Kristallmarathon Merkers – 15.2.2014

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Kristallmarathon Merkers. Ein Lauf (10 km, HM, M) im Salzbergwerk, in 600 Metern Tiefe. Warum zum Kuckuck muss man denn ausgerechnet auch noch im Bergwerk laufen? Das Argument, dass es dort im Februar 21 Grad und kalkulierbare Wetterbedingungen hat ist sicher nicht für jeden ausschlaggebend. Und bestzeitentauglich ist dieser Lauf mit satten 750 Höhenmetern nun auch nicht gerade. Aber es ist halt mal was anderes 🙂 Merkers ist ein aktives Salz-Bergwerk mit riesigen Ausmaßen. Eberhard erzählt, dass es eine Kantenlänge von 200 Kilometern aufweist. Neben der Salzgewinnung wird Umsatz aber auch mit Tourismus generiert. Es gibt tägliche Führungen, viele Konzerte und andere Veranstaltungen in der Tiefe. Merkers firmiert als „Erlebnisbergwerk“. Unter diesem Aspekt erscheint ein Marathon nicht mehr ganz so abwegig.

Anja, Hannes und ich dürfen bei Eberhard und Angelika mitfahren, was recht komfortabel ist. Abfahrt ist allerdings schon um 5 Uhr in Stammheim – das heißt Wecken um 3:45 Uhr. Die 3+ Stunden Fahrt in die Nähe von Eisenach verpenne ich generös.

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Der Ablauf der Veranstaltung ist gut durchgeplant. Da alle 500 Läufer in der Tiefe noch mit Transportwagen an den Startort gefahren werden müssen, und diese Zufahrten teils auf der Laufstrecke stattfinden, müssen wir frühzeitig dort sein. Nach der Abholung der Startunterlagen geht es ab in die Tiefe. Helm und Stirnlampe sind ab hier Pflicht. Mir ist mulmig – ich habs nicht so mit Aufzügen. Ich glaube, dass Merkers ein sehr komfortables und sicheres Bergwerk ist. Alles sieht gut gewartet und gut gesichert aus und macht einen sauberen, durchorganisierten Eindruck.

Knapp 40 Personen werden in einen Lastenaufzug gepackt, der nicht viel größer ist als ein Dixi-Klo, aber dafür niedriger. Eberhard hat gesagt, die Fahrt hinunter dauert nur eine Minute. Es ist nicht so schlimm wie ich befürchtet hätte. Unten angekommen, steigen wir in gelbe Transporter um und brausen in Höchstgeschwindigkeit durch die engen Röhren. Um enge Kurven und über steile Gefälle und Anstiege. Geisterbahn pur.

Schon um 9 Uhr sind wir im Startareal am „Konzertsaal“. Das ist ein sehr weitläufiger und hoher Raum, der wie eine riesige Höhle ins Gestein gefräst ist. Wir sind inmitten des riesigen Salzstockes. Die Wände sind schiefergrau bis schwarz, bestehen aber komplett aus Kali- und anderen Salzen, natürlich noch mit Gesteinsanteilen. Was passiert, wenn hier Wasser eindringt? Ich nehme eine Geschmacksprobe und stelle mir schonmal vor, dass hier in wenigen Stunden krampfgeplagte Läufer wie Welse an den Wänden kleben. Die Elektrolytversorgung ist jedenfalls gesichert.

Der 10-km-Lauf startet um 10 Uhr, HM und M um 11 Uhr. Genügend Zeit, sich in der Parallelwelt umzusehen. Mit Anja erkunde ich das Gelände, aber nur auf den erlaubten Wegen. Eine Warmlaufstrecke ist markiert, die ganze Runde aber aus Sicherheitsgründen noch nicht geöffnet. Wir schauen beim Start des 10-km-Laufs zu. Eine Runde hat etwas mehr als 3 km. Der 10-km-Lauf ist etwas verkürzt, der HM mit 7 Runden etwas zu lang, und der Marathon mit 13 Runden und 42,25 km recht gut bemessen. Angesichts der besonderen Umstände hat hier sicher niemand ein Problem mit unorthodoxen Streckenlängen. Ziemlich beruhigt bin ich, als nach einer Viertelstunde die ersten 10er wieder aus der Finsternis auftauchen.

