Marathon Deutsche Weinstraße – 22.4.2012

    www.marathon-deutsche-weinstrasse.de

Manche Läufe sollst Du ja einfach mal gelaufen sein, von denen wird immer wieder erzählt, und es gehört sich einfach, dass man auch mal dort war. Der Marathon Deutsche Weinstraße zählt zu den landschaftlich schönsten Läufen Deutschlands, er führt entlang blühender Kirsch- und Mandelbäume durch Weinberge und romantische Weindörfer, die Stimmung an der Strecke ist legendär. Da er nur alle 2 Jahre stattfindet, ist die Gelegenheit günstig.


Morgens um 9 Uhr herrscht im verschlafenen Bockenheim schon Ausnahmezustand. Knapp 1.000 Marathon- und 2.000 HM-Läufer wollen ihre Startnummer haben und ihr Gepäck loswerden. Aber es geht noch, die Veranstalter sind vorbereitet, es gibt 2 große Zelte und das Gelände ist gut genutzt. Als Startpräsent gibt’s eine Flasche Rotwein mit Marathonetikett, sehr apart. Es sind sehr viele Amerikaner zu hören, die Ramstein Airbase ist in der Nähe. Wir treffen noch Dieter und Gerhard, sonst kennen wir hier erstmal keinen. Das Wetter ist kalt, verhangen und windig. Das sieht nicht so aus als ob es trocken bleibt. Naja. Würde die Sonne jetzt mit 28 Grad auf die Südhänge knallen, dann würden wir auch meckern. Alles Luxusprobleme 😉


(Quelle: Engelhorn)

Am Start quetsche ich mich ziemlich weit vorne rein und unterhalte mich mit zwei HM-Damen, die 2:15 laufen wollen. Alles sehr entspannt hier. Die Läufermenge verteilt sich prima auf die breite Bundesstraße. Bei km 2 laufe ich neben Constanze Wagner vom Laufreport, die bis heute glaub ich den Rodgau-Streckenrekord hält und Katrin Dörre-Heinig, ehemals Inhaberin des Deutschen Marathonrekords mit 2:24, HM 1:09 und abonnierte Seriengewinnerin vieler großer Marathons. Die beiden haben heute irgendeine Mission und laufen den HM in 1:47. Sympathisch.

(Quelle: laufen.de)

Der Marathon hat 495 Höhenmeter, und die verstecken sich nicht lange. Schon auf den ersten Kilometern kommen An- und Abstiege. Bei km 3 laufen wir die gefürchtete „Mauer“ hinunter, das ist der letzte steile Anstieg, den wir bei km 39 auf dem Rückweg noch bewältigen müssen. Ich möchte so gern 3:59 schaffen, und das wird auch ohne letzte Hürde schon verdammt knapp. Auf dem Höhenprofil sieht die Mauer eher unauffällig aus, aber anscheinend trennt sich hier die Spreu vom Weizen, und man soll seine Kräfte gut einteilen, damit man für die Mauer noch ein paar Körner übrig hat. Am unteren Ende drehe ich mich mal um und schaue, wie das nachher aussehen wird. Die Mauer hat absolut das Potenzial, über den Ausgang eines Laufs zu entscheiden. Für unsereins aber eher nicht so dramatisch will es mir scheinen, aber das ist bei km 3 ja leicht gesagt.

Eine größere Herausforderung scheint mir da schon die Marathonweiche zu sein, davon gibt es nämlich nicht nur eine, sondern gleich zwei Stück innerhalb von 1,5 Kilometern. Bei der ersten Weiche biegt der Marathon rechts ab. Der HM wird nach links geführt, läuft dort eine Schleife von einem Kilometer (und über eine Kontrollmatte) und kommt dann auf unsere Strecke zurück. Am Ende des Orts werden die Läufe dann nochmal getrennt, aber hier läuft der Marathon links und der HM rechts weg. Auf dem zweiten gemeinsamen Teilstück fragt mich ein HM-Läufer, ob er mich heute noch öfter überholen muss *gg*. Die Weichen sind mit vielen Schildern und Bodenmarkierungen angekündigt und gut gemacht, aber ich bin trotzdem froh, als ich da durch bin. Besonders die zweite Weiche könnte man im Tunnelblick schnell überlaufen, ich wundere mich, dass sie nicht mit einem Einweiser abgesichert ist. Also den Klaus sollte man hier vielleicht nicht hinschicken *grübel*…

