Weinsberger Weibertreulauf – 4.3.2012

http://www.la.tsv-weinsberg.de/

Historisches zur Burg ist bei Bedarf hier nachzulesen. Mein Bericht von 2011 hier.


(meine GPS-Auswertung)

Katastrophenforscher haben herausgefunden, dass ein „Ereignis“ meist nicht nur eine einzelne Ursache hat, sondern durch eine Aufsummierung und Verkettung vieler kleiner und häufig sogar unbedeutender Probleme und Zufälle entsteht, ja regelrecht zusammengebraut wird. So gäbe es – rückblickend – etliche Alarmsignale und Möglichkeiten zum Eingreifen, doch am Tag X ist keiner auf Zack und KAWUMM schon haben wir den Salat. „Hätte-Wäre-Wenn“ ist auch hier immer ein guter Ansatz. Das Beruhigende – oder erst recht Beunruhigende ? – an dieser Theorie ist ihr Umkehrschluss und damit die Gewissheit, dass wir alle tagtäglich den großen Katastrophen immer wieder gerade noch so von der Klinge springen, meistens sogar, ohne es überhaupt zu bemerken.

Was das jetzt mit dem Lauf zu tun hat?


(Volker und Carmen sind neidisch auf meine Startnummer)

Es ist die Geschichte von Kati und ihrem Schinkenbrot.

Ihr kennt das ja: In der Unterzuckerung kann ich unglaublich charmant sein. Und vor allem nicht mehr laufen. Deshalb pflege ich gern vor einem Lauf gut zu speisen, und deshalb habe ich meistens auch ein Schinkenbrot dabei. Schinkenbrot darf man im Unterschied zu Leberwurscht oder Salami, Harzer Käse oder Knoblauchbaguette auch früh morgens im Auto auf der Anfahrt essen, ohne dass man dann an der nächsten Raststätte von den Mitreisenden ausgesetzt wird.

Weil ich morgens nicht gern früh aufstehe, habe ich mir mein Schinkenbrot gestern abend schon gemacht. Da war das Brot gerade ganz frisch gebacken und ließ sich deshalb nicht gut schneiden. Wenn ich was nicht ausstehen kann, dann sind das dicke Brotscheiben. Aber ich ignoriere es.

Auch Ralf verzieht Stunden später beim Anblick meiner Ernährungsbeilage kritisch das Gesicht und bietet mir einen Powerbar als Alternative an. Aber ich ignoriere es. Carmen meint, es sind noch 15 Minuten bis zum Start. Mir ist klar, dass das nicht der geeignete Zeitpunkt für ein SCHINKENBROT ist, aber ich ignoriere auch das und kaue lustlos weiter.

Ich weiß was ich tue, schließlich esse ich vor jedem Lauf ein Schinkenbrot, basta. Aber kein so dickes, und nicht so kurz vor dem Lauf, und nicht, wenn es Dir eigentlich gar nicht schmeckt, schreit meine innere Stimme – aber ich kann ihr nicht antworten, weil wir schon im Startkanal stehen und Ralf seinen Garmin vergessen hat und mich dauernd Sachen fragt. Ist vielleicht Ralf schuld? Oder war es da schon zu spät?

Einschub: Die Prinzessin lasse ich in der Obhut von Rolf und Niko zurück, die sich sehr nett um sie kümmern – vielen Dank dafür !! Sie läuft beim 5er mit, während wir unterwegs sind.

(Einschub Ende)

Weinsberg, Weibertreulauf, eine Minute nach dem Start: Hier wird zackig losgelaufen, denn es ist gerade mal März, und wer da schon Halbmarathon läuft, der kann es auch. Carmen begrüßt den Frühling. Erster Kilometer in 4:38, obwohl es sogar hier schon einen kleinen Anstieg gibt. Zweiter Kilometer in 4:48, das läuft ja super. Genau so wollte ich es, denn mein Ziel ist, die 1:49 vom Vorjahr zu wiederholen. Eine Woche vor Kandel möchte ich mir beweisen, dass ich gut in Form bin.

Der Lauf ist mit 310 Höhenmetern nicht einfach. Ständig geht es hoch oder runter, und die Anstiege gehen auch heute nicht so einfach. Einen wahnsinnigen Durst hab ich, das kommt von dem blöden Schinkenbrot, das mir wie ein Stein im Magen liegt. Bei km 8 kommt die erste Wasserstation, wie ein Kamel schütte ich 2 Becher Tee in mich hinein, das hilft. Direkt dahinter geht es in die Wand. Ich laufe am Anschlag, und kann deshalb die Wand eh nicht durchlaufen, und die Gehpause passt dann schon ganz gut mit dem Geläpper im Magen. Gleich bei km 9 kommt die nächste Wasserstation oben am Berg. Eigentlich braucht man hier nicht schon wieder was, und auch gewiss nicht noch mehr schlabbrigen Tee, aber das ignoriere ich.

