. Genügend Laufbegleitung durch die Nacht für jedwede Geschwindigkeit. Im Starterbeutel gibt es u.a. Sonnenspray – wie passend.

An der Ortseinfahrt von Bretten fällt mein Blick zufällig auf den Kilometerzähler: 49 km sind es bis hierher. Dass man eine solche Distanz auch zu Fuß bewältigen kann ist mir immer wieder unbegreiflich. Es hat 36 Grad, in der Halle noch mehr. Füßescharren und Geschnatter. Auf der Startliste die Namen vielfältiger Ultraprominenz, die ich gar nicht persönlich kenne. Angela und René melden noch nach, und dann ist da ein Herr aus Pfinztal, mit dem ich beim Fidelitas schon gelaufen bin. Zahlreiche der Üblichen Verdächtigen und Anja fehlen, denn heut ist auch 24-h-Lauf in Dettenhausen. Was bin ich froh, dass ich da nicht bin – das kann kein Kreislauf aushalten…

Am Start treffe ich Daniel auf dem Rad. Über dem Asphalt wabert die heiße Luft. Viele laufen mit Rucksack, dazu kann ich mich heute aber nicht überwinden, ich nehme nur eine Flasche mit. Allein im Schatten ist es so heiß, dass man sich kaum bewegen mag. Mit Grausen denke ich an den Lauf gestern und entscheide, dass ich mich nicht mitreißen lasse. Es geht los. Schon die ersten 2 km durch den Ort sind eine Herausforderung. Jede minimalste Steigung wird zum steilen Anstieg. Ich lasse mich nach hinten durchreichen.

jochen-1Kaum aus dem Ort hinaus brauche ich schon die erste Gehpause, was Jochen anscheinend ein gelungenes Motiv findet. Hinein geht es unter der sengenden Sonne in die erbarmungslose Wüste der Felder. Der Kreislauf ist immer so kurz vor dem Wegkippen. Ich trabe hinter einer vertretbaren Gruppe drein, der auch Annette angehört.

Alles ist still, nur Monika schnattert unermüdlich. Sie kenne ich auch vom letzten Jahr, ein ganz zartes, drahtiges Persönchen, das einen riesigen Rucksack mit sich schleppt (die Inhaltsangabe ist verlockend) und offensichtlich Energie ohne Ende hat. Schon bei km 3 hat sie mich als ihre gewünschte Laufbegleitung auserkoren und erklärt, dass wir zusammen bis ins Ziel laufen. Sie ist viel besser drauf als ich, meint aber, sie bräuchte jemanden, der sie bremst. Nunja, damit kann ich dienen – mit Unterhaltung allerdings weniger.

v-3Volker läuft in Sichtweite, sieht auch noch ganz locker aus. Wir treffen auf Ilona, die ihren ersten Ultra läuft. Ganz schlechte Wahl heute, das hat sie schon gemerkt. Sie braucht moralischen Aufbau. Doch wie kann man heute jemandem sagen, dass er es schaffen wird? Den Leuten irgendeinen Mist erzählen – wenn ich nur denke, was mir ständig ungefragt von irgendwelchen „Spezialisten“ für ein Mist erzählt wird… – und die fallen dann um, weil sie einem glauben wollen und sich total übernehmen? Ich sage ihr, sie soll sich gut auf sich selbst konzentrieren und auf sich aufpassen, die anderen rennen lassen, und nicht nach vorne denken sondern im Hier und Jetzt. Womit ich den hier-und-jetzigen Kilometer meine, aber es klingt sehr nach Klangschalen und Frühstücksmüsli.

snip-2Wir schaffen es irgendwie bis zur  VP1 bei km 7,5. Ich schütte ungefähr 27 Becher Flüssigkeit in mich hinein und esse mal eine Melone, weil mir nix Besseres einfällt und Weiterlaufen auch nicht wirklich die Option ist. Alle sind krebsrot und klatschnass. Birgit ist nach eigenen Angaben schon völlig fertig, aber blendender Laune.

