Einstein Marathon Ulm – 16.9.2012

3:45 – na bitte, geht doch…

www.einstein-marathon.de

Hiermit erkläre ich ULM zu meinem neuen innerdeutschen Lieblingsmarathon. Und zwar, weil man ihn gleichermaßen lieben und hassen muss. Das gefällt mir 😉 😉 Dieser Lauf bietet ALLES was ein schöner Stadtmarathon haben muss, aber genauso finde ich dort alle die Gründe, die mich immer aus der Stadt fort treiben. Und ist er überhaupt wirklich ein astreiner Stadtmarathon? Nee nämlich gar nicht…

Letztes Jahr bin ich in Ulm mit 3:43 eine geniale Bestzeit gelaufen, und heute hab ich mit 3:45 meine zweitschnellste Zeit obendrauf gesetzt. Dabei ist die Strecke überhaupt nicht bestzeitenfähig. Sollte man meinen. Denn der Kurs ist zeitenweise total verwinkelt und enthält ein paar saubere Engstellen. Ein paarmal könnte man in die Donau fallen. Mindestens 3x wird über 180 Grad gewendet, das sind schöne Stopper. Es geht in der Innenstadt mehrfach über Brücken und immer wieder über Kopfsteinpflaster. Und in der zweiten Hälfte läuft man sehr viel über schottrige und echt schlechte Wege, das bremst nochmal ordentlich. Die Todeszone „Illerdamm“ dürfte ohnehin jeden lähmen, der schonmal bei der Ulmer Laufnacht dabei war *hihi* (das machen die doch mit Absicht, oder?). Die 150 Höhenmeter sind an sich nicht viel, aber doch sehr spürbar verteilt. Kurzum: Keine klassische Rennstrecke.

Nach Ulm darf ich mit Hans-Dieter und Robert fahren, die sich als hartgesottene Verhandlungspartner im Feilschen um die Abfahrtszeit erweisen; letztlich fahren wir dann zu der Zeit los, zu der ich eigentlich vor der Halle geparkt haben wollte. Wir fahren aber gar nicht zur Halle, sondern erstmal in die Innenstadt, um dann dort in den Bus umzusteigen (ob der überhaupt fährt?). So haben wir nachher das Auto in Zielnähe.

Meiner Meinung nach KANN das zeitlich ja alles gar nicht funktionieren, aber eigentlich ists mir wurscht, wenn wir den Start verpassen. Angesichts der Prognosen aus den letzten beiden Zeittests hab ich eh nix Gscheits zu erwarten und kann mir gleich die nächste verdiente Ernüchterung abholen. Der Lauf ist also reiner Masochismus, denn ich muss mir aus strategischen trainingstechnischen Gründen trotzdem die Kante geben und darf keinen reinen Genusslauf veranstalten. Und einen Start zu verpassen, das fehlt mir doch noch im Repertoire. Gäb sicher einen lustigen Bericht, wobei die besten Geschichten zu dem Thema hat ja schon der Herr Schauläufer verbraten. Je nachdem wieviel wir zu spät kommen, ließe sich das Feld ja noch von hinten aufrollen. Überholen hab ich ja sonst nicht so oft.

Doch siehe da, meine zwei Begleiter haben die Ruhe weg und die Sache im Griff, die Stadt Ulm ihre Busse vervielfacht, und so stehe ich um 8:40 Uhr entspannt in der Startaufstellung neben Niko. Kein Armin weit und breit, aber der wird mich schon einholen. Robert und Hans-Dieter stehen weiter hinten, Volker fehlt ganz 😦 Vor uns gehen noch die Handbiker ins Rennen, das ist neu.


(Fotos: Südwestpresse)

Letztes Jahr standen Anja und ich mit dem Regenschirm im Startblock im Platzregen, heute lacht die Sonne und es verspricht ein wunderbarer Tag zu werden. Übrigens hat auch in der Einteilung der Startblocks eine Verbesserung stattgefunden. Diesmal stolpere ich auf dem ersten Kilometer nicht mehr über Menschen, die eine vermeintliche Zielzeit von sub 1:45/3:30 mit einem 6:30er-Schnitt anlaufen. Und es gibt wieder ein schönes Marathonshirt, für umme in Baumwolle (reicht mir), mit Zuzahlung als Funktionsshirt.

