Rodgau Ultramarathon – 26.1.2013

strecke

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Winter in Rodgau

Wenn Du im Januar zu einem Lauf gehst, dann solltest Du eines nicht erwarten: Perfekte Bedingungen mit schnee- und eisfreien Wegen. Doch ich will es mal wieder nicht wahr haben. Trainingszustand optimal, und die Moral schreit ATTACKE. Und schließlich wissen wir, dass in Rodgau sehr viel Energie in die Streckenpflege investiert wird. Die werden das schon gerichtet haben. Die Frage nach Trailschuhen stelle ich mir erst gar nicht, denn im Moment kann ich längere Strecken eh nur in 2 Paar Schuhen laufen. Der Nimbus ist für die Verhältnisse sicher nicht die beste Wahl, für meine Füße aber schon 🙂 Eine weise Entscheidung.

DSCN63295 Uhr aufstehen, 6:15 Uhr Anja einsammeln, 6:30 Uhr bei Birgit und Norbert einsteigen. Ich hatte vergessen, wie spaßfrei sowas im Winter ist. Es ist stockfinster draußen und auf der Fahrt nach Rodgau bekomme ich plötzlich Angst, dass es heute gar nicht hell wird. Als es dann – irgendwann – doch hell wird, sehen wir die Bescherung: Hier liegt ja richtig Schnee! Die Bäume sind weiß überzuckert und glitzern graukalt. Bei einem kurzen Stopp überprüfen wir die Außentemperatur und befinden sie für nicht wirklich akzeptabel. Ühm ja – der Jahreszeit angemessen eben…

DSCN6330 DSCN6332 DSCN6333 DSCN6343Der Weg zu den Startunterlagen ist komplett vereist und mir sterben sofort die Finger ab. Da ist Angelika, aber uns ist beiden zu kalt für ein Gespräch – immerhin weiß ich jetzt, dass Hannes auch schon da sein muss. In der guten Stube ist ja gar kein Gedränge? Dabei gibt es heuer doch einen Voranmelde-Rekord von über 1.000 Teilnehmern. Auf Twitter ist anscheinend ein ziemlicher Rodgau-Hype entstanden, der sich bis nach Facebook fortgesetzt hat. Der liebe André ist daran glaub nicht ganz unbeteiligt. Die Stargebühr kost immer noch nur 25 EUR, diesmal ist ein Hüfttäschle dabei. Neu ist, dass man sich wie in Kandel eine Medaille separat für 3 EUR erwerben kann. Aber erst hinterher. Heidemarie ist auch da, das freut mich immer.

Schnell in die Halle, die ist gerammelt voll. Hier treffe ich zuerst Jens und dann noch die Heidi vom Gondo, wie schön 🙂 Frank ist auch da, der Wilde Gerhard ist schon total vermummt, und an jeder Ecke sehe ich ein bekanntes Gesicht. Vor 2 Jahren kannte ich hier noch keinen. Bei Birgit treffe ich Klaus von marathon4you, der Joe kommt vorbei und es bildet sich gleich eine Traube. Den Rest der Zeit verbringen wir in der Schlange vor dem Klo. Auf dem Weg dahin noch ein kurzes Schwätzle mit Joachim und Sarah, leider zu wenig Zeit.

Heute ist der 14. Rodgau-Lauf. Jochen startet zum 14. mal, Gerhard macht die 13 voll. Wir traben zum Start. Hier finde ich André, leider auch nur Zeit uns kurz zu begrüßen. Irgendwie wird es doch wieder hektisch. Mir ist arschkalt, aber da stehen welche in kurzen Hosen.

Es sind nicht mehr Teilnehmer als letztes Jahr und vorletztes Jahr hier. Von den über 1.000 Vorangemeldeten sind 734 am Start. Davon werden 449 das Ziel erreichen. Darüber mach ich mir aber noch keine Gedanken. Es geht los. Weil wir recht weit vorne stehen, müssen wir gleich richtig rennen. Das passt mir gut ins Konzept, denn ich denke immer noch, dass ich heute die 4:39 aus dem letzten Jahr angreifen kann. Der Asphalt ist geräumt. Nach einem Kilometer rast die entfesselte Horde an der VP vorbei, viele winken und grüßen schonmal.