21 Grad hat es im Bergwerk, allerdings schwankt die Temperatur auf der Strecke doch ziemlich, an manchen Stellen dürfte sie einiges höher sein. Auch die Qualität der Atemluft ist unterschiedlich, aber insgesamt absolut ok. Marathon und HM starten gemeinsam – im Marathon sind ca 160 Läufer, im HM vermutlich mehr, insgesamt werden 500 Starter zugelassen; das Limit dürfte der Transportlogistik geschuldet sein. Wir treffen noch Olaf, den ich unter seinem Helm erst gar nicht erkenne.

Der ganze Marathon hat 750 Höhenmeter, die sich pro Runde auf verschiedenen kurze Anstiege und eine lange, minimal ansteigende Gerade verteilen. Bergab-Stücke gibt es 3, 2 davon sind sehr knackig. Das Salz ist auf den Abwärtsstücken spiegelblank wie Eis, aber nicht rutschig. Trotzdem kann ich mich kaum überwinden, der Sache zu vertrauen. Schon in der ersten Runde wird klar, dass dieser Lauf sehr anspruchsvoll zu laufen sein wird, und dass sich eine gute Einteilung empfiehlt. Ist ja normalerweise nicht so meine Spezialität. Aber heute lasse ich es gleich mal entsprechend ruhig angehen. Die Dunkelheit in den engen Röhren und die Wärme sind nicht zu unterschätzen, das hier hat durchaus Kreislauf-Potenzial, was ich nicht brauchen kann. Die Atmosphäre ist brandspannend, kann aber auch leicht ins Beklemmende umschlagen. Ich möchte was von dem Lauf haben, und die Zielzeit ist mir wurscht.

Also wähle ich ein lockeres Trainingstempo. Auch der Untergrund ist anspruchsvoll: Beinhartes Salz, härter als jeder Asphalt. Darin einige Spurrillen und Schlaglöcher, die nicht immer gut zu sehen sind. An manchen Stellen liegt eine dünne Salzschicht, wie Staub. Wenn Du hier laufen willst, nimm den gedämpftesten Schuh, den Du finden kannst.

Anja und Hannes laufen schon in der ersten Runde locker noch vorne weg, ich bleibe bei meinem Joggingtempo. Mehr hätt ich sowieso nicht drauf. Die ersten 3 Runden ziehen sich wie Kaugummi, ich laufe langsamer als 6er-Schnitt und es ist trotzdem total anstrengend. Das GPS funktioniert hier unten natürlich nicht. Am Rundendurchlauf steht eine Videowand, auf der man den aktuellen Stand ablesen kann. Wieviele Runden noch gelaufen werden müssen, und wie lange man bis jetzt schon unterwegs ist. Seltsam: In Rodgau kann ich immer genau sagen, in welcher Runde ich mich gerade befinde. Hier aber verliere ich schon nach Runde 3 komplett den Überblick. Woran das wohl liegt?

Es zieht sich. Das Laufen in den Röhren ist spektakulär, alle möglichen Gefühle zwischen Faszination und latenter Panik und Platzangst springen mich von außen an. Was macht das wohl mit einem Menschen, der jeden Tag hier arbeitet? Die Strecke ist noch voll, und es sind viele sehr schnelle Läufer dabei. Ständig werde ich überholt und überrundet, kann aber selbt kaum jemanden einkassieren. Nach 5 Runden bin ich schon ziemlich laufmüde.

Eigentlich würden mir die 7 Runden des HM vollauf zu meinem Glück genügen, aber ich sage mir, dass ich hier vermutlich nur einmal im Leben sein werde, und dass ich das jetzt genießen und die einzigartige Atmosphäre in meine Erinnerung einbrennen werde. Meine Füße brennen auch schon. Pro Runde gibt es 2 VPs, was auf den ersten Blick überflüssig erscheint, es aber keinesfalls ist. Die Luft ist extrem trocken. Es werden Schmalzbrote mit Gürkchen, verschiedenes Obst und Riegel angeboten. Zwischendrin bekomme ich einen solchen Kohldampf, dass ich insgesamt 4 der Schmalzbrote essen muss. Sie helfen aber 🙂

Es dauert Jahrmillionen Jahre, bis ich endlich die 7. Runde gelaufen bin, und die Zahl der noch zu laufenden Runden endlich kleiner ist als die der bereits gelaufenen. Meine Güte, ist das zäh !!! Die Stimmung ist auch ungewöhnlich. Nicht dass ich direkt Kontakt zu den Mitläufern suchen würde, aber man kommt so GAR NICHT ins Gespräch. Ist jetzt eher ungewöhnlich. Ein paar lassen mich bei einem freundlichen Gruß regelrecht abblitzen. Ist es die Sprachbarriere?

