Allgäu Panorama Ultra Trail – 21.8.2011

www.allgaeu-panorama-marathon.de

ok Mädels, ich bin wieder zuhause 😉 Und was haben wir nicht wieder alles erleben müssen dürfen…

Das Video vermittelt keinen Eindruck vom tatsächlichen Charakter der Strecke. Hatte keine Kamera dabei, gibt also nicht allzu viel her. (die Zeitangabe am Weiherkopf ist leider auch falsch)    PW auf Anfrage

Der Lauf hat 69 km mit schlappen 3.000 Höhenmetern.

Morgens um 6 Uhr am Start hab ich natürlich wieder mal mein Brot zuhause vergessen, aber ist nicht so schlimm, denn der liebe Günni kauft mir eine Brezel 🙂 Zudem habe ich 3 Riegel im Rucksack. Was an sich lächerlich ist, denn die Verpflegung beim Allgäu Panorama Marathon war letztes Jahr außerirdisch gut und reichlich, aber Vorsicht ist schließlich die Mutter der Porzellankiste. Einen Riegel esse ich gleich mal am Start, das sollte dann bis zur versprochenen Vollverpflegung bei Grasgehren, km 19, reichen. Die Strecke bis dahin kenn ich vom letzten Jahr, die ist schonmal nicht ohne. Da braucht man schon ein paar extra Kalorien. Flüssigkeit hab ich weniger als einen Liter dabei, schließlich gibt es bis dahin – laut Plan – 4 Wasserstationen.

(Bilder von Jörg)

Am Start ist noch alles easy. Ich treffe Tina, Niko und Horst, und auch die Üblichen Verdächtigen Conny, Jörg, Niko 2 und Gerhard. Mit über 300 Startern ist der Ultra dieses Jahr besonders stark besetzt, denn die DUV trägt hier heute ihre Deutsche Meisterschaft im Cross- und Landschaftslauf aus. Das bedeutet, die deutsche Ultra-Prominenz ist am Start, mal abgesehen von den paar wenigen, die beim Berliner Mauerweglauf sind („Niemand hat die Absicht, 100 Meilen zu laufen“). Für den Veranstalter ist dies eine riesen Promotion, bedenkt man nur mal die Multiplikatorwirkung innerhalb der doch recht individuellen Szene. Anders ausgedrückt: Schiefgehen sollte hier möglichst nix!

(Bild: Günter)

Es geht los. Viele Läufer sind mit Stöcken bewaffnet, was mit Sicherheit von Vorteil ist und in dem Fall die anderen nicht stört, da allgemein gleich sehr kontrolliert gelaufen wird. Die ersten paar Kilometer geht es flach an der Iller und über Land. Ich spüre die Woche Allgäu, die wir mit Wandern verbracht haben. Zur Regeneration sicher denkbar ungeeignet, andrerseits hab ich inzwischen genügend Strecken gesehen und bin mental vorbereitet 😉 Heidemarie zieht vorbei, und Niko 2 läuft ein Stückchen mit mir, dann ist er auch weg.

(Bilder M4you)

Obwohl die Sonne gerade mal aufgeht, ist es bereits dämpfig warm und stickig. Der Tag heute wird heiß, höllisch heiß, aber das ist mir im Zweifelsfall lieber als Regen und rutschiger Untergrund. Bei km 4 fehlt die Wasserstation, die letztes Jahr beim Marathon dort war und auf dem Plan eingezeichnet ist. Ist nicht so schlimm, aber ein erster Vorbote auf das, was uns noch erwartet. Oben an der Weltcuphütte gibt es die erste Wasserstation mit Wasser und ISO. Bei km 10 bin ich gut in meinem Zeitplan. Niko, Tina und Horst überholen mich. Horst hat verlauten lassen, dass er hinter mir laufen will, um seine Kräfte zu schonen. Jetzt ruft er fröhlich „ich lauf dann mal bei Niko mit“ und schwupps sind alle 3 weg. Wenn das mal gut geht. Tina kann sich in der Staffel auspowern, und Niko läuft sowieso in einer anderen Preisklasse. Aber der Horst ist halt ne Wildsau.

