Bieler Laufnacht – 7.6.2013

www.100km.ch

DSCN7100 hoehe-k streckeFinish Nr. 3 in 12:34 – nicht die Zeit die ich laufen wollte (11:45), aber ist ok. Hauptsache durch.

Mein Bericht bei Marathon4You

trägt den Titel „In den Tälern des Todes“ 🙂

Willst Du viel, lauf in Biel

In Biel gibts von allem viel. Viel Schönes und Gutes, viele Erlebnisse, viel zu lernen. Aber auch viel Pein, Selbstzweifel, Durchhaltenmüssen, Leiden.

Viele Läufer finden Leiden ja toll. Je mehr sie gelitten haben und je größer die Schmerzen waren, desto toller ist das Erlebnis. Am besten noch mit Verletzungen, die man dann herumzeigen kann. Bei mir ist das nicht so. Ich möchte laufen wie in einem Werbespot: Locker, souverän und alles geht ganz von alleine. Statt Training war ich vorher in der Maske. Ja, das wäre schön. Leider wurde ich nicht gecastet…

Gero und ich fahren rechtzeitig los, geraten dann aber von einem Stau in den nächsten. Es wird knapp. Bis wir endlich nach fast 5 statt 3 Stunden in Biel ankommen, hat sich sogar der Teilnehmerstau durch die Innenstadt schon komplett aufgelöst und wir fahren ungestreift durch bis zu unserem zugewiesenen Parkplatz. Ob das so ein gutes Zeichen ist… Schnell ziehen wir uns um, lassen alles im Auto, keine Zeit mehr zur Taschenabgabe, und dann schnell zum Kongresshaus, Nummer ziehen und uff… 20 Minuten vor dem Start stehen wir da. Leider zu wenig Zeit für das verabredete Treffen mit Marianne, aber wenigstens kurz sehen wir uns noch. Sie läuft den Nachtmarathon.

Marianne-01Am Start steht ein buntes Völkchen, viele mit Rucksäcken. Sehen alle aus wie ganz erfahrene Langstreckler, tragen auch die entsprechenden Finishershirts und so. Gesprächsthemen passend. Das Wetter ist perfekt. Noch zu warm, aber dafür wird es nachts dann nicht allzu kalt werden. Ich nehme mir nix mit, T-Shirt reicht. Ich weiß dass ich eine Zeitlang etwas frieren werde, aber das ist besser als stundenlang an der Jacke zu nesteln. Ballast ist immer schlecht, deshalb bleibt auch die Kamera zuhause. Die Organisation in Biel funktioniert lückenlos, auch auf die VPs ist absoluter Verlass.

marianne-02Alle wirken völlig entspannt. Die ersten Kilometer durch die Stadt laufen wir einen sehr langsamen Schnitt, das macht aber nix. Mit der Zeit wird es von alleine schneller, und ich will es eh vorsichtig angehen. Mein Plan ist, nach Möglichkeit wieder so zu laufen wie im letzten Jahr, denn da lief es optimal. Vor allem die letzten 20 Kilometer, die ich da in 2:06 gelaufen bin, aber so einen Höhenflug kann man nicht planen. Deshalb lieber vorne ein paar Körner sparen.

Ich merke aber schon ziemlich schnell, dass ich mal wieder nicht locker laufe. Komme mir vor wie ein Elefant, und es gelingt mir fast gar nicht, einen entspannten Schritt zu finden. Das verheißt nix Gutes. Schon bei km 10 fühl ich mich wie nach 20 km, und das setzt sich fort. Naja, da muss man durch, und der Tag ist ja noch lang. Ich versuche mal, mich davon nicht kirre machen zu lassen.

marianne-03 marianne-04 marianne-05 marianne-06 marianne-07 marianne-08 marianne-09(vielen Dank ans Marianderl für die Fotos)

Im Zickzack geht es über die betonierten Feldwege, auf denen vor 2 Jahren das Wasser knöchelhoch stand. Heute flirren Staubteilchen im Licht der Stirnlampen. Unter uns, es ist ziemlich eintönig. Niemand will reden, ich auch nicht. Inzwischen kenne ich die Strecke so gut, dass ich immer schon vorher weiß, wo die nächste VP kommt und wie sie aussehen wird. Manche Läufer haben schon eine laute Atmung und sind hörbar angestrengt. Ich bin froh, dass es bei mir nicht so ist und dass ich im Feld einfach so mitschwimmen kann.