Im Rundendurchlauf von Runde 8 überholt mich der Marathonsieger im Zielkanal – 2:49 hat er gebraucht. Ich muss noch 5 Runden laufen und bin davon im Moment nicht so wirklich begeistert. Doch das wahre Unheil nähert sich bereits unbemerkt von hinten: Plötzlich rennt der Herr von der Zeitnahme hinter mir her und hält mich an. Ich dürfe nicht weiterlaufen, sondern müsse zum Halbmarathon abbiegen. Ich verstehe nur Bahnhof. Wieso das denn? Ich sei über der Zeit, erklärt er mir. Wie bitte? Macht der Witze? Dunkel erinnere ich mich, dass wir auf der Fahrt noch über einen Cutoff gesprochen haben, der aber äußerst moderat bemessen ist, so dass wir uns darum nicht zu kümmern brauchen.

Der Herr Zeitnehmer behauptet nun aber voller Vehemenz und mit zunehmender Autorität, dass ich diesen Cutoff überschritten hätte. Um 4 Minuten. Ich hätte hier bei 2:45 durch sein müssen, jetzt ist es 2:49. Ich falle vom Glauben ab und beginne zu handeln. Erkläre ihm, dass ich das locker wieder reinlaufen kann. Oh mein Gott ich Versager. Hab ich denn so sehr getrödelt? Eigentlich nicht. Ich bin nur locker gelaufen, habe aber keine großen Pausen an den VPs gemacht und bin die ganzen Anstiege gerannt. SO langsam kann das nun wirklich eigentlich nicht gewesen sein. Ob ich nicht auf die Uhr geschaut hätte, fragt er. Nee, hab ich nicht.

Es ist sinnlos. Es gibt keine Gnade. Ich habe es vergeigt. Ohne es zu merken. Ich war zu selbstgefällig und zu arrogant, habe offensichtlich ein Zeitlimit versemmelt, das wirklich nicht anspruchsvoll war, und das hast Du nun davon. Innerhalb von Sekunden bin ich am Boden zerstört. Aus dem Rennen gerissen und unverrichteter Dinge erschöpft – merke: auch ein 2/3 Marathon macht müde. Ich bin paralysiert und alles was mir einfällt ist, mich unsichtbar zu machen – dazu bin ich aber zu bunt angezogen. Was für eine Scheiße. Ein DNF aus eigener Dummheit, grundlos, unbeabsichtigt, ohne Entschuldigung. Der Zeitnehmer lässt mich stehen, als er sieht, dass ich seinen Anweisungen folge. Ich weiß gar nicht, wo ich jetzt mit mir hin soll… Umziehen? Duschen? auf die anderen warten? auf die, die schnell genug sind… im Unterschied zu mir …

Völlig planlos und irritiert bleibe ich im Zielkanal stehen und kann es nicht fassen. Ein schnellerer HM-Läufer kommt zu mir her und fragt mich ob alles ok sei und wieso ich nicht weiterlaufe, ich hätte doch eine Marathonnummer. Ich sage, ich darf nicht, ich war zu langsam. Er sagt, das könne nicht sein, er hätte mich laufen sehen, ich sei ganz bestimmt nicht zu langsam. Ich kann es nicht verstehen, bin immer noch starr vor Schreck und mein Gehirn arbeitet nur in Zeitlupe. Wahrscheinlich wäre ich irgendwann schon noch auf die Idee gekommen, zum Zeitnehmer zu wackeln und ihn nochmal genauer zum Regelwerk zu interviewen. Doch der bemerkt seinen Irrtum gerade schon selbst und kommt hektisch auf mich zugerannt (bunt = leicht wiederzufinden). Was er mir erzählt, entbehrt jeglicher Logik, aber die Botschaft ist eindeutig: Er entschuldigt sich für irgendwas, er hätte einen Fehler gemacht.