Bis irgendwo hinter km 20 verlaufen Marathon- und Ultra-Strecke identisch, allerdings liegen die Marathoner im Moment wohl noch friedlich schnarchend in den Kisten, ihr Start ist erst um 8 Uhr. Wir dagegen dürfen einen grandiosen Sonnenaufgang erleben. Das erste Teilstück bis km 19 ist beim Marathon der anspruchsvollste Streckenabschnitt. Mich hat es letztes Jahr ausreichend gefordert, und so hab ich mir wirklich gut überlegt, ob ich den Ultra melden kann. Günni und Holle haben gesagt, beim Ultra sind die ersten 19 km nur Geplänkel, erst danach geht es richtig zur Sache. Ein Blick auf die Zielzeiten scheint das zu bestätigen. Ich bin vorsichtig und gebe keine Prognosen ab. Bis Oberstdorf bei km 49 werde ich kommen, und dort kann man mit Wertung aussteigen. Das wäre auch ok.

Ich rechne mit einer Laufzeit von um die 12 Stunden, angesichts der zu erwartenden Hitze eher mit etwas mehr. Bis km 40 sollte ich mit 1,5 Stunden pro 10 km hinkommen. Der Cut Off bei Oberstdorf muss um 14:25 Uhr erreicht sein, das müsste an sich machbar sein, aber viel Spielraum bleibt mir da nicht.

(Bild von Thomas)

Über den Weiherkopf geht es zügig, dann hinunter zur Hörnerbahn und auf den Spazierweg zur Schwabenhütte. Vor dem nächsten Anstieg sollte eine Wasserstation sein, an der es letztes Jahr auch Obst gab. Nur kommt sie leider nicht. Sie wird erst später für den Marathon aufgebaut, und die zu diesem Zeitpunkt noch dort eintreffenden Ultraläufer werden abgewiesen, bekomme ich später erzählt. Vor der Vollverpflegung kommt noch ein happiger Anstieg, und es ist Zeit für meinen zweiten Riegel. Das klingt jetzt vielleicht arg verfressen, aber wir sind immerhin schon zwei-einhalb Stunden unterwegs und „locker laufen“ iss hier nich.

Bald ist der zweite hohe Zacken im Höhenprofil überschritten und es geht hinunter nach Grasgehren. Dort ist „Vollverpflegung“ mit allem Schnickes ausgeschrieben. Mit 2:54 bei 19 km überlaufe ich die Zeitmessmatte, das ist etwas langsamer als im letzten Jahr und somit voll im Plan. Ich hab schon ordentlich Kalorien verbraten und einen gesegneten Appetit. Am Buffet gibt es Cola, Wasser und Iso, daneben liegen ein paar Bananen- und Apfelstückchen und ein paar einzelne Gels. Ich frage die Helferin, wo denn die feste Nahrung aufgebaut sei. Die deutet auf das Fruchtgeschnibbel und lädt mich ein, mich zu bedienen. Es gibt sonst nix. Auf den Schrecken greife ich mir 2 Becher Cola und einen Apfelschnitz, der so sauer ist wie eine Zitrone. Gel und Banane kann ich während dem Lauf nicht essen, viele andere auch nicht. Es gibt keinerlei feste Nahrung. Kein Stückchen Brot, keine Salzstangen, keine Riegel, gar nix.

Wir haben noch nicht mal 1/3 der Strecke, und ich weiß, dass mir das nicht reicht. Bis km 35 gibt es nur Getränkestationen mit Wasser und angeblich ISO (ISO gibt es nirgends) und erst bei km 35 die nächste „Vollverpflegung“. Bis dahin muss ich es irgendwie schaffen in der Hoffnung, dass es dort dann auch wirklich etwas zu essen gibt. Schwierige Sache mit einem einzigen übrigen Riegel. Wenn es dort dann auch nix gibt, dann war’s das. Die Helferin meint, ich könne das ja im Ziel gerne an die Orga rückmelden. Im Ziel? Und wie bitte soll ich dahin kommen mit nix im Magen? Ich werd richtig sauer. Ich versuch mich zusammenzureißen (nicht dass es mir sonderlich gut gelänge), sie kann nix dafür und hat vermutlich auch sowieso keine Ahnung. Ich MUSS diesen Lauf nicht beenden, ich bin nicht so verbissen. Aber wenn ich ihn nur deshalb nicht schaffe, weil eine super Verpflegung ausgeschrieben ist und es dann nix gibt, dann muss ich auch keine 70 EUR für ein DNF abdrücken. Dann sollen sie eben „spartanische Verpflegung“ ausschreiben, und jeder nimmt sich das mit, was er braucht. Wär kein Problem gewesen, der halbe Rucksack ist leer. Ich schimpfe noch ein bißchen bei Tina und Volker herum, dann ergebe ich mich und laufe weiter.