Noch vor km 2 ist Schluss mit lustig, hier beginnt der Feldweg, und damit der Schnee. Die Schneedecke ist topfeben und festgestampft, oben mit einer feinen Lage Split versehen. Vorbildliche Arbeit vom Streckendienst, doch leider grad für die Katz, denn schon in der ersten Runde wird hier mal flächendeckend umgepflügt. Es ist irre anstrengend, und beim ersten Zieldurchlauf komme ich 2 Minuten zu langsam daher, dafür aber schon doppelt so kaputt. Bei Nicole hole ich mir ein Alibi, denn sie meint auch, dass bei dem Untergrund keine guten Zeiten möglich sind. Und man müsste ja dumm sein, ihr nicht zu glauben.

Anja rauscht an der VP vorbei und verschwindet am Horizont. Mir ist klar, dass ich sie heute erst wieder im Ziel sehen werde, die hol ich nimmer ein. Ich laufe trotzdem erstmal weiter, was halt so geht. Um sich komplett hängen zu lassen ist es noch zu früh, dann dauert es nur so arg lang.

brooks-02 DSCN6344 DSCN6345 DSCN6346 m4y-02 speedSchon in der zweiten Runde ist der Untergrund schwieriger zu laufen und die weitere Entwicklung lässt sich absehen. Mir ist alles egal, solange da nur keine Eisplatten drunter rauskommen. Bei km 9 kommt der Führungsläufer dahergerollt. Florian Neuschwander läuft einen Start-Ziel-Sieg und insgesamt nur 6 Minuten über dem Streckenrekord. Der hat doch auch schon Kandel gewonnen. Er läuft wilden Freistil, unheimlich schön, und die Dominanz ist vor allem in den letzten Runden nicht zu übersehen.

Nummer 2 und Nummer 3 haben einen großen Abstand, und das große-Überholtwerden beginnt für mich erst Mitte der dritten Runde. Bei km 15 bin ich schon richtig müde und beschließe, das Ding jetzt nur noch ohne  Zeitvorgabe zuende zu laufen. Von den sub5 verabschiede ich mich dann auch gleich mal, das macht die Sache doch wesentlich entspannter. Bringt ja eh nix.

Frank überrollt mich locker Mitte der 4. Runde, und da gebe ich schon echt keine gute Figur mehr ab. Jens kommt auch mindestens 1x vorbei, bin aber schon nicht mehr ganz so aufnahmefähig. Und schon wieder die Spitze. Der Führungsradler kämpft mit dem Untergrund, Respekt. Nach der 4. Runde verweile ich kurz am Dixie. Heidemarie holt jetzt zu mir auf, seither haben wir uns immer an exakt derselben Position auf der Begegnungsstrecke getroffen.

Hannes müsste jetzt auch bald aufschließen, ich werd immer langsamer, mir läuft es heut überhaupt gar nicht. In Runde 5 sehen wir uns zum ersten mal, er läuft mal wieder unbehelligt von allen Umweltfaktoren und in aller Seelenruhe. Meine Moral ist schon längst den Bach runter, ich hab noch nichtmal die Hälfte und bin schon kaputt wie nach 40 km. Ist das irre heute. Der Schnee wird immer sulziger, aber dazwischen sind hart gefrorene Brocken. Ein flaches Auftreten ist nicht mehr möglich. Jeder Schritt schmerzt, und vorwärts kommt man auch nicht. Ich bin schon so kaputt, dass ich nicht mal mehr auf den Asphaltstücken richtig beschleunigen kann. Ich brauch die zum Ausruhen. Norbert überrundet in einem Affenzahn, er läuft heut seine bislang schnellste Rodgau-Zeit. Was ist nur mit mir los…

g4it-01 g4it-02 g4it-03 g4it-04 g4it-05 g4it-06Am Wendepunkt hat sich jetzt eine richtig ausgetretene Kuhle gebildet, die Helfer schippen Split nach und rufen „Vorsicht Badewanne“. Der eine oder andere ditscht hin, ich passe ziemlich auf. Kurz vor dem Durchlauf bei km 25 erblicke ich Didi, der auch keinen wirklich frischen Eindruck mehr macht. Oben am Testgelände gibt es schon richtig schräge Spurrillen, man muss schon genau hinschauen. Außer Didi sind noch ein blinder und ein stark sehbehinderter Läufer unterwegs und diese Herrschaften müssen heute das doppelte von uns leisten. Didi wird heute von Gerd geführt, der es richtig macht und mit Sonnenbrille läuft. Gerds Bericht beschreibt sehr schön, wie es mir ging 🙂 Die Spitze geht jetzt in ihre 9. Runde. Übrigens auch die führenden Mädchen laufen toll.