In affenartiger Geschwindigkeit tauche ich unter dem Flatterband durch und mache, dass ich Land gewinne. Nix wie weg hier, bevor der sich das wieder anders überlegt. Die nächste Runde renne ich wie ein Windhund und versuche zu sortieren, was da grad passiert ist. Beim Rundendurchlauf verstecke ich mich am äußeren linken Rand, damit er mich nicht wieder rausholen kann. Plötzlich läuft es. Meine Füße brennen nicht mehr, und ich renne wie ein Käpsele. Ich habe den zweiten Frühling, und die restlichen Runden werden wie im Flug vergehen. Es ist auch schon gewaltig einsam geworden auf der Strecke, und der Gruselfaktor steigt spürbar an.

Beim Durchlauf der vorletzten Runde sehe ich Anjas Zeitmessung noch am unteren Ende der Tafel. Sie hat nur 4 Minuten Vorsprung – ich hätte mit mehr gerechnet. Das ärgert mich jetzt, denn es wäre schön, den Rest mit ihr gemeinsam zu laufen. Ich mache etwas schneller. Beim nächsten Rundendurchlauf hat sie nur noch 1,5 Minuten Vorsprung. Sie kann davon natürlich nix wissen. Kurz darauf hab ich sie eingeholt, denn ihr ists fad und sie trödelt extra, um auf mich zu warten. Wir laufen eine schöne letzte Runde zusammen, treffen noch auf Angelika und Eberhard und sind dann auch echt froh, mit 4:40,1 endlich im Ziel zu sein. Kein einfacher Lauf, ganz gewiss nicht.

Hannes und Daniel sind schon umgezogen, Olaf kommt auch kurz nach uns – er hat es sich an der VP etwas länger gemütlich gemacht. Als Zielverpflegung ist eine wahnsinnig große und wahnsinnig leckere Bockwurst im Angebot. Was bin ich froh, dass ich kein Veganer bin, ehrlich wahr 🙂 Dann dürfen wir noch zur Siegerehrung. Alle 5 haben wir einen zweiten Platz in unserer AK erlaufen, wenn das mal nicht ne Ausbeute ist 🙂 Leider schaffen wir es nicht mehr in die Kristallgrotte, da ging logistisch irgendwas schief, was sehr schade ist. Rückfahrt mit den gelben Transportern, diesmal auf einer noch holprigeren Nebenstrecke, dann eine kurze Ausfahrt im Aufzug des Grauens, und schon sind wir wieder draußen.

Wow. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art, das ich nicht missen möchte.

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8 Antworten zu Kristallmarathon Merkers – 15.2.2014

  1. Gerd (diro1962) schreibt:

    Cool, mal was anderes als an der frischen Luft.
    Respekt!

  2. Theo schreibt:

    Du machst Sachen, echt unglaublich! Gibt es nicht auch einen Marathon durch die Wüste?
    LG und bis bald Theo

  3. Gerhard Bracht schreibt:

    Kati, einfach herrlich, Dein Bericht.
    Besonders die Stelle mit Deinem neuen Freund, dem Zeitnehmer.
    Hoffentlich erkennst Du den nicht bei anderen Läufen wieder.
    Das könnte ein Drama werden,oder?
    Gruss
    GERHARD

  4. Jörg schreibt:

    Jetzt dämmert es: Katis pace team!
    Irgendwie kam mirTeamname und Starterin bekannt vor, ohne zu wissen woher.
    Jetzt wird mir alles klar. Schade, das wir uns nicht erkannt haben.

  5. Dani schreibt:

    liebe Kati
    erst jetzt lese ich Deinen tollen Bericht (war ja ein paar Tage weggesperrt ..) und komme aus dem Lachen nicht heraus. Du hast das wieder mal einfach zu gut beschrieben, denn bildlich stelle ich mir die Dehydrierten, an den Salzwänden klebend, vor – wie herrlich! Und dann die Nummer mit Herrn Zeithehmer und Dir … Es ist einfach zu schön, auch wenn es das in diesem Moment für Dich nicht war. Hej, aber das wirst Du nie vergessen und als unvergessenes Erlebnis verbuchen.
    Glückwunsch zu Euren 5 2. Plätzen, das war es wert und wird Euch immer bleiben 🙂 !
    dicke Grüßles von Deiner Dani ♥

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