lesen statt laufen (34) – Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

1913

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1913: Der Sommer des Jahrhunderts

Nach „Generation Golf“ hätte ich freiwillig ganz sicher kein zweites Buch von Florian Illies angefasst. Ich glaube ja, dass unser Geist auch von dem geprägt wird, was wir lesen. Dazu gehört natürlich, dass man zwischendurch auch mal Schund liest, eben um Schund dann auch erkennen zu können.

So war ich echt erstaunt, das Buch bei meinen Eltern zu finden. Die lesen nur Bücher, die das Label „Literatur“ auch wirklich verdienen, und „Generation Golf“ war ihnen unbekannt. Meine Mutter meinte, ich soll das lesen, denn da würde ich viele wichtige Dinge erfahren, die sich vor 100 Jahren abgespielt haben, und die unsere Kultur beeinflusst haben. *gääähn* – Es sei auch „interessant und modern“ geschrieben, das sagte sie mit einem Unterton der deutlich machte, dass dann auch ICH es verstehen könne. Mein Papa (78), sonst eher für etwas differenziertere Analysen bekannt, meinte nur: „Die waren ja alle total durchgeknallt damals.“

Amazon Beschreibung: Die Geschichte eines ungeheuren Jahres, das ein ganzes Jahrhundert prägte: Florian Illies entfaltet virtuos ein historisches Panorama. 1913: Es ist das eine Jahr, in dem unsere Gegenwart begann. In Literatur, Kunst und Musik werden die Extreme ausgereizt, als gäbe es kein Morgen. Zwischen Paris und Moskau, zwischen London, Berlin und Venedig begegnen wir zahllosen Künstlern, deren Schaffen unsere Welt auf Dauer prägte. Man kokst, trinkt, ätzt, hasst, schreibt, malt, zieht sich gegenseitig an und stößt sich ab, liebt und verflucht sich. – Es ist ein Jahr, in dem alles möglich scheint. Und doch wohnt dem gleißenden Anfang das Ahnen des Verfalles inne. Literatur, Kunst und Musik wussten schon 1913, dass die Menschheit ihre Unschuld verloren hatte. Der Erste Weltkrieg führte die Schrecken alles vorher schon Erkannten und Gedachten nur noch aus. Florian Illies lässt dieses eine Jahr, einen Moment höchster Blüte und zugleich ein Hochamt des Unterganges, in einem grandiosen Panorama lebendig werden.

Mich hat daran vor allem interessiert, wie Illies das wohl alles zusammen bringt, und wie er dem Anspruch an Gewichtung und Vollständigkeit gerecht werden will. Er tut dies in Form fragmentarisch aneinander gereihter Kurztexte. Als würde man eine Kiste LEGO auskippen. Der gewählte Sprachstil ist unterhaltsam und leicht, aber nicht platt und mit einer gut verträglichen Spur Ironie versetzt. Und meschugge waren die wohl wirklich alle. Ich hatte Spaß.

Lesen oder nicht? Ja, im Strandkorb mit hochgelegten Beinen und dem Blick aufs Meer…

allein schon deshalb, weil es mal wirklich was anderes ist 🙂

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6 Antworten zu lesen statt laufen (34) – Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

  1. Grit schreibt:

    Hi Kathrin,
    vor genau dieser Frage stand ich heute auch schon. Lesen oder nicht 🙂
    LG, Grit

  2. Theo schreibt:

    Könnte Literatur für „blue“ sein, hört sich jedenfalls interessant an.
    Liebe Grüße Theo

  3. Kati schreibt:

    „blue“ ?

    • Theo schreibt:

      Also meine Zahnbürste ist blau. Ich meinte, das Buch könnte auch für einen männlichen Leser von Interesse sein, hoffentlich war diese Formulierung jetzt gendermäßig und politisch korrekt 🙂

  4. Offenbar lesen die meisten jungen Leute so ein Buch nicht, das ist sehr schade!
    Es ist die interessanteste Unterhaltungslekture, die mir seit Jahren untergekommen ist,
    und erzählt lakonisch über nur ein einziges Jahr unserer jüngsten Geschichte, das aber
    fast das ganze 20.Jahrhundert erklärt. Ein tolles Buch!!!!
    Ulrich

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