Für Notfälle müssen wir ein Handy mitführen. Ich könnte ja jetzt Martin anrufen und Futter bestellen, aber das kommt mir doof vor. Vielleicht was vom Chinesen? Nee. Was den anderen reicht, das reicht mir auch, ich brauch keinen Begleitradler. Auf dem nächsten Teilstück treffe ich Tobias, den ich überall treffe, mit noch einem Begleiter. Wir laufen sehr lange immer in Sichtweite und ich bekomme Kuh-Schutz 🙂 Die Kühe sind aber längst nimmer mein Problem. Ich hab verdammten Hunger. An der Station hab ich ISO aufgefüllt, um wenigstens die Mineralspeicher ein wenig oben zu halten, aber das ISO ist extrem dünn, so viel kann man gar nicht trinken. Nach Ewigkeiten erreichen wir die nächste Wasserstation, und hier gibt es — WASSER … sonst nix. Kein ISO, und Cola schon gleich gar nicht.

Wir sind irgendwo bei km 25, weiß aber keiner so genau, denn die Kilometrierung hat dort aufgehört, wo der Marathon abbiegt. Nicht mal 5er- oder 10er-Schritte sind mehr ausgezeichnet, erst wieder hinter km 60. Die Streckenmarkierung passt, man kann sich nicht verlaufen. Da wurde wirklich ganze Arbeit geleistet, dafür gibt es aber kaum einen Streckenposten. Die stehen an strategischen Stellen in den Ortschaften, aber in der Pampa kommt stundenlang keiner. Schon bisschen seltsam.

Ich kapiere jetzt auch, dass ich bei der nächsten „Vollverpflegung“ meinen Trinkvorrat komplett auffüllen muss, da es wohl nur an den Vollverpflegungen was anderes als Wasser gibt, obwohl alle Stationen mit Wasser und ISO ausgeschrieben sind. So recht logisch ist das nicht. Letztes Jahr beim Marathon gab es an wirklich jeder Station Cola, Obst und Riegel. Viel mehr als man gebraucht hätte, und die Stationen lagen auch dichter aneinander. Was ist das hier? Denken die, wer auf den Ultra geht, der braucht eh nix? Ich würde ja vielleicht nix sagen, wenn die Stationen leer wären, weil ich zu den letzten Läufern gehöre. Aber im Moment bin ich noch nicht bei den letzten, und die Stationen hatten von Anfang an nicht mehr.

Mein Magen knurrt so laut, dass die Kühe von selbst die Flucht ergreifen. Die nächste „Vollverpflegung“ ist für km 35 angekündigt und ich will es bis dahin schaffen, ohne meinen letzten Notriegel aufzubrauchen. Es geht aber nicht. Bei km 29 ist Energiezufuhr nicht mehr länger aufschiebbar und er muss dran glauben. Es hilft auch, denn plötzlich kommen von vorne immer wieder kleine Läufergrüppchen in Sicht. Geschlagene Menschen mit hungrigem Blick. Im Überholen verstecke ich meinen halb gegessenen Riegel, weil ich mir wie ein Schwein vorkomme und außerdem Angst vor Überfällen habe. Bei km 30 laufe ich auf Niko und Horst auf, zufällig steht gerade dort auch Günter an der Strecke.

Niko hängt ein griechisches Handtuch am Rucksack, er hat irgendwie die Körperspannung von Linus mit der Schmusedecke, wirkt aber insgesamt recht zentriert. Horst dagegen – oje. Der bringt nicht mal mehr einen dummen Spruch raus und sein Blick ist – sagen wir – verzweifelt? Wir sehen alle drei super scheiße aus, keine Frage. Wenn ich bei den beiden jetzt dabei bleibe, dann steige ich garantiert bei km 35 zu Martin ins Auto und bin draußen, das geht gar nicht. Wenigstens bis Oberstdorf. Davon abgesehen geht es mir eigentlich körperlich noch gut, wäre nur dieser Scheiß Hunger nicht. Also lauf ich ohne die beiden weiter.