Runde 6 geht noch so einigermaßen, aber in Runde 7 bin ich dann endgültig so hinüber, dass ich ernsthaft über einen Ausstieg nachdenke. Wäre halt blöd, denn Anja und Birgit werden durchlaufen, die beiden sind über jeden Zweifel erhaben, und wir haben ja die Mannschaft. Bei meinem Zieldurchlauf in Runde 6 habe ich 3:04 auf der Uhr und sämtliche Fotografen stehen in Habacht-Stellung mit schwerem Gerät im Anschlag. Der Sieger wird erwartet, er kommt bei 3:07. Schnell weg hier, das fehlt ja noch, dass ich in dem Zustand mit auf dem Bild bin.

In Runde 8 versinke ich in einen hoffnungslosen Zustand, und als Hannes mich endlich überholt und nach meinem Befinden fragt, bringe ich nur noch ein „beschissen“ heraus. Normalerweise lüge ich in solchen Situationen ja immer, aber jedes Wort ist zuviel. Hannes zieht weiter. Frank kommt nochmal vorbei, quasi im Endspurt. Er kommt in der Gesamtwertung auf Platz 33. Jochen und Nicole kommen vorbei und Jochen bemerkt scharfsinnig, dass es mit mir heut wohl nix mehr wird. Es wird leerer auf der Strecke. Die Schnellen sind im Ziel, sehr viele sind rausgegangen. Auf dem kurzen Stück nach dem Ziel muss ich jetzt durch Aufgeber durchschlängeln, als ob ich dazu noch die Kraft hätte. Die denken wahrscheinlich auch nix mehr, sondern sind einfach nur fertig.

Kurz vor km 40 muss ich mich entscheiden: Raus oder zuende laufen. Denn bei 45 gibt man nicht mehr auf. 10 weitere Kilometer stehen heute wie ein Berg vor mir. Bei jedem normalen Lauf sind mir die letzten 15 echt egal. Einen richtigen Grund zum Aufgeben hab ich ja nicht, und hinterher ärgerst Dich bloß. Also Augen zu und durch, noch 2 km bis Marathon, ist ja wohl lächerlich. Vor der VP treffe ich André, der ist frustriert. Er musste den Lauf bei km 20 abbrechen, weil er seine Kontaktlinsen verloren hat. Die er sonst beim Laufen natürlich nicht verliert. Da sind sie wieder, diese einfach unberechenbar dummen Situationen. Ja, was willst machen. Dagegen geht es mir ja noch richtig gut, ich hab immerhin noch die Entscheidungsmöglichkeit. Das tut mir echt total leid für den André, es wär sein erster 50er gewesen und er hat sich so drauf gefreut. Und geschafft hätt er es auch.

Ich laufe weiter. Zähle keine Kilometer rückwärts, mache keine Rechenspiele im Kopf, ich bin leer. Einfach leer. An der VP spreche ich mit der Helferin, aber es kommen nur unverständliche Laute aus meinem Mund. Eingefroren. Ich reiß mich zusammen, damit sie nicht denkt ich bin im Delirium und den Arzt holt. Es wird jetzt auch spürbar kälter. -3 hatte es zu Beginn, jetzt hat es weniger. Muss machen dass ich vor der Dunkelheit ins Ziel komme.

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(mit dem Einfügen der Fotos an der richtigen Stelle hab ich  mich heut nicht aufgehalten)

Die Leute um mich herum sehen alle nicht mehr gut aus, auch die, die schon in ihrer letzten Runde sind. Ich finde jetzt ein paar nette Gesprächspartner, wenigstens für ein Stück. Zieldurchlauf bei km 45, ich bin neidisch und hasse jeden, der schon fertig ist und ich hab wirklich gar keine Lust mehr. Was für ein beschissener Tag. Aber die letzte Runde wird dann besser als ich denke. Ich verabschiede mich an der VP und bedanke mich. Das haben andere vor mir auch schon getan, und den Helfern ist auch anzumerken dass sie froh sind, dass ihr Dienst jetzt bald zuende ist. Auch am Wendepunkt und bei den Jungs von der Musik großes Abklatschen und Bedanken und Verabschieden bis zum nächsten Jahr. Die haben toll Stimmung gemacht und hatten in jeder Runde ein nettes Wort. Das ist halt Rodgau.

Den letzten Kilometer lasse ich einfach nur noch bergab rollen und unterhalte mich nochmal richtig nett mit einem Mitläufer. Gabi moderiert immer noch jeden mit Namen an, der es endlich hinter sich hat. Ich bin platt. Mir ist alles egal. Wenn ich jetzt hinsitze, dann komm ich nie nie nie wieder da hoch. Schon sitze ich. Neben zwei, drei anderen Wracks.