Hinter km 10 wird’s dann richtig hart, denn jetzt kommen nicht nur die Anstiege, sondern auch der Regen. Zwischen den Dörfern sind wir dem Wind extrem ausgesetzt, und der anfängliche feine Sprühregen wächst sich dann doch ordentlich aus. Meine Finger sind kurz vor dem Absterben und eine Windjacke wäre jetzt nicht so schlecht. Zwischendurch kommt aber immer mal wieder kurz die Sonne raus. Naja. Natürlich sind heute auch wenig-bis-ganz-wenig Zuschauer an der Strecke, das ist klar. Trotzdem bin ich ein bissle enttäuscht, denn ich dachte, das ist hier so wie in Koblenz. Es gibt nur ganz wenige Stellen an denen die Zuschauer sich sammeln, dort ist dafür aber ordentlich Stimmung.

Mich strengt der Lauf saumäßig an, und durch das ganze Auf und Ab kann ich meine Leistung ganz schwer steuern oder auch nur einschätzen. Muss ich mich noch mehr anstrengen, oder vielleicht doch lieber was rausnehmen? Mein Gefühl sagt eher rausnehmen und dass ich schnell genug unterwegs bin, aber das kann auch der Schweinehund sein, der hier durch die visuellen Eindrücke auf „Landschaftslauf = gemütlich“ beharrt. Doch Landschaft ist nur vor meinen Augen, unter meinen Sohlen ist Asphalt, und Asphalt und „gemütlich“ passt nicht zusammen. Bevor mich dieser Interessenskonflikt allerdings zu sehr lähmen kann, haben wir den höchsten Punkt der Strecke erreicht und eine lange Talfahrt beginnt.

(Quelle: Laufreport)

Wir rollen nach Bad Dürkheim hinunter, und dort möchte ich Stefan zuwinken, den ich vor 2 Jahren in Mannheim kennengelernt hab, und der mir diesen Lauf empfohlen hat. Die Straße ist breit und normalerweise würde ich hier nun richtig gasgeben, aber ich tue es nicht, sondern lasse im mittleren Kraftbereich einfach rollen. So viel Reserven hab ich heut glaub nicht mehr, und die Kälte und vor allem der Wind setzen mir zu.

(Katis GPSies)

Von den 14 Ortschaften die wir (teils auch zweimal) passieren, ist Bad Dürkheim wie es aussieht die einzige größere Stadt. Hier hat der Veranstalter kilometerweit Flatterband und Barrieren verbaut und alles vorbildlichst abgesperrt und abgesichert. Viele Ordner sperren die Straßenübergänge und alles ist schon von weitem klar und eindeutig. Für einen Lauf mit nur 1.000 Teilnehmern wirklich außergewöhnlich gut gemacht. Wenn Dein Lauf durch 14 Ortschaften führt, mit wievielen Behördenvertretern musst Du dann wie oft verhandeln, bis alles klappt? Wenn Du einen guten Teil der touristisch frequentierten Weinstraße für ein Häuflein Läufer den halben Tag absperren möchtest, welche Argumente brauchst Du dann, um das durchzusetzen? Wie bringst Du die Bevölkerung auf Deine Seite, und wieviele Streckenposten musst Du einsetzen? wow…

Hier steht auch ein Moderator, aber da direkt dahinter eine Wasserstation steht, kann ich ihm keine Aufmerksamkeit schenken. Das gibt sich aber nix, denn er beachtet auch mich nicht 🙂 Ich suche Stefan, kann ihn aber nicht ausmachen. Hier werde ich erstmals von Leuten mit meinem Namen angefeuert, also ist es eh schwer zu entscheiden, ob da jemand gezielt nach mir ruft. Insgesamt bleibt die Strecke aber trotzdem wenig besucht, die Zuschauer zieht es bei der Witterung halt einfach nicht so hinaus.