v-1 v-2Hinterher erzählt sie mir allerdings, dass ich sie dort zum Ausstieg überreden können hätte. Naja, ob das wirklich geklappt hätte? nicht mit Birgit 🙂 In ihrem Bericht liest sich das so:

Ich weiß, dass die Sonne ab 20 Uhr nicht mehr brennen wird, und dann wird auch die Hitze erträglicher. Bis dahin muss ich kräfteschonend weiterschleichen. So ist die Theorie. Über die Praxis schweigen wir mal besser. Rausgehen ist aber in jedem Fall keine Option, solange es nicht wirklich notwendig ist. Es ist Juli – was willst Du? Olli ist einer der Radbegleiter, er pendelt im letzten Drittel und bietet Wasser an. So kann man Besenradler auch einsetzen, gefällt mir hier immer gut. Ich überlebe irgendwie bis zur VP2 bei km 16.

snip-3Hier finde ich es immer so nett, denn es sind einige behinderte junge Helfer im Einsatz, die sich ganz große Mühe geben – heute hat sie aber wohl die Hitze schon dahingerafft, sie sitzen schon im Schatten und die Betreuer müssen ran. Jetzt muss man gut auftanken, denn die nächste VP kommt erst bei km 24. Wenn man es weiß, sollte es kein Problem sein. Ein erstes Hüngerchen kommt auf. Schwierig, denn bei der Hitze kann nicht mal ich was essen. Obwohl es alles gibt, ist für mich nicht das richtige dabei – ich wüsste aber auch nicht, was das sein sollte… Ich zwinge mich zum Hefezopf, weil ich genau weiß, wie das sonst ausgeht. Demut und Masochismus schauen schonmal übern Zaun.

V-4So gegen km 20 wird es besser, es ist zwar immer noch drückend heiß, aber die sengende Sonne ist weg. Ich kann einigermaßen ordentlich laufen und beginne die Aufholjagd. Wenn ich in der Nacht nicht ganz alleine sein will, muss ich jetzt noch ein paar Leute hinter mich bringen, denn der Abstand nach hinten wird sich auf jeden Fall jetzt auch vergrößern. Zuerst jage ich zwei Damen in Grün, die gut laufen und vor allem weithin gut leuchten. Plötzlich bin ich gut drauf. Die Landschaft ist so schön und in der diesigen Sicht wirklich sanft. Weiter Blick übers authentische Land. Hier kannst Du es aushalten. Mähdrescher sind im Einsatz und blasen Heupartikel in die Luft, auch wenn das Atmen schwerer fällt, es duftet wunderbar. Die Abendstimmung ist rauschhaft beruhigend und ich freue mich, dass ich hier sein kann, dass mir das Leben diesen Glücksmoment schenkt.

*Kitschmodus*wieder*off* – Am Aalkistensee sind keine Angler, dafür habe ich ein paar Erlebnisse mit Hunden *gnarf* – aber auch positive, denn ein wild aussehender Hundebesitzer mit einem riesigen kräftigen Hund verhält sich vorbildlich und nett. Als ich mich bedanke meint er, kein Problem, der Hund sei schon satt, er habe schon ein paar Läufer gefressen. – Eigentlich wäre ich hier mit Marion zum Baden verabredet, aber sie ist nicht da. Und die Oberfläche des Weihers lädt auch nicht wirklich ein. Aber ein schöner Spaß wärs schon gewesen.

Wellig geht es auf und ab, zum Glück mehr ab, und ich genieße jeden Kilometer. Olli kommt mal wieder vorbei und berichtet, dass ich mich vom hinteren Feld grad massiv entferne – das ist klar. Ich frage ihn, ob er so nett ist, mich später in der Nacht ein Stück zu begleiten. Auf der Haut bilden sich Salzkrusten, so viel kann ein Mensch doch gar nicht schwitzen. Dort wo die Knie sich beim Laufen berühren, entwickelt sich eine saubere Schürfstelle, denn Salzkristalle sind scharfkantig. Sowas hat man selten.