Etwa bei km 17 kommen wir über die Holzbrücke bei Aarberg und gleich dahinter ist das Halbmarathonziel. Marathon und HM sind 15 Minuten nach uns gestartet und drehten noch zusätzliche 4 km in der Stadt. Hier steppt der Bär, der Dorfplatz ist voll. Die Zuschauer sind toll. Auf den ersten 30 Kilometern kommen wir durch viele kleinere Städtchen, in denen überall ziemlich viel los ist. Organisiert und spontan, aber die Zuschauer sind voll dabei. Ein paar dumme Kommentare sind aber auch zu hören und beziehen sich auf die Stirnlampen, die man natürlich in der beleuchteten Stadt nicht brauchen würde. Naja. Muss man einfach weghören…

Die Radler steigen hinter km 20 zu. Auf die würde ich gern verzichten. Alle versuchen zwar, rücksichtsvoll zu sein, aber es gelingt nicht jedem. Außerdem macht es mich nervös, wenn hinter mir einer radelt oder neben mir schlingert. Irgendwelche Bogen laufen mag ich auch nicht müssen. Naja. Am besten funktioniert es, wenn ich sie ausblende. Wenn einer vorbei will, muss er halt rufen. – Was die alles an Gepäck dabei haben, ist zum Teil auch echt lustig. Aber ich bleib dabei: In Biel ist es nicht so einsam, dass man einen Radler zur Unterstützung bräuchte.

Hinter Scheunenberg wird es finster. Es ist 1 Uhr durch und die Zuschauer werden weniger. Bis Oberramsern bei km 38, wo auch das Marathonziel ist, geht es jetzt bolzgerade auf einer Landstraße. Ich bin über jeden Kilometer froh, der die 70 Restkilometer dezimiert. Meine Moral ist am Tiefpunkt. Ich schaffe das nicht. Mit Gero hab ich aber ausgemacht, dass wir nur abbrechen, wenn es gesundheitliche Gründe gibt. Nicht einfach so. Und bei km 38 schon aufzugeben, das ist doch echt popelig. Andrerseits, wenn ich bis 56 gelaufen bin, dann schaff ich es auch vollends. Immer wieder hängen sich männliche Läufer bei mir hintendran und nutzen mich als Schrittmacher, das gibt moralisch etwas Auftrieb. Bei diesem Lauf bin ich gern hilfsbereit und es stört mich gar nicht. In Oberramsern bin ich nur 10 Minuten langsamer als im letzten Jahr, gefühlt hätte ich mit einer schlechteren Zeit gerechnet. Aber es läuft trotzdem zu schlecht, das wird hintenraus noch ganz ganz übel werden.

alpha-01Hinter Oberramsern wird es etwas leerer und auch kühler. Jetzt hätte ich doch gern wenigstens irgendwas am Hals. Müdigkeit erwischt mich kalt in mehreren Wellen und ich muss besonders gut auf meine Verpflegung achten. Eigentlich möchte ich noch gar nichts essen, zwinge mich aber seit km 25 schon dazu, bevor es zu spät ist. Statt normaler Cola gibt es Pepsi, das wirkt nicht so gut. Vielleicht wären Koffeintableten gar keine schlechte Idee, aber das hätt mir früher einfallen müssen. Ob man sowas dann im Lauf verträgt, ist die andere Frage. Ich könnt mich hinlegen und schlafen.

Hinter km 45 irgendwo treffe ich Emil, wir haben beide gerade ein High (das einzige für mich für den ganzen Lauf) und überholen wie die Wilden. Bei mir hält es zum Glück bis Kirchberg an, da hab ich Emil aber auch schon wieder verloren. Immerhin, das war eine nette Begegnung. In Kirchberg bin ich 16 Minuten hinter der Zeit, eigentlich hätt ich geglaubt, ein wenig aufgeholt zu haben. Aber egal.

Die Viertelstunde macht aus, dass es auf dem Emmendamm schon fast hell ist. Trotzdem laufe ich ihn schwerer als im Vorjahr, bin einfach nicht so gut drauf. Da ich weiß, dass hinterher so ein Konzentrationsabfall kommt, laufe ich etwas gelassener, um das Loch möglichst klein zu halten. Es funktioniert. Bei der VP unter der Brücke bin ich relativ entspannt. Dahinter ist ein Festzelt aufgebaut, in dem exakt 4 Zuschauer sitzen. Der Zugang zu den Bierbänken ist für Läufer mit Flatterband abgesperrt. Das find ich ja den Hammer! Der will hier seine Würstchen verkaufen und die Kundschaft glotzt uns an wie die Affen im Zoo, aber wir dürfen uns nicht mal kurz hinsetzen? Ich steige übers Flatterband und setze mich zu 3 Läufern aus Polen, um in Ruhe mein Brot zu essen, keine 2 Minuten.