Der Günni fotografiert das gleich mal. Menschenskind, ich habe ja völlig vergessen, wir sind hier auf dem ALLGÄU  PANORAMA  ULTRA  TRAIL, auf einem der landschaftlich wunderschönsten Läufe die ich überhaupt nur kenne, wir haben ein bombiges Wetter, und ich sollte mal etwas von der Strecke berichten? Ich kann nicht. Ich habe keinen Blick dafür, es ist mir scheißegal wo wir laufen, denn so langsam geht es in den Unterzucker und es geht bereits seit km 25 ums bloße Überleben. Überleben bis km 35. Wohlgemerkt, km 35 = Halbzeit. Was danach kommt, wissen die Götter. In jedem Fall der schwierigere Teil der Strecke. Ich muss weiter. Von der Strecke erzähl ich Euch später was. Ich bringe sowieso alle Streckenabschnitte durcheinander. Definitiv ist es irrsinnig heiß, an jedem Brunnen waschen wir uns die Salzkrusten aus dem Gesicht und es geht ständig auf und ab. Teils auf guten Wegen, teils auf Trails. Laufen erfordert ziemlich hohe Konzentration und die bergab-Strecken sind keineswegs erholsam.

Plötzlich biege ich um eine Kurve und sehe vor mir die „Vollverpflegung“. Bei km 32,5. Eine Fata Morgana? Das Fräulein Prinzessin läuft mir entgegen, obwohl wir erst an der nächsten Station verabredet waren. Und: Es gibt was zu essen !!! Der Streuselkuchen mit Füllung ist zwar etwas fehl am Platz, aber ok, immerhin ein gut gemeinter Versuch. In einem großen Eimer liegen Waffelstücke, das ist ok. Es scheint dort auch kurzfristig mal Brot gegeben zu haben, das ist aber längst aus, obwohl ich schon noch ziemlich im Mittelfeld laufe. Ich raffe 4 oder 5 der letzten Waffelherzchen und esse sie schnell – zu schnell für den viel zu leeren Magen, der durch die beginnende Unterzuckerung jetzt schon nix mehr richtig verarbeiten kann. Es ist ein Fehler, aber es geht nicht anders. Kalorien müssen hinein, egal wie. Und wenn ich die nächsten 10 km nur noch Gehen kann. Daneben gibt es noch Äpfel, Bananen und Melonen. Ich kann den ISO-Tank im Rucksack auffüllen und bekomme auch noch das letzte Cola, bevor es dann aus geht. Die Helferin meint, man hätte halt nicht damit gerechnet, dass jeder hier 3 Becher trinkt. Nee ist klar, wenn es halt vorher nix gibt? Gerhard ist auch wieder hier und hat die Faxen dicke.

 

Martin cremt mir noch die Schultern ein, dann laufe ich mit Silke weiter. Sie will nur bis Oberstdorf, dort treffe ich sie dann auch wieder, und sie läuft glaube ich doch noch ganz weiter. Martin nimmt jemanden mit, der nicht mehr weiter kann. Horst und Niko kommen angelaufen, wollen aber auch bis Oberstdorf durchkommen. Es geht nicht lange gut, dann rebelliert mein Verdauungstrakt. Ist klar. Erst völlig ausgehungert, dann zuviel, und dann gleich wieder rennen. Es geht schon in den nächsten Anstieg, und ich gehe konzentriert, bis sich der Magen beruhigt. Kein Problem soweit. Es muss um die Mittagszeit sein, die Sonne knallt herein wie blöd. Wir sind nun an dem Teilstück zum Söllereck, das von Wanderern und Spaziergängern komplett überlaufen ist. Die gucken uns an als hätten wir einen an der Klatsche, und viele Kommentare gehen auch in die Richtung. Vor einem Lokal ist ein Brunnen, unter den Gerhard gerade seinen Kopf hält. Ich gleich hinterher. „Schön weiterlaufen, Mädchen“, meint er. Wir machen gleich mal aus, dass wir durchlaufen. Schnell und heimlich nutze ich noch die Toilette dort, und als ich wieder heraus komme, ist eine Wolke über der Sonne. Herrlich. Ein paar Meter bedeckt…