Statistik: Platz 358 von 449 Finishern, von 734 Gestarteten, von über 1.000 Voranmeldern. Platz 16 AK. Zielzeit 5:37,20. Nix gewonnen in der Mannschaftswertung 😦 Mein 60. Marathon und einer der schwersten.

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18 Antworten zu Rodgau Ultramarathon – 26.1.2013

  1. Carmen schreibt:

    Hallo Kati!
    Super durchgekämpft! Hut ab! Ich habe beim Lesen richtig mitgelitten und gefroren!!!

  2. Din schreibt:

    Was für ein Leider, aber kein Wunder bei diesen Bedingungen und um so bewundernswerter, dass du es durchgezogen hast! Herzlichen Glückwunsch! Dann eine ganz wunderbare Regenerationszeit.

  3. Thomas schreibt:

    Superklasse Leistung Kati! Saustark, sich bei solchen Bedingungen durchzukämpfen! Die Zeit hätt ich übrigens nicht mal unter optimalen Bedingungen geschafft 😉

  4. Jochen schreibt:

    Großer Kampf, Kati! Auch, wenn das „bockelhart“ war: Freu‘ Dich, dass es vorbei ist. Es kann einfach nicht immer einfach sein ;-). Dafür ist Dein Bericht ungeschminkt, ungeschönt und unverschämt lesenswert. Freue mich schon auf „das nächste Mal“ (muss ja nicht gleich wieder ein Fuffi sein….

  5. Kati schreibt:

    Danke, Ihr Lieben 🙂

  6. rollerrider71 schreibt:

    Wieder ein super Bericht von Dir und ich hatte das Gefühl nochmals dort gewesen zu sein.
    Es war ein total schwerer Lauf, aber ich fands trotzdem irre schön mit euch 3 Unterwegs gewesen zu sein. 🙂

  7. Jörg schreibt:

    Meine Hochachtung,sich da durchzukämpfen!

    Jörg

  8. Philipp schreibt:

    wow! Respekt!

  9. Rainer Hüber schreibt:

    Also, ich hatte den Lauf bereits erfolgreich verdrängt. Jetzt lese ich zufällig deinen Bericht, liebe Kati. Und es kommt mir wieder hoch. Nicht alles, aber alle Gefühlsfragmente passen natlos in deinen Bericht, Der liest sich wie geschmiert, passend zu den Bodenverhältnissen am 26.Januar. Neue Erkenntnis nun: war doch ein ganz lustiger Lauf. Und genau das wird bis zum nächsten Jahr nicht mehr verdrängt. Danach schaun wir mal…

    • Kati schreibt:

      danke Rainer, unbekannterweise 🙂 Ja, ich kann auch schon drüber lachen. Eigentlich schon in dem Moment, als ich trockene Klamotten anhatte. Und wie Birgit so schön sagt: es ist halt Winter 🙂

  10. Ute Arnold schreibt:

    Hallo Kati, ich habe deinen Bericht auch gelesen, den ich sehr amüsant finde. Ich war dieses Jahr ebenfalls wieder in Rodgau und habe mich die 50 km durchgekämmt. Nach der 2. Runde waren meine Beine so schwer wie das Jahr zuvor nach der 8. Runde. Du schreibst ähnliches, da bin ich sehr froh darüber, daß es anderen auch so geht. Außerdem dachte ich die ganze Zeit, ich hätte Hallenschuhe an….Aber schön war`s trotzdem…..kann man hinterher immer leicht sagen 🙂 🙂

  11. Gerd (diro1962) schreibt:

    Schöner Bericht und Klasse gekämpft.
    Nächstes Jahr auf ein Neues! 😏

  12. Vincent schreibt:

    Da frag ich mich: Hat die Frau auch noch andere Hobbies?
    Also zunächst mal Respekt vor diesem unbändigen Willen, unter solchen Bedingungen zu finishen. Ich wäre auch gern dabei gewesen, habe mir allerdings noch Schonprogramm verordnet und meine Trainingseinheit ins Hallenbad verlegt.
    Man wird sich dieses Jahr bestimmt mal über den Weg laufen. Den Frank kenne ich übrigens auch. Die Welt ist klein. Übrigens, toller Bericht 🙂

  13. Gerhard Bracht schreibt:

    Hallo,Kati, mal wieder ein prima Bericht.GRATULIERE!!
    Naja,und das Du mich neben den beiden frisch geduschten Nicole und Jochen gestellt hast,naja da sieht man/frau leider wie fertig ich war..Die beiden waren ja schon Stunden im Ziel.Aber es gibt schlimmeres!

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