Wir laufen an der Saline vorbei, dort findet an einem der nächsten Wochenenden der Bad Dürkheimer Salinenlauf statt, 12 Stunden auf einem knappen Rundkurs durch die Nacht. Das Ambiente erscheint mir insgesamt heute wenig einladend. Genau hinter einer riesigen Pfütze liegt die Halbmarathonmatte und ich kontrolliere zum ersten mal die Zeit. 1:52 ist überraschend gut, das scheint also doch zu laufen. Für den Heimweg bleiben mir also 2:07. Das sollte ja eigentlich kein Problem sein, denn mehr als die Hälfte der Höhenmeter sind bereits absolviert. Ich bin aber auch schon ordentlich müde, und daher weiß ich, dass mein Puffer schneller verbraucht sein wird als mir lieb ist.

Meine Füße schmerzen. Unter den Ballen der großen Zehen gibt es irgendein Problem, und jedes Auftreten ist schmerzhaft. Beim Nimbus 13 scheint ASICS irgend etwas Grundlegendes verändert zu haben im Vorderfußbereich, und es ist auf jeden Fall keine Verbesserung. Lieber Himmel, diesen Schuh habe ich für Biel eingeplant, was mach ich jetzt?

(Quelle: Sport online)

Ausgerechnet jetzt geht es auf das langweiligste Stück des Laufs. Hinter Bad Dürkheim wird irgendeine x-beliebige Schleife ausgelaufen, damit wir auf unsere Kilometer kommen. Es geht an einer Straße entlang, durch irgendwelche Äcker und auf der anderen Seite die Straße wieder hinunter. Norbert ist längst weg, Hannes sehe ich nicht und Birgit kann noch nicht hier sein. Jetzt erst fallen mir die Winzerstaffeln auf, denn die Teilnehmer stehen an jedem Kilometerschild. Jeder Läufer läuft einen Kilometer. Mehr als 2 Wartende sehe ich nie gleichzeitig an einem Schild stehen, also können es nicht so viele Staffeln sein. Als Staffelstab dient eine mit Ranken umwickelte dicke Rebe, zum Teil starten die Winzer in ihrer Arbeitskleidung.

Hinter km 25 geht es wieder stetig bergauf. Die Anstiege sind für mich noch laufbar, nur irgendwann später muss ich einmal ein paar wenige Meter durch einen Weinberg gehen. Schnell schmilzt hier der Zeitpuffer, ich schau gar nicht au die Uhr, denn es bringt eh nix. Ich weiß dass es eng wird mit der 3:59. Es wird auch wieder kälter, der Wind nimmt wieder zu, und hin und wieder regnet es auch mal kurz.

(Quelle: Laufticker)

Irgendwo hier kommen wir einen längeren Anstieg herauf und oben steht Gabi Gründling mit einem Stehpult mitten auf der Strecke und begrüßt jeden Läufer einzeln. Hier ist auch ziemlich Stimmung, und das reißt mich aus der Lethargie.

Bei km 31 wird der berühmte Rieslingschwamm angeboten, den lasse ich aber aus.


(Quelle: Laufreport)

Eigentlich fühle ich mich noch gut und freue mich auf die letzten 10 km, doch dann beginnt irgendwann mein Körper zu rebellieren. Innen und außen passt nicht zusammen, der Wind und die Nässe kühlen  zu sehr, und ich bin inzwischen doch schon zu müde, um das locker wegstecken zu können. Mir wird so ein bisschen schlecht und ich muss jetzt ganz genau aufpassen, dass ich mich nicht übernehme. Was echt Panne ist, denn von der Muskulatur her ginge noch was, auch wenn die Füße immer mehr schmerzen. Es dauert bis km 38, bis ich das wieder im Griff habe, aber ich bekomme es hin.

Leider gibt es kein Cola, das hätte hier mit Sicherheit geholfen. Das ist das einzige, was bei diesem Lauf nicht stimmt, sonst stimmt einfach alles. Übrigens auch hier hinten sind die Wasserstationen noch sehr groß und übersichtlich aufgebaut, obwohl die Läufer wirklich nur noch einzeln kommen. Das ist sehr bequem, und die Helfer haben immer ein nettes Wort. Durchgehend gibt es mehrere Getränke im Angebot, Wasser, Iso, Apfelschorrle und Tee. Die VPs sind auf jeden Fall umfangreicher ausgestattet als in der Ausschreibung angekündigt. Obst gibt es auch.