Der Weg zum Söllereck ist endlos, aber irgendwann habe ich die nächste Laufbegleitung die ablenkt, einen ganz erfahrenen Kollegen, der weiß auch was er tut. Wir laufen lange zusammen oder in der Nähe, fast bis nach Oberstdorf. An den nächsten beiden Stationen gibt es natürlich wieder nur Wasser und kein ISO. Ist nicht zu fassen, aber inzwischen haben wir uns gefügt und sagen nix mehr. Es geht durch ein schattiges Waldstück hinunter, sehr trailig. Eine schöne Strecke, aber man muss sehr konzentriert laufen. Ich krieg das alles noch recht gut hin. Schwieriger wird es für mich unten, als wir wieder auf ein extrem überlaufenes Stück in Richtung eines Baggersees kommen, wo man zwischen Spaziergängern und Hunden hindurchschlängeln muss. Doch auch das geht vorbei, und nun sind wir bald in Oberstdorf. Ich laufe lange Stücke allein und sehe dann irgendwann wieder Gerhard vor mir. So erreichen wir die Erdinger Arena mit 7:49 Stunden Laufzeit, das ist mehr als eine halbe Stunde vor dem Zeitlimit.

Erstmal in den Schatten. Mir ist klar, dass ich hier jetzt nicht rausgehe. Gerhard sagt, wir brauchen 4 Stunden für die nächsten 20 Kilometer. Darüber kann ich mir keine Gedanken machen. 20 Kilometer sind eine überschaubare Distanz und basta. Ich habe die dritte „Vollverpflegung“ erreicht und es geht mir ganz gut. Zum ISO gibt es gecrushtes Eis dazu, und ich fülle meinen Rucksack mit 1,5 Litern. Zu essen gibt es Obst und einen ziemlich indiskutablen Blechkuchen, den hier garantiert kein Mensch mehr runterbringt. Ich esse ein paar Melonenstücke und schütte ordentlich Cola und ein Weizen hinterher. Kalorientechnisch muss das für die nächsten 13 km reichen. Aber auch für die nächsten 3 Stunden.

Martin und die Prinzessin sind auch da, sehen aber schnell, dass von mir kein großer Unterhaltungswert mehr ausgeht 😉 Ich bin ziemlich dankbar, dass sie mich in Ruhe lassen und nicht versuchen, mich zum Rausgehen zu bequatschen.

Jetzt kommt das härteste Teilstück des Laufs. Die nächsten 10 km führen stetig ansteigend und immer steiler werdend bis auf den Sonnenkopf hinauf, der Anstieg beträgt etwa 1.000 Höhenmeter. Vor allem die letzten 2 Kilometer müssen es gewaltig in sich haben. Ich laufe halt mal los, mir ist alles egal. 10 km werden schon irgendwie rumgehen, und um die letzten 9, die nur noch bergab führen, mache ich mir einfach keine Gedanken. Einfach einen Fuß vor den anderen. Es geht gleich stramm bergauf, an Rennen ist nicht mehr zu denken. Ich wandere so ziemlich allein vor mich hin und versuche, irgendwie bei der Stange zu bleiben und nicht zu trödeln. Es ist immer noch affenartig heiß und die Strecke wird immer hässlicher.

Was am Anfang noch ein Spazier- oder Wanderweg ist, wird bald zu einem Forstweg. Holprig zu laufen, nicht viel zu sehen. Ich schalte den Garmin auf km um und verfolge mein Voranschreiten. Allerdings ist es extrem zäh. Wusste nicht, wie lange man für einen Kilometer brauchen kann? Mann ist das trostlos hier. Aber ich bin auf dem Weg ins Ziel, das ist doch mal was. Sehr viele sind in Oberstdorf rausgegangen. Viele die noch hinter mir sind, werden das Zeitlimit nicht schaffen. Ich denke an Niko und Horst, die in Oberstdorf abbrechen werden müssen (denkste…). Conny überrollt mich locker von hinten, ich kann nicht lang dranbleiben. Das ist klar, sie kann ewig so weiterlaufen. Das ist halt der Unterschied zwischen einem Ultraläufer und einem, der nur gerne mal nen Ultra läuft. Wir lästern ein wenig über die saumäßige Versorgungslage, und Conny ist auch ziemlich sauer. Sie meint, hier geht nächstes Jahr keiner mehr her.