Man gibt sich Mühe beim Einstein Marathon, das fällt positiv auf, und mehrfach ist zu lesen, dass die Teilnehmerzahl stark angestiegen ist, man aber darauf eingestellt sei. Hier werden die 4.572 Halbmarathonisten sicher mehr ins Gewicht fallen als die paar Marathonläufer, die heute mit 686 Finishern ohnehin wieder schwach vertreten sind. Einen Unterschied zum letzten Jahr kann ich nicht feststellen, es ist viel los, aber man kann noch gut laufen, muss aber bei der Aufstellung auf den zur eigenen Laufleistung passenden Platz achten. Wer sich zu weit hinten reinstellt, guckt wahrscheinlich recht schnell in die Röhre und viel mehr Läufer sollten es nun wirklich nicht mehr werden. Ganz vorne geht natürlich auch nicht…

Ich trabe halt mal so mit und bin ganz erstaunt, dass ich den 5er-Schnitt halten kann. Das geht zwar nicht grad locker, aber es geht. Ich hab nix zu verlieren und wenn es nicht mehr geht, muss ich den Rest halt mit meiner Kondition lösen. Das wird in jedem Fall spannend und der Einbruch kann wenn’s dumm läuft gnadenlos sein, aber das ist es mir dann wert. Das Rennen auf 3:55 einzuteilen weil das eine vernünftige Zeit wäre, bringt mich nicht weiter. Lieber laufe ich auf 3:49 an und gehe dann mit 4:05 ein, da hab ich einen besseren Trainingseffekt. Auf die Idee, dass es mir womöglich heute richtig gut laufen wird, komme ich erst so knapp bei km 15. Hans-Dieter rauscht bei km 8 vorbei und legt ordentliches Halbmarathontempo vor. Keine Chance.

Die Wasserstationen kommen in sehr kurzen Abständen und sind gleichwertig ausgestattet. Ganz sicher bin ich nicht, habe aber den Eindruck, dass die sonst üblichen Nur-Wasser-Stellen auch komplette VPs sind. Sie sind richtig lang und wenn möglich beidseitig aufgestellt, an der ersten steht ein Helfer und ruft, dass man nach hinten durchlaufen soll. Danach sollten es ja auch die Neuen gelernt haben. Ab km 10 gibt es durchgehend Iso, und noch im Halbmarathon auch schon Cola, das dann lückenlos. Oft sehe ich auch Obst und Riegel, interessiert mich aber nicht. Es ist immer alles da. Absolut vorbildlich. Das war letztes Jahr auch schon so. München und Freiburg, bitte mal herschauen !!


(Quelle: Runner’s World)

So langsam kommen wir in die Stadt und es geht wieder in Mäandern über die Brücken. Das ist klasse, wie sich die Läuferschlange hier windet und man die anderen sieht. Die Streckenführung ist kompliziert, und durch die Kehrtwenden ist mir nicht immer sofort klar, ob die Entgegenkommenden nun vor oder hinter uns sind. Ich schaue nach Bekannten, sehe aber keine. Die „Anstiege“ gehen schon nicht mehr ganz so leicht. 23 Schaurig-schöne Bands sorgen für eine klasse Stimmung, und natürlich sind bei dem Prachtwetter auch riesige Zuschauermassen unterwegs, die Leute schreien und sind gut drauf. Die Stadt feiert, es ist laut, es ist voll, es ist heiß, es ist Disco Inferno, es ist ein Stadtmarathon vom Allerfeinsten und die Kulisse der Altstadt ist einfach prächtig und – ja – wem das nicht gefällt, dem kann ich halt auch nicht helfen. Das war letztes Jahr im strömenden Regen schon toll, aber jetzt bei Sonnenschein und mit den vielen Zuschauern, einfach bombig. Kilometerweit geht das so, nicht nur mal eben kurz…

(Grit wird 5. im HM, herzlichen Glückwunsch! und Erwin tanzt mal wieder aus der Reihe)

Aber anstrengend ist es. Viele der Halbmarathonisten geben hinter km 18 noch das letzte Gas und es kommt zu ein paar kritischen Momenten. Trotzdem ist das lange Stück an beiden Donauufern einfach toll, da musst Du auch mal rausgucken, nicht bloß rennen. Ich bin dann doch froh als die Weiche kommt und mich in die Einsamkeit katapultiert. Diesmal trifft es mich nicht wie eine Keule, und es sind tatsächlich auch mehr Marathonläufer als letztesmal auf der Strecke. Mit 1:47 gehe ich jetzt schon leicht angeschlagen über die Messmatte, aber dieser Split ist so gut, dass ich beschließe, die 3:49 zu laufen, koste es was es wolle. Urgs – ist ja doch noch ganz schön weit gell…

(Quelle: Laufen.de)