Weiter gehts. Die nächste VP ist die Station vom Skiverein, an der ich mich sonst immer kurz hinlege, um meinen Kreislauf zu stabilisieren. Davor kommen wir noch an die Stelle, an der die Radler wieder einsteigen dürfen. Hier werden wir bejubelt, das ist nett. Inzwischen haben wir auch schon richtig was geleistet, da finde ich die „Bravo“-Rufe und die Respektsbekundungen dann schon eher angebracht als bei km 10. Am Skiverein geht es mir so gut, dass ich mich gar nicht hinlegen muss. Es ist halt doch immer wieder anders. Wir sind schon bei km 67 durch, und bei 76 geht es bei Büren in den Berg. Das ist, gemessen an den zurückgelegten Kilometern, gar nicht mehr so weit. Natürlich zieht es sich wie Kaugummi.

Vor dem Berg habe ich keine Angst, und ich weiß, wenn ich die Zeitmessung dort erreicht habe, dann kann mir nichts mehr passieren. Egal wie zäh die restlichen 25 Kilometer werden, ich werde sie schaffen. Allerdings mache ich mir im Moment noch kein Bild davon, wie zäh sie tatsächlich werden…

Bei der VP an Kilometer 72 empfiehlt mir die Helferin, doch bei 76 unbedingt in den Bus zu steigen. Ich habe aber nur nach dem Dixiklo gefragt. Als mir kurz später ein Läufer und seine Radlerin auch noch Traubenzucker und ISO anbieten, bin ich aber doch so leicht irritiert. Es ist alles ok oder? Sehe ich schon so ramponiert aus? Normalerweise gehöre ich nicht zu den verratzten Gestalten, und geregnet hat es auch nicht. Naja.

Seit dem Emmendamm treffe ich immer wieder auf dieselben Läufer: Ein Mädel in einem tollen limegrünen Outfit, ich glaube sie heißt Andrea. Ein Herr mit einem riesigen Tattoo an der Wade, dessen Namen ich noch in Erfahrung bringen werde 🙂 und den ich schon den ganzen Lauf über sehe. Und noch einer. Am Ende kommen wir im Abstand von 2 Minuten ins Ziel und haben uns angefreundet.

An der letzen Messmatte habe ich nur noch 6 Minuten Rückstand auf die Zeit vom Vorjahr, habe auf dem letzten Abschnitt aber auch nicht so gelitten wie damals. Wo ist eigentlich Axel? Der müsste mich doch längst eingeholt haben! Und Reiner? Seltsam.
Mir geht es gut, und ich freue mich, dass ich jetzt bald im Ziel bin. Der Berg ist kein Problem, nur oben fällt das Anlaufen wieder sehr schwer. Nach fast 80 gelaufenen Kilometern will einem ein noch verbleibender Halbmarathon wie ein Witz erscheinen. Doch leider ist es noch verdammt weit.

alpha-05Die Sonne ist heraus gekommen und es ist wirklich ein herrlicher Tag, halt auch sehr warm. Die Aare führt Hochwasser, was sehr spannend zu beobachten ist. Davon abgesehen, schleppe ich mich aber von Kilometer zu Kilometer immer mehr nur noch so dahin. Gut, das war nicht anders zu erwarten. Das verlebst Du kaum, wie lange so ein einziger Kilometer sein kann ??? Die Stunden und Tage zerrinnen und die Sonne brennt aufs Hirn. Ich habe Durst und will ein Erdinger. Ich möcht einfach nur noch ins Ziel kommen. Die letzten 10 Kilometer werden noch schlimmer. Ich setze einfach nur einen Fuß vor den anderen und versuche, die Zeit zwischen dem Kilometerpiepsen in Abschnitte von 100 bis 400 Metern einzuteilen. Tja, was macht man nicht alles.

Ab km 95 sind die Kilometer einzeln ausgeschildert, davor in 5er-Schritten. Auf dieses Highlight arbeite ich jetzt hin, ich will unbedingt zu km 95… Kurz davor fällt ein Läufer von hinten über mich her und ruft „Du bist es tatsächlich, hab ichs doch gesehen !!!“. Es ist der Axel, in der Blüte seines Lebens. Was freu ich mich, ihn zu sehen. Er hat den Home-Flow und ich schicke ihn vor, wir sehen uns dann noch im Ziel.