VP 3 bei km 24 wird auch vom KUSUH angelaufen und untersteht der Regie von Wolfgang und Angela. Mich kennt hier zum Glück keiner 🙂 Ich habe den Flow und muss ihn nützen solange er anhält – ich weiß dass ich noch zu tiefenmüde bin und dass mich die Hitze später wieder angreifen wird, also heißt es, jetzt schnell so weit kommen wie es gut geht.

aufBei km 29 finde ich Daniels Gruß auf der Straße – schee… und kurz darauf kommt eine außerplanmäßige VP, an der es Wasser und ISO gibt. Ich hab Hungerast, verdränge es aber. VP 4 kommt bei km 34, dorthin habe ich meinen Beutel mit Notverpflegung und Stirnlampe geschickt. Auf halber Strecke dorthin hoffe ich, dass VP 4 jetzt nicht die Zwischenstation war und meine Lampe noch dort liegt… aber ich hab Glück. Es geht in diesen Ort hinein, in dem man auf die Kirche zuläuft. Am Ortseingang ein Schluck Bier bei einer privaten Grillfete. Die Leute nehmen den Lauf mehr und mehr an, die Stimmung ist gut. Macht Spaß.

An der VP4 ist Annette grade wieder am Loslaufen – ich wähnte sie Stunden vor mir. Sie sagt, ihr sei schlecht und ich bin auch nicht weit entfernt davon. Ich dürfte jetzt bei den beiden mitlaufen, brauche aber noch kurz Pause. Die nächsten paar Kilometer kann ich noch zügig laufen und immer noch überholen, dann allerdings zieht es mir den Stecker. Es ist Nacht geworden, und tatsächlich fährt Olli mit mir, da bin ich froh.

Bei VP5 kurz vor km 40 ist mir schon richtig schlecht und ich kann mich nicht mehr anstrengen. Der Körper braucht irgendwas, was man aber jetzt nicht mehr in ihn hineinbringt. Ich schätze mal das ist der Punkt, an dem die Leute dann irgendwann an der Infusion enden. Einfach zuviel geschwitzt. Ein kühles Erdinger wär nicht schlecht, doch davon trennen mich noch 12 km. Noch geht es mir vertretbar gut, und damit das so bleibt, zwinge ich mich weiterhin zur Nahrungsaufnahme. Salztabletten wären heut auch nicht blöde gewesen, aber die liegen natürlich wie immer zuhause. An mindestens einer VP gibt es aber auch Salz, sehr vorbildlich. Bevor ich mich bei Daniel festquatsche, laufe ich besser weiter. Ein paar der Überholten sind auch schon da und jetzt geht es denen wieder besser als mir. So ist das halt.

Durch die finstersten Täler sehe ich immer die Lichtpunkte anderer Läufer in gleichmäßigen Abständen hinter mir. Ich versuche Tempo zu halten, denn es gibt mir Sicherheit, dass zumindest hinter mir noch jemand kommt. Vor mir muss Annette sein, aber außer Sicht. Olli begleitet mich auch immer wieder weite Stücke. Ich muss höllisch aufpassen, den Kreislauf im Gleichgewicht zu halten. So gehe ich jetzt wieder schon die kleinsten Steigungen, obwohl ich eigentlich noch laufen könnte, nur damit mir nicht schlecht wird. Naja, wenigstens habe ich das im Griff, zuverlässig Selbstwahrnehmung ist Gold wert. Daniel hat sich an die letzte VP gebeamt, und eigentlich könnte ich den Rest doch jetzt auch mit dem Auto fahren…

Die letzten Kilometer laufe ich mit Bernd, den ich in letzter Zeit auch schon häufiger mal gesehen habe. Ein ganz bescheidener und netter Zeitgenosse, und als er dann irgendwann sein Laufprogramm auspackt, schlackern mir die Ohren. Unglaublich, was manche Leute so wegrennen. Wir laufen zusammen in diesen letzten saufinsteren Wald hinein, in dem es bergauf geht. Plötzlich ist  Bernd 150 Meter nach vorne weg. Ich hatte vergessen ihm zu sagen, dass ich eine Sissi bin. Ich bin allein und grusle mich. Prompt knackt es hinter mir im Gebüsch und etwas Großes rennt mindestens 50 Meter parallel mit mir in meine Laufrichtung. Es will mich fressen. Wahrscheinlich eine Maus. Mich überkommt die nackte Todesangst und ich renne, bis ich Bernd wieder eingeholt habe. urgs

