Karwendelmarsch – 25.8.2012

http://karwendelmarsch.info

Der Karwendelmarsch ist mit 52 Kilometern und 2.300 Höhenmetern schon nicht ganz so ohne. Hinzu kommt das inzwischen traditionell miese Wetter, das es hier genauso zuverlässig gibt wie beim APM die Temperaturen 35+. Karwendelmarsch MUSS wohl verregnet sein…

(Quelle: Tiroler Tageszeitung)

So regnet es auch bereits am Start um 6:00 Uhr morgens. Der Streckensprecher erläutert aber, dass das nur ein kurzes Schäuerchen sei, die Sonne bald rauskommt, und mit den nächsten Regenfällen dann erst gegen 14 Uhr zu rechnen ist. Das wäre nach 8 Stunden Laufzeit, da wollen wir eigentlich schon im Ziel sein. So zwischen 7:30 und 8 Stunden hab ich mir überschlagen. Bei trockenem Wetter wär das wahrscheinlich auch in etwa hingekommen. (Erwähnte ich übrigens bereits, dass Scharnitz ein ganz schreckliches Kuhkaff ist, in dem total der Hund begraben ist?)

Am Start bin ich mit Hannes, wir treffen kurz Norbert ohne Birgit, die muss noch was erledigen und startet deshalb hinter uns, so dass ich sie die ganze Zeit über gar nicht sehe. Auch komisch. Dann treffen wir noch Lisa und Erwin, auf den ersten Kilometern noch Grace, Brigitte und Carmen. Volker läuft vor mir und lässt sich nicht einholen. Unterwegs lerne ich noch Andrea und Kai von marathon4you kennen. Die Kamera gleich in der Klamottentasche zu lassen ist eine gute Entscheidung, denn es gibt eh meist nicht viel zu sehen, und meine Finger sind stellenweise auch so schon kalt genug. Im Moment ist es noch schwül und dämpfig und Kreislaufwetter. Föhn halt.

(Bild von Erwin Bittel. Der Erwin hat übrigens sehr schöne Bilder gemacht, nur durfte er mit der geliehenen Kamera nicht im Regen fotografieren. Deshalb regnet’s bei ihm nicht 🙂 )

Die ersten 15 km laufen wir fast flach und auf etwas öden breiten Wanderautobahnen. Ist aber auch ok, so kann man einigermaßen schnell Strecke machen. Es gibt ein paar nicht so nennenswerte Anstiege, der Rest ist noch gut laufbar. Das bedeutet, dass die Höhenmeter sich hintenraus ziemlich aufsummieren werden und ich laufe gleich mal auf Sparflamme. Wer weiß was da noch ansteht… Die erste VP kommt bei km 10 und nicht zu früh, die zweite lässt dann bis km 19 auf sich warten. Bei den heutigen Temperaturen geht das, bei Hitze wär’s aber schon etwas schwieriger geworden. Zumal man diese Info auf der etwas hausbacken angelegten Website nicht findet. Ebenso wie man auch die Information nirgends bekommt, dass das Parken auf der „Eventfläche“ für Starter frei ist – bis wir das mitbekommen, haben wir das Tagesticket längst gelöst.

Irgendwann werden die Anstiege steiler und es regnet sich ein. Bis wir die zweite VP bei km 19 erreichen – auf dem Höhenprofil der erste große Zacken – bin ich pitschnass bis auf die Haut und mir ist ungemütlich kalt. Einer neben mir fragt, wo eigentlich die angesagten 18 Grad sind, und ein Mitläufer meint trocken „ha 9 heut morgen und 9 heut abend“. Alles klar. Es schüttet. Mir läuft das Wasser in Strömen rechts und links vom Visor, das hatte ich so auch noch nie. Vom schönen Alpenpark Karwendel kann man auch nur den Weg und ein paar Bäume sehen, die Felswände liegen im dichten Nebel, bestenfalls der Fuß ist zu erahnen.