Bei km 52 gibt es tatsächlich nochmal Cola, und ich schwatze dem Helfer eine ganze Flasche ab. Die schleppe ich auch brav bis zur nächsten Wasserstation, es müssen Stunden sein. Das Bier und das Cola bei der „Vollverpflegung“ haben nicht lange gereicht, und vor allem fehlt mir die feste Basis im Magen. Wenn ich allerdings diesen Kuchen gegessen hätte, dann wäre es mir garantiert so gegangen wie Laurent, der mir ein Stück weiter wieder entgegen kommt und abbrechen muss. Stumpfsinnig setze ich einen Fuß vor den anderen. Es ist steil, und ich spüre meine Waden und meine Oberschenkel. Aber eigentlich geht es immer noch gut. Ich klettere nochmal ein Stück in einen Steilhang, um einem weiteren menschlichen Bedürfnis nachzukommen. Man glaubt es kaum, aber es ist außerordentlich schwierig, eine nur halbwegs nicht einsehbare Stelle zu finden. Kaum ist es mir gelungen, tritt Rüdiger Nehberg hinter einer Tanne hervor. Er bietet mir drei Maden und einen Regenwurm an, die ich gierig verschlinge.

Bei km 58 gibt es noch einmal leckeres und nahrhaftes Wasser, und das Personal am Tisch erklärt mir, dass ich bald „oben“ bin. Jetzt kommen die zwei härtesten Kilometer. Es ist so steil, dass ich fast die Hände noch benutzen muss, und man steigt auf ausgetretenen Stein- und Grasstufen kreuz und quer bergan. Ich bin gar nicht sicher, ob hinter mir überhaupt noch jemand kommt, doch dann höre ich munteres Geschnatter und sehe eine Gruppe von ein paar Leuten, die vom Besenradler begleitet werden. Der TRÄGT sein Fahrrad da hoch. Ich habe Erscheinungen, oder?

Nach Möglichkeit möchte ich nicht vom Besenradler überholt werden, also steige ich weiter und weiter und weiter und weiter. Unmöglich den Überblick zu behalten, wo wir sind. Ist es noch weit? Wie weit? und warum? Ich spüre, wie der Unterzucker langsam kommt, versuche aber, nicht zu viel drüber nachzudenken. Lass mich einfach die letzten 10 oder 20 Minuten noch laufen, oben gibt es ja wieder „Vollverpflegung“ und den Rest schaffe ich dann schon. Bei km 60 ist der höchste Punkt erreicht, doch irgendwann geht mir der Sprit aus. ALLE Energiereservern sind verbraucht, und es hat jetzt nichts mehr mit dem Kopf zu tun. Meine Knie zittern, ich bin komplett unterzuckert und muss mich hinsetzen. Mitten in den Dreck. Ich habe mich von Oberstdorf aus über 3 Stunden diesen Scheiß Berg hinauf geschleppt, um dann 10 Minuten vor dem Gipfel aus dem Lauf ausscheiden zu müssen. Das darf nicht wahr sein, oder? Und alles nur, weil die nicht in der Lage sind, das Minimum an Energiereserven bereit zu stellen? Ich bin so leer und unterzuckert, dass ich nicht mal mehr einen Zorn habe. Es ist einfach nur scheiße alles.