Unendlich ziehen sich die letzten 5 Kilometer, sowas hab ich noch nicht erlebt. Die Kulisse ist auch wirklich eintönig. Erst die letzten 1,5 Kilometer erreichen wir so langsam die Stadt, und da sind auch wirklich Zuschauer, die uns ihren Respekt erweisen. Die Streckenposten begrüßen jeden mit einem Glückwunsch. Die stehen selbst ja wahrscheinlich auch schon die ganze Nacht dort ! Bei km 99 macht der Herr mit der tätowierten Wade ein paar Fotos und verspricht, sie mir zu schicken. Wir quasseln noch ein bißchen. Andrea und der andere Herr sind in Sichtweite. Was bin ich froh, als wir um die letzte Ecke biegen und der Turm des Kongresshauses in Sicht kommt.

alpha-02Das Festzelt ist über der Strecke aufgebaut, wir dürfen hindurch laufen. Es ist eine riesen Stimmung. Läufer und Begleiter feuern jeden nochmal an, ich kann es so richtig genießen. Gero und Axel sind auch da. Noch 100 Meter und hinein ins Ziel. Das überwältigende Gefühl der Erstbegehung bleibt aus, es ist fast wie ein ganz normaler Zieleinlauf.

alpha-03gAber ich nehme mir ganz fest vor, diesesmal nicht mehr übers Jahr zu verdrängen, wie anstrengend dieser Lauf durch die Nacht für mich ist, und wie kaputt ich mich durch den Schlafentzug streckenweise fühle. 100 km Laufen ist machbar, glaube ich, aber dieser Mix ist tödlich. Schon heute, einen Tag später, hab ich jedoch mit dem Verdrängen begonnen.. seufz..

PS: Gero hat sich an meine Wahrsagung gehalten und ist bei seinem Biel-Debut 9:30 gelaufen. Das finde ich sensationell.

Statistik:Aarberg: 1:43
Oberramsern: 4:16
Kirchberg: 6:36
Bibern: 9:25
Platz 17/38 AK, Platz 53/153 Frauen

und das da gab es noch als Zugabe vom Kleinen Schatz :

P1010003

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13 Antworten zu Bieler Laufnacht – 7.6.2013

  1. Carmen schreibt:

    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!! 🙂
    *freu*
    Und das noch in so einer tollen Zeit! Du bist spitze!!!!

  2. Jörg schreibt:

    Gratulation – ein Hunderter ist immer eine tolle Leistung und wahr ist stets der Spruch vom gehenden Schmerz und bleibendem Stolz.

    Jörg

  3. Kati schreibt:

    danke 🙂 Schmerzen hab ich ja zum Glück keine, nur Muskelkater, und sogar der geht…

  4. Schauläufer schreibt:

    Ja was soll ich sagen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Du machst es ja eh wie Lady Sophie bei „Dinner for One“. Vielleicht hast du nächstes Jahr noch einen schusseligen Kellner bei der X.ten Wiederholung. 😉

    Super Leistung, die du da trotz der körperliche „Unpässlichkeiten“ abgeliefert hast.

    Grüssle Klaus

  5. Kati schreibt:

    yeah, schusseliger Kellner, ist gebucht 🙂 Aber Du weißt doch: ich geh da nie nie nie wieder hin! Bei der Anfahrt haben wir schon ein paar Nerven gelassen und gedacht, das ist jetzt fast schon eine Schauläufer-Aktion 🙂

  6. Gero schreibt:

    Das Verdrängen hat bei mir auch schon begonnen… 😉

  7. Thomas schreibt:

    Herzlichen Grlückwunsch!! Sensationelle Leistung, wenn man die Randbedingungen berücksichtigt. Dass man bei einem Marathon nie weiß, was einem blüht, gilt bei einem Ultra erst recht. Also, ich möchte das nicht jedes Jahr laufen …;-)

  8. Philipp schreibt:

    sich kurz für n Nickerchen („wegen dem Kreislauf“) hinzulegen ist ja fast so gut wie sich wegen den Haaren („dem Regen“) kurz unterzustellen ;-)) Herzlichen Glückwunsch und Danke für den Bericht.

    • Kati schreibt:

      das stimmt net. Ich hab dort nie gepennt, sondern mich einfach nur kurz 5 MInuten auf eine Bierbank gelegt, wegen dem Gleichgewichtsorgan. Oder sowas. Jedenfalls hats geholfen…

  9. Birgit schreibt:

    Mensch Kathi
    Respekt, Respekt!!!
    Ich bin schon vom lesen Deines Berichts kaputt!
    Cool das Du das so durchgezogen hast!!!!!!!!!

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