Jetzt geht es erstmal 2 – 3 km die Donau entlang stadtauswärts auf unterschiedlich breiten Spazierwegen. Wirklich schön und auch für den Kopf erholsam. Auf dem ersten Stück kommen uns schon die ganz ganz Schnellen entgegen, aber nur Männer. Ich werde langsamer, aber es geht noch. Links oben kommen die Schnelleren schon zurück, und ich suche vergeblich nach Armin. Niko braust durch und ist wahnsinnig schnell, er wird 3:10 laufen. Locker und mit einem Grinsen, wie man ihn halt so kennt. Wendepunkt. Und das ganze zurück. Nicht weit hinter mir sehe ich den 4-Stunden-Ballon, da läuft Erwin mit. Die müssen deutlich zu schnell sein. Einen 3:45 Pacer gibt es dieses Jahr gar nicht, ist mir auch recht, das erspart mir Frust 🙂 Dann kommt Udo. Er überholt mich nachher bei km 40, aber mit Tunnelblick. Dann kommt lange nix. Erst ganz am Ende der Begegnungsstrecke sehe ich Armin, der da echt wirkt wie ein Fremdkörper. Oje… Dann biegen wir kurz außer Sichtweite, um dann geht es wieder runter an die Donau. Hier treffe ich auch kurz auf Stephanus, der es heute offensichtlich nicht eilig hat.

Dann sind wir schon wieder an der Weiche, zwischen km 25 und 26. Die Halbmarathonisten strömen immer noch in Massen herein. Tja Leute, für Euch ist die Party jetzt gleich vorbei, aber für uns fängt der Lauf jetzt gerade erst an… Ein fieser Anstieg über Kopfsteinpflaster, eine kurze Schleife über einen wunderschönen Paradeplatz mit Musikkapelle und vielen Zuschauern, dann verwinkelt durch einen Hinterhof, über die Stadtmauer und dann hinaus auf einen Rad- und Spazierweg ins Grüne.

Niko (Quelle: Runner’s World)

Diesen Streckenabschnitt kannst Du nur hassen. Kilometerlang zwischen 26 und bis weit hinter 30 geht es immer irgendwie gleich geradeaus und es passiert absolut nix. Da ist nix, da sind auch kaum andere Läufer, und natürlich ist es jetzt auch schon etwas zu warm. Ich sterbe tausend Tode und werde immer langsamer. Bis km 32 geht das so, und dann greift der psychologische Rettungsanker. Bei km 32 schaue ich immer auf die Uhr. 2:47 steht da. Für die 3:49 reicht jetzt ein 6er-Schnitt, und schneller als das geht schon noch. Ich kann wieder etwas Gas geben. Wir laufen an einem stillgelegten Seitenarm (der Iller? der Donau?), der Fluss liegt hoch, es ist wunderschön.

Von hinten laufen wir ins Kloster Wiblingen hinein, mit langen Flatterbändern ist die Auffahrt abgesperrt. Die Glocken läuten dem Untergang, schwarz gewandete Kirchgänger kommen gemessenen Schrittes und sich leise unterhaltend aus dem Gottesdienst. Wieder einmal treffen Welten aufeinander, unsere Schritte sind nicht gemessen sondern laut und aufdringlich auf dem Kies, wir keuchen, wir schwitzen, wir sind halbnackte salzverklebte Wilde und wir passen hier so gar nicht her. Sie ignorieren uns gekonnt. Durch ein Tor, um eine Ecke, und nun kommen wir in den Innenhof. Die Glocken läuten nur für uns: Aufrecht, locker und elegant sprinten wir in die Arena, wir sind die Helden auf deren gebräunter Haut leichter Schweiß anmutig schimmert, wir sind die Laufelite, wir sind die die so lang können wie sonst keiner, wir lassen uns feiern…

Dieses Jahr ist die Wasserstation direkt im Innenhof aufgebaut, das ist wunderschön, letztes Jahr war sie ja noch draußen. Die Zuschauer und ein paar Cheerleader schreien ganz unchristlich und hier ist eine Bombenstimmung. Ich hab Gänsehaut und möcht echt gern kurz hinstehen, aber geht jetzt nicht. Wie schön dieser Innenhof immer ist, heute bin ich zum vierten Mal bei einem Lauf hier.

Leider muss ich weiter. Bald sind wir am Illerdamm, da wo man immer sterben möchte. Es gibt keine schlimmere Strecke. Geschotterter, unebener Spazierweg mit Löchern, jeder Stein drückt durch den Sky Speed durch und jeder Schritt ist unangenehm. Ja, dies hier ist kein Stadtlauf auf Asphalt 🙂 Es passiert nix, es zieht sich kilometerlang so weiter. Im letzten Jahr hatte ich noch die Hoffnung, dass die letzten Kilometer in Stadtnähe dann wieder etwas angenehmer werden, aber diesmal weiß ich das besser: Die Streckenführung vor allem auf den letzten 3 Kilometern ist das hässlichste, was Deutschlands Läufe zu bieten haben. Ehrlich, das wird durch nix getoppt. Man kann das Münster sehen, aber es ist noch verdammt weit weg.