Eigentlich müsste ich nun von der Gesamtpace-Anzeige auf die Stoppuhr umschalten, um die letzten Kilometer keine Zeit mehr zu verlieren. Ich will aber nicht. Mein Gefühl sagt mir immer mehr dass es eng wird, und je genauer ich es weiß, desto mehr muss ich mich anstrengen, dazu ist mein Kreislauf aber nicht mehr stabil genug. Blöderweise fällt mein Blick hinter km 36 auf eine Kirchturmuhr. Auf der ist es genau 13:23. Was für ein beknackter Zufall, hier bekomme ich selbst bei maximaler Verweigerung noch visualisiert, dass ich 6er-Schnitt laufen muss. Es wird knapp. Bestimmt geht die Uhr eh falsch.

Bei km 39 wartet noch die „Mauer“ auf mich, aber sie ist gar nicht so schlimm und ich komme ganz gut durch. Bei km 40 kann ich mich immer noch nicht dazu durchringen, auf die Uhrzeit umzuschalten und ein überholender Läufer sagt mir, dass wir noch 15 Minuten Zeit haben. Ich versuche schneller zu laufen und schalte dann bei km 41 um. Die Uhr sagt 3:51,30. Das reicht, aber ich muss wirklich nochmal alles geben. Bei 3:57,50 bin ich im Ziel und muss mich sofort hinsetzen. Echt mal wieder hart verdienen müssen. Man beachte den Gesichtsausdruck 😉


(geliehen bei M4you) Der Herr mit der Nr 902 ist Oliver, der wiederum mit Tobias unterwegs war, den ich auch überall treffe. Beide sind auch bei meinen APUT-Bildern mit drauf.

Hannes kommt kaum eine Minute nach mir rein, hat aber eine schnellere Nettozeit. Er ist das Ding gelaufen, als gäbe es keine Höhenmeter. Bei der Medaillenausgabe bekommen die Damen sogar noch eine extra Umarmung von einem schicken und gut riechenden Herrn, na der tut mir ja echt leid *kicher*.

Norbert ist natürlich schon lang da, auch er in einer „Flach“-Zeit. Birgit braucht noch eine Weile, kommt dann aber auch gut rein. Alles easy. Da ist zu viel Erdinger am Leben, das muss beseitigt werden. Die Massage ist toll, und auch die Dusch- und Umkleidemöglichkeiten sind gut geregelt. Im Festzelt kommen wir genau recht zur Siegerehrung und Hannes gönnt sich ganz entspannt einen „Marathonteller“. Das trau ich mich noch nicht, aber sieht lohnenswert aus 🙂 Norbert darf uns dann wieder nach Hause fahren 🙂

Statistik: Platz 8/43 W45, Platz 35/120 Frauen, 729 Finisher Marathon gesamt.
schnellster km 4:46, langsamster 6:39, Durchschnittspace 5:35

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5 Antworten zu Marathon Deutsche Weinstraße – 22.4.2012

  1. schauläufer schreibt:

    Bockenheim, jaja da hätt ich einen schönen Bock schießen können..-)) Zum Glück musste ich den Hanseaten an dem Wochenende Schwäbisch beibringen;-)) Der Traubenschwamm gefällt mir. Wurde der eigentlich in Wein getunkt? Dort soll es ja leckere Tröpfle geben.

    Grüssle Klaus

  2. Sabine schreibt:

    Wieder ein packender Marathonbericht!! Danke dafür, denn mit Deinen Beschreibungen der Bewerbe machst Du mir immer Laune darauf, „doch noch mal irgendwann wieder“ einen Marathon zu laufen. Gestern war ich davon gar nicht überzeugt…. Ein bisschen beruhigen mich Deine vielen Stories über Deine vielen Läufe auch, denn Du leidest hin und wieder doch genauso wie ich auf meinem Jahresmarathon… Hab übrigens ENDLICH meine Marathonzeit verbessert… 🙂
    Schöne Grüße aus Wien,
    Sabine

  3. Gerd schreibt:

    Danke für den „schicken, gut riechenden Herrn“. 🙂 Hab ich dich im Ziel eigentlich auch in den Arm genommen?

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