Also gut, dann warte ich halt auf den Besenradler, soll der doch zusehen, wie er mich den Hang hinauf bekommt. Derweil trink ich mal ein wenig warmes Iso. Nach einer Weile schaffe ich die nächsten 50 Meter, dann sitze ich wieder. Drei Frauen und zwei Männer biegen mit dem Besenradler um die Ecke. Eine davon setzt sich gleich neben mich, ihr geht es richtig richtig richtig schlecht. Die anderen sind noch ganz gut drauf, gehören aber dazu. Was jetzt? Der Besenradler meint, es sind noch 100 Meter bis nach oben, aber die andere und ich, wir schaffen es nicht. Angela gibt mir einen Traubenzucker, und der rettet mich. Plötzlich bin ich wieder ein Mensch und kann zum Gipfel laufen. Oben kann ich dann ein Hanuta essen, und – wow – es geht weiter. Zuerst sitzen wir aber am Gipfelkreuz und genießen den wahrhaft umwerfend genialen Blick. Hier oben gibt es sogar – Wasser. Wir sind alle nur noch voller Ironie. Die Helfer sind wahnsinnig nett und geben uns ihr letztes Hemd 🙂 Nach einer Weile rollen wir einen Kilometer den Berg hinunter zur letzten „Vollverpflegung“.

Und hier ist plötzlich Weihnachten. Es gibt BROT !!! mit Salz ! Cola, ISO, Obst. Nur dass es bis hierher von den über 300 gestarteten Läufern schonmal fast 100 gar nicht geschafft haben. Wir hocken noch eine Weile herum, essen und trinken, und dann geht es weiter. die ganze unnötige Aktion hat mich fast eine Stunde gekostet. Mit Thomas und Angela zusammen rolle ich Richtung Tal, mir kann nix mehr passieren. Es geht gut. Angelika entpuppt sich als die Organisatorin des KuSuhTrails und hat auch so ihre Ansichten zu Verpflegung und was alles nicht geht.

Mit 13 Stunden und 12 Minuten komme ich mit Thomas ins Ziel, das natürlich schon abgebaut ist. Die Zeitmatte und der Bogen liegen noch, und so kommen wir immerhin noch in die offizielle Wertung. Zuschauer sind längst keine mehr da, aber Martin, die Prinzessin, Tina, Carmen und Volker schenken uns eine La-Ola-Welle, die ihresgleichen sucht 🙂 Zielverpflegung ist natürlich keine mehr vorhanden, aber ok, wir haben auch das Zeitlimit überschritten.

Irrwitzigerweise kommen 10 Minuten nach uns auch noch Niko und Horst mit noch einem hereingerollt. Sie haben Oberstdorf als letzte und noch nach dem Besenradler verlassen und sich in 5 Stunden durchgefräst. Der Horst, die Wildsau 😉

***

Im Ziel hab ich natürlich gleich dem Axel Reusch von der Verpflegungsmisere berichten müssen. Der meinte aber dazu, ha das sei ja immer auch ein subjektives Empfinden, und ich sei jetzt der erste, der sich negativ äußert. Hm. Da wo ich gelaufen bin, war es eigentlich überall Gesprächsthema und die Leute waren zum Teil fix und fertig. Und normalerweise steigt auch nicht fast 1/3 (oder lass es 1/4 sein) der Starter bei einem Ultralauf aus… Aber wenn sich keiner meldet, dann ist klar dass die Orga denkt, alles war super. Also, falls Ihr mitgelaufen seid, schickt dem Axel doch mal eine nette mail  —   reusch@laufladen-sonthofen.de   —  wie die Verpflegungssituation so war, und vor allem, was man verbessern muss. Von mir hat er den Link zu diesem Bericht und ein paar konstruktive Vorschläge bekommen.  ((leider kam darauf nie eine Reaktion, das muss ich jetzt auch noch anmerken))

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21 Antworten zu Allgäu Panorama Ultra Trail – 21.8.2011

  1. thommy schreibt:

    Immer diese Warterei…^^

    Glückwunsch schonmal zum finish!!!!!

  2. Marlies Gmehlich schreibt:

    Hallo Kati,
    möchte dir zu deiner Glanzleistung und Erfolg beim APUT gratulieren; Respekt ! war mir aber sicher, dass du es schaffst! wünsche dir gute Erholung und vielleicht klappt es demnächst mal wieder zum trainieren; ich hatte gestern den HM plus 10km als Langstreckentraining eingebaut und war total überrascht mit meiner Platzierung; auf meine Uhr hab ich gar nicht geschaut; wollte einfach einen angenehmen, zügigen Lauf als Training durchziehen, vor allem wenn die Sonne so runterknallt