Viele Läufer versuchen sich noch mit markigen Sprüchen gegenseitig bei Laune zu halten, von „kein schlechtes Wetter sondern nur schlechte Kleidung“ bis zu „mit einem Lächeln ins Ziel“ ist jeder noch so abgedroschene Spruch dabei. Mir geht’s auf die Nerven. Ich hab die für mich richtige Ausrüstung dabei und bin freiwillig hier etc., aber mir geht der Siff einfach total auf den Keks. Ehrlich, ich hab beim APM nicht über 35+ Grad geklagt und ich will auch jetzt nicht über das Wetter jammern, das ist halt so. Aber ich kann nun beileibe nicht behaupten, dass mir DAS HIER noch groß Spaß macht. Schon bei km 19 hätt ich große Lust gehabt, den Bettel einfach hinzuschmeißen. Meine Güte. Dass wir einen Regentag erwischt haben ist halt Pech, aber muss man die Show deshalb um alles in der Welt durchziehen?

Das ist doch irgendwie bekloppt, Dinge zu tun, die einem echt so gar keinen Spaß machen. Im Schönreden war ich irgendwie noch nie so richtig gut, dazu bin ich zu sehr Realist. Naja, jetzt lauf ich halt erstmal weiter. Hinter der ersten Kuppe gibt es einen hübschen Abstieg, der stellenweise sogar noch recht gut zu laufen ist. Es ist aber alles schon recht rutschig und Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Immer wieder überholen mich 3 Jungs mit Stöcken.

Der nächste Aufstieg lässt auch nicht lange auf sich warten. In meiner Erinnerung verschwimmt vieles und manche Bilder kann ich nicht mehr den Kilometern zuordnen, weil einfach alles wolkenverhangen ist. Zuerst geht es an einer Alm rechts den Berg hinauf noch auf einem breiteren Weg, dann ab über die Wiese. Hier sind viele Holzbohlen quer eingehauen, die als Tritte funktionieren. Es schüttet schon wieder. Der Aufstieg ist lang, die Bohlen sind rutschig, die Wiese ist matschig, aber geht irgendwie ganz gut, und oben kommen wir hier heraus:

(Quelle: Tiroler Tageszeitung)

Und genau so ist das Wetter dort auch. Arschkalt und windig. Zum Glück gibt es überall warmen Tee. Die warme Kartoffelsuppe bei km 19 war leider so heiß, dass die Pause zu lang geworden wäre. Lange aufhalten will ich mich nicht, aber weiterlaufen ist auch nicht so verlockend. An den VPs gibt es wirklich gutes Bauernbrot mit Käse und/oder Rauchschinken, dazu trockene Öko-Kekse, Holundersaft, Wasser und Tee, manchmal auch Gemüsesuppe mit Stückchen, Kartoffelsuppe und Blaubeersuppe. Alle Produkte sind von „Bio vom Berg“, einem Hersteller, der von 150 regionalen Bergbauern beliefert wird. Feine Sache, schmeckt alles toll und ist eine sehr schöne Abwechslung zu Gel-und-Riegel-und-Banane, obwohl, Bananen und anderes Obst gibt es glaub ich auch. Über die Kekse muss ich lange nachdenken. Das sind echt staubige Ökokekse in langweiliger Münzform, da sind bestimmt so gesunde Sachen wie Dinkel und Hafer und kaum Zucker drin. Solches Backwerk schätze ich nicht besonders, wenn ich backe, dann „mit Spaß“ 🙂 „Gesundes Gebäck“, das geht irgendwie ja so gar nicht, entweder-oder… Im Lauf sind die Dinger aber klasse und gut zu essen.

Auf dem nächsten Teilstück queren wir karstiges Gelände unterhalb beeindruckender Felswände. Also ich nehme eben an, dass sie beeindruckend waren, hab ich zumindest auf Bildern im Tourismusprospekt gesehen. Hier läuft jetzt schon das Wasser mit uns auf dem Weg um die Wette und jeder Schritt muss vorsichtig gesetzt werden. Zwischen den größer werdenden Steinen sind nur noch Matsch und kleine Bäche. Einige Speed-Wanderer mit blauer Startnummer stürzen sich an mir vorbei den Hang hinunter. Wie Watte zieht eine riesige Nebelwand auf dem Tal herauf und schluckt mich. Danach ein kleinerer Anstieg und wieder geht es steil bergab. Wieder schifft schüttet es aus Kübeln. Um der Sache was Positives abzugewinnen: Das härtet ordentlich ab für den nächsten verregneten Straßenlauf, sowas juckt mich nämlich inzwischen nimmer. Hier sind auf einmal grottig viele Kühe unterwegs. Ein netter Mitläufer gibt mir immer wieder Kuhschutz und vertreibt ein Kühchen aus einer Engstelle, durch die nur entweder sie oder wir passen. Die Kühe haben hier riesige Hörner.