Den Rest traben wir entspannt zusammen, und alles ist gut. Durch den Zwischensprint hat sich mein Kreislauf irgendwie stabilisiert – ich muss noch darüber nachdenken, ob sich sowas auch gezielt einsetzen ließe… Der Zieleinlauf ist wie immer von Lichtern und Applaus gesäumt, im Stadion tritt eine Band auf, bzw als ich komme gerade ab. Davon könnte sich der Fidelitas mal inspirieren lassen. In der Zielverpflegung gibt es Bier und alles andere, Kuchen und Torte. Sogar Maultaschensuppe – die schaffe ich aber nicht. Mir geht es nicht direkt schlecht, aber auch nicht so gut, dass ich gleich nach Hause fahren könnte.

Das Finishershirt wird diesmal erst mit der Medaille im Ziel ausgegeben, was mir auch gut gefällt. Hart verdient 🙂 Mit 6:54 bin ich einig, die Zeit ist heute ohnehin egal, und eine Woche nach den 4Trails musst Du das überhaupt erstmal laufen. So hart es heute war, ich bin froh um den Start, denn der Lauf ist einfach zu schön um ihn auszulassen. Seinen Platz in meinen Lieblings-Top-10 hat er sicher.

Mit Franz und Daniel hänge ich noch herum bis es mir besser geht. Birgit und Norbert kommen mit Marion herein, Ilona schafft es auch, und Carmen und Volker nehmen noch eine letzte Laola-Welle mit. Alles bestens, alles rund 🙂

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8 Antworten zu Night 52 – 19.7.2014

  1. binoho schreibt:

    Hat bestimmt mehr Spass gemacht als die 10km von vorgerstern. Mir war´s heute morgen 6:40 bei einem 15er schon wieder zu warm. Grüße, Norbert

  2. Carmen schreibt:

    Es war ja soooooooooo heiß. Aber auch so richtig schön. Danke, dass Du mir den Lauf empfohlen hast. Nur schade, dass wir vor Ort nicht so richtig zum Quatschen kamen….

    • Kati schreibt:

      immer wieder gerne. Vielleicht brauchen wir noch etwas Zeit. Hatte ich jedenfalls den Eindruck. Mehr davon gehört aber nicht hierher 🙂

  3. jollyjumper123 schreibt:

    Oh je, dass mit der Sissi kann ich gut nachempfinden, da bin ich ganz genau so! Natürlich finde ich, dass man so einen Lauf nicht so schnell nach den 4 Trails machen sollte 😉 , aber schön auf dich aufgepasst hast du! Den lauf merke ich mir mal!

  4. Theo schreibt:

    Arme Kati, an den Anstieg (von wegen sanfte Hügel) von Bretten nach Göbrichen habe ich und insbesondere das Spicegirl noch eine lebhafte Erinnerung vom Pfingstsonntag, als wir mit dem Rad auch bei über 30 Grad mit Gepäck da hoch mussten, allerdings hatten wir eine etwas andere Strecke, die wenigstens teilweise durch den Wald ging.
    Wir sehen uns in Bellheim, bitte mach Deinen Einfluss beim Veranstalter geltend, dass die Temperaturen erträglich sein werden. Bis dahin LG Theo

  5. Oliver Schaffhauser schreibt:

    Hallo Kati mit hat es auch Spass gemacht auch wenn mir nach 7 Std auf dem Rad Ganz schön der Hintern wehgetan hat:-D Grüsse Oli

  6. Ilona Strienz schreibt:

    Hallo Kati, also ich habe ja echt Glück gehabt, dass ich Dich getroffen habe, die moralische Unterstützung hat mir wirklich arg geholfen 🙂 Viele Grüße Ilona

    • Kati schreibt:

      hallo Ilona, immer gern 🙂 wie ich höre, hat Birgit dann den Rest übernommen. Toll dass Du es geschafft hast, das war wirklich ein hartes Brett für den Ersten !! Grüße, Kati

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