Habe ich hier letztes Jahr noch gelitten wie ein Hund, so kann ich heute die Hässlichkeit voll ungläubigen Staunens genießen. Der Schotterweg mit den ganz großen Steinen wurde inzwischen eingeebnet. Es geht über irgendwelche Brücken am Güterbahnhof oder so, dann direkt an der Straße entlang wieder über eine Brücke. Km 41 durch. 3:38, noch 7 Minuten für 1.200 Meter, das wird knapp. Da unten sehe ich tatsächlich Läufer, die gerade in einem schwarzen Loch verschwinden. Nicht wahr, oder? Doch tatsächlich, durch eine Dauerbaustelle werden wir in eine Unterführung geleitet. Dort riecht es nach Popcorn?


(Quelle: Runner’s World)

Endlich sind wir in der Innenstadt, es kann nicht mehr so weit sein, der Ziellärm wird lauter. Ich renne wie blöd. Ich möchte keine „46“ auf der Uhr sehen, jetzt wo ich mich so gequält hab. Verdammt, das wird doch wohl reichen? Der Zielkanal ist lang und verwinkelt, da vorne ist ein Bogen, aber es ist noch nicht das Ziel. Die Zuschauer schreien und ich überhole noch 3 Läufer, die ihren Zieleinlauf genießen, beneide sie darum… Endlich drin. Wow.

(Foto: Erwin Bittel)

Die Zielverpflegung ist klasse und vielfältig, aber es wird schnell voll, denn der 10er und der 5er strömen schon bald herein. Es ist warm. Herrlich. Wegen mir könnte der Sommer jetzt nochmal anfangen.

Statistik:
Platz 3/26 W40, Platz 14/96 Frauen, ges. 278/686
1. Hälfte 1:47,37 – 2. Hälfte 1:57,54
Bantleon Team-Wertung: Frauen Platz 2
HM-Finisher: 4.572

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11 Antworten zu Einstein Marathon Ulm – 16.9.2012

  1. Anja schreibt:

    Kurz und knapp und bringt es auf den Punkt 😀
    Auch hier nochmal meinen tiefsten Respekt und Glückwunsch 🙂

  2. Jörg schreibt:

    Gratulation, klingt richtig toll

  3. Ingrid schreibt:

    Du bist eine grausame Zahlen-Fetischistin, stimmts?
    Trotzdem: herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Ergebnis!
    Grüßle, Ingrid

  4. schauläufer schreibt:

    Aber hallo,
    jetzt tauch ich schon in Laufberichten auf ohne Laufen zu müssen;-) Während du flink wie ein Ulmer Spatz über den Weißwurstäquator geflogen bist bin ich tief gesunken. Im Becken unseres heimlichen Privatpools, auch Fellbacher Freibad genannt. Ja und der Sommer dürfte jetzt von mir aus auch noch mal losgehen. Vor allem da dies der letzte war in dem mein seit Jugendtagen geliebtes Bädle geöffnet war (schnief, ich kann es immer noch nicht so recht glauben das mit dieser Tradition Schluß ist). Glückwunsch zu der tollen Zeit.

  5. Stephanus schreibt:

    Hi Kati,
    herzlichen Glückwunsch zum 3. Platz / 14. Platz und zu der Klassezeit. Ich wär gern auch so schnell geflogen wie Du 😉 aber ich hab nicht so zielgerichtet trainiert und musste mein Tempo anpassen.
    Ich bin hauptsächlich zum Spendensammeln gelaufen.
    Ich war vergangene Woche in Niedernhall und hab beim Duo-Marathon die 27km gemacht und konnte mich dabei nicht ausreichend bremsen 🙂

    Grüßle

    Stephanus

  6. Rennschnecke Sigrid schreibt:

    Ich hab’s ja immer schon gewusst: du kaascht saua wia d’Sau
    Gratuliere!!!!

  7. Theo schreibt:

    Super gemacht, Kati und herzlichen Glückwunsch zum Vize-Weltrekord!

  8. Sabine schreibt:

    Ja, da kann man nicht meckern! Supertoll!!
    Und Kati, ich hoffe Du hast nichts dagegen: In Gedanken nehm ich Dich am Samstag mit, egal wo Du bist und ob Du willst! :-)))))

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