Der Weg hinab in die Eng zieht sich ziemlich lange und – erwähnte ich das bereits – der nächste heftige Regenguss erfreut den Karwendelmarschler. Dort unten ist km 35, da endet für manche Wanderer die Strecke und man kann wohl aussteigen. Die Hoffnung, dass Hannes hier mit einem unsittlichen Ausstiegs-Antrag auf mich wartet ist vergeblich, der ist längst über alle Berge, respektive über den nächsten. Dafür treffe ich aber kurz vor der Station auf René, der auf Lisa wartet. Er bietet mir an, mich ins Ziel mitzunehmen. Ich hab zwar keine Lust mehr auf den Lauf und fühle mich wie eine nasse Katz, aber irgendwie noch weniger Lust auf ein DNF. Aufgeben ist nicht wirklich eine Option und mir fehlt ja auch nix. Also hänge ich nochmal etwas länger an der VP herum, esse staubige Kekse und latsche dann immer noch wenig motiviert weiter. Einer der Helfer hat was von 800 Höhenmetern auf die nächsten 4 Kilometer erzählt, keine Ahnung ob das stimmt, aber das ist dann wohl senkrecht?

Doch alles halb so wild. Die ersten 2 Kilometer gehen sehr passabel auf einer noch fahrbaren Straße gleichförmig und steil bergauf. So kann man prima Höhe machen und muss nicht drauf achten, wohin man tritt. Ich laufe immer bis zur nächsten Ecke und kontrolliere meinen Erfolg dann auf der Kilometeranzeige des Garmin 😉 Schon nach 2 km kommt die nächste VP, das heißt, dass der restliche Anstieg zum letzten Gipfel es ziemlich in sich haben muss. Mir egal, ich kann noch. So trotte ich halt weiter, und tatsächlich geht es auch bald auf einen schmalen ausgetretenen Wanderpfad. Immer steiler und kurviger wird es, aber es hat tatsächlich aufgehört zu regnen? Kommt da etwa noch ein Stückchen Sonne raus???

Der Untergrund ist extrem rutschig, die Stufen hoch, der Schlamm immens, und jeder Schritt ist ein unsicheres vorsichtiges Füßesetzen. Zum Teil muss ich mich mit den Händen an den großen Steinen halten und hochziehen. Zuerst erscheint der Anstieg endlos, dann langsam kommt ein Joch in Sicht, und irgendwann ist es tatsächlich erreicht. Kilometer 40, der höchste Punkt des Laufs, und der letzte Anstieg. So schlecht war ich hier gar nicht 🙂 Jedenfalls kann ich noch. Unten sieht man schon wieder die nächste VP. Durch die großen Abstände am Anfang kommen die VPs jetzt erfreulich schnell. Doch bis dahin ist es noch ein beschwerlicher Weg durch knöchelhohen Matsch und Wiesen, die das Wasser aufgesaugt haben wie ein Schwamm. In Trippelschritten geht es knatschig abwärts.

An der VP trödle ich nochmal richtig herum, denn ich habe Hunger und brauche ein Brot. Jetzt wird es etwas flacher, aber dafür noch matschiger (das ist klar, unten ist der Schwamm nasser …) und es dauert noch richtig lange, bis wir wieder einen einigermaßen laufbaren Weg erreichen. Kilometerschilder gibt es auf dem Karwendelmarsch übrigens überhaupt keine, dafür stehen an den letzten VPs dann Infotafeln mit der bereits gelaufenen und noch zu laufenden Distanz.