(Quelle: Stimme.de)

Weiter geht’s. Kilometer 10 passiere ich in 54:25, das erscheint mir sehr respektabel gemessen am Höhenprofil. Bin zufrieden und gebe wieder Gas. Wenn es bis hierher so gut gelaufen ist, dann passt das auch bis ins Ziel, meine Stärke liegt auf den letzten 5 Kilometern, da kann ich den Schnitt nochmal drücken. Was sich in meinem Magen derweil abspielt, ignoriere ich.

Ralf ist längst weg (Quelle: Stimme.de)

Zwischen km 11 und 12 wird mir dann etwas unbehaglich, und unbehaglich steigert sich schnell zu speiübel. Muss Dir egal sein, schließlich läufst Du mit den Beinen und nicht mit dem Magen. Ich kann aber nicht mehr mit der nötigen Kraft laufen, mir ist so elend…

Hinter km 14 wartet die nächste und letzte Wasserstation, die ich gefühlt grün im Gesicht erreiche. Schon wieder nur schlabbriger Tee und Wasser, kein Schnaps, aber besser als nix. Jetzt kommt das wunderbare Stück durch die Weinberge, auf dem seinerzeit der Mäander zur vielfach zitierten Verbform wurde. Ich möchte so gern einen Blick für die Schönheit der Natur haben, ich möchte das bergab-Stück so schnell laufen bis ich abhebe, meine Flügel ausbreiten, ich möchte den Höhepunkt des Laufes genießen, ich will vor allem Zeit reinholen verdammichnochmal, aber mir ist schlecht, sooo schlecht…

Vorsichtig sonntagsjogge ich die perfekte Rennstrecke hinunter wie auf  Eiern und justiere den Blick stier auf den Streckenposten in der hintersten Kurve. Bitte kein Gewackel. Ernsthaft erwäge ich die Aufgabe des Rennens, nur – was dann? Und vor allem, wohin? Ich bin nicht alleine hier, im Ziel wartet mein Kind auf mich und das kennt mit seinen vernichtenden Kommentaren keine Gnade, das will seine Mutti aufrecht einlaufen sehen und zwar möglichst in der ersten Hälfte, sonst schämt es sich für die alte Schachtel.

Kurz vor km 18 wird mir total dizzig und ich muss mich an den Rand setzen. Fast jeder der vorbeikommenden Läufer fragt, ob ich Hilfe benötige. Tatsächlich macht es den Eindruck, als würden diejenigen auch anhalten und mir helfen wenn ich ja sage. Vielen Dank Euch, wenn Ihr zufällig hier vorbeilest, das war auf jeden Fall eine moralische Unterstützung. Es geht dann wieder, und ich laufe weiter. In der nächsten Kurve ruft der Sani nach mir, ob ich ok bin. Er hat mich sitzen sehen. Ich winke zurück und rufe „alles ok“, laufe 50 Meter weiter und sehe Sternchen. Ok das war’s. Ich drehe um und schlurfe kleinlaut zu den Sanis zurück, denn die haben ja vielleicht ein Getränk mit Kohlensäure dabei? Ich bekomme ein Apfelschorrle, yeah 🙂

Hier sitze ich und bin der Flop des Tages. Die Durchschnittspace-Anzeige klettert auf 5:30, 5:35, 5:40… ich weiß dass ich verloren habe. Hannes und Dani können nicht weit hinter mir sein und laufen bestimmt zusammen, auf die warte ich jetzt. Wenn ich dann auf der Reststrecke tatsächlich zusammenklappe, dann ist auf die beiden Verlass, und ich wollte schon immer mal jemandem seinen Lauf ruinieren.


(Quelle: Stimme.de)

Die Rechnung geht auf, die beiden schauen zuerst irritiert, nehmen mich dann aber mit, und ich kann einigermaßen weiterlaufen (Dieser Sitz-Kilometer schlägt mit 9:57 zu Buche, angefühlt hat es sich wie eine Ewigkeit). Sobald ich allerdings das Tempo anziehe, wird mir sofort wieder flau. Aber das bringt ja jetzt eh nix mehr. In 1:59,07 erreichen wir gemeinsam das Ziel, dort hüpft schon mein kleines grünes Männchen freudig auf und ab und der Zielsprecher macht auch noch bissle Quatsch mit uns.

Platz 7/12 W45, 237/302 gesamt, und selber schuld.
Katastrophen sind definitiv was anderes 😉

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter run veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s