Die letzten 8 km verlaufen flach, sogar noch minimal abfallend und größtenteils auf Straßen. Nach der ganzen Hatscherei fällt es mir zuerst schwer, wieder in einen anständigen Laufschritt zu finden, und die nasse umgebundene Jacke nervt mich auch. Jetzt ist auch die Sonne richtig rausgekommen und es ist warm und dämpfig. Ich fühle mich wie nach 5 Waschgängen und ungebügelt, von den Knien abwärts klebt getrockneter Schlamm. Leider – oder zum Glück? – bin ich auch in solchen Momenten noch nicht frei von Eitelkeit. Der einzige Trost ist, dass alle gleich scheiße aussehen. Erst wenn Du dreckig vom Berg kommst, hast Du was geleistet 🙂

Viele der schnellen Wanderer und auch etliche Läufer kann ich jetzt noch überholen, wie immer halt. Irgendwann kommt dann endlich auch Pertisau in Sicht. Ab dem Ortseingang sind im Abstand von 100 Metern Fahnen aufgestellt, so dass man sich bereits auf dem Zieleinlauf wähnt, doch die Strecke zieht sich noch einmal quer durch den Ort wie Kaugummi. Ich finds ja witzig und meine Laune steigt bei jedem Meter. Den Zieleinlauf muss man sich zwischen Autos und Bussen hindurch hart erkämpfen, erst die letzten Meter sind wieder abgesperrt, die Zuschauer jubeln und feuern mich an, echt tolle Stimmung hier. Musik und Moderation, richtig Halligalli, aber alles ein bißchen laut…

Norbert empfängt mich im Ziel, Mannomann ich bin doch ganz schön kaputt. Er zeigt mir die nächsten Wege zur Zielverpflegung und Klamottenausgabe und schleppt mir noch meine ganzen Sachen 🙂 Danke vielmals 🙂 Aber Norbert ist halt auch schon seit zweieinhalb Stunden im Ziel und war schon im Hotel zum Duschen.

Die Sonne strahlt und wir sind direkt am Achensee, wunderschön ist es hier, mir wäre nach einer Dusche und einer Bootsfahrt, aber ich muss schauen dass ich hier weg komme und Hannes wieder finde, unsere vereinbarten Treffpunkte und Zeitlimits sind doch der längeren Laufzeit zum Opfer gefallen. Der Rücktransport nach Scharnitz gestaltet sich etwas zäh… und der Rest ist dann uninteressant 🙂

Mit meiner Laufzeit von 9:02 Stunden bin ich auf Platz 29/36 AK, 63/78 Frauen, ist mir aber völlig wurscht. Ich wollte einfach nur mal quer durchs Karwendel laufen und schauen, wie es da aussieht. Das weiß ich jetzt immer noch nicht. Der Karwendellauf an sich ist klasse, auch wenn es mich nicht sofort wieder hinzieht. Spannend ist vor allem die Streckenführung, denn sowohl Steigung als auch Untergrund beginnen äußerst moderat, werden dann aber im Verlauf der Strecke zunehmend schwieriger und anspruchsvoller. Es ist also schon hilfreich wenn die Kondition stimmt, und wenn man sich das Höhenprofil vorher anschaut und nicht gleich am Anfang schon am Anschlag läuft.

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4 Antworten zu Karwendelmarsch – 25.8.2012

  1. Nicole schreibt:

    Hallo Kathrin,
    da muss ich hin! Endlich ein Lauf, bei dem MEIN Wetter herrscht. Ich liebe es, im strömenden Regen zu laufen. Kalt? Nee, kalt ist mir eher selten 🙂 Das einzig blöde am Regen ist, das muss ich zugeben, dass man halt nicht so viel von der Landschaft sieht, aber dafür gibts ja Tourismusprospekte :-))) mit schönen bunten Bildern

    Grüße, Nicole

  2. Philipp schreibt:

    Zum Glück hat´s mein mir mit dem Start nicht geklappt – meinen kenjanischen Wurzeln hätte der Regen nicht gutgetan! Aber Du hast es durchgezogen! Das ist es was zählt!

    Glückwunsch!

    Philipp

  3. Gerhard Bracht schreibt:

    Hallo,Kati,
    Ein toller Bericht.Sogar mit Humor.
    Nach dem Video und jetzt der Bericht. Ich sehe mich schon nächstes Jahr dort laufen.
    Wie in der letzten Mail geschrieben bei SCHÖNEM Wetter.
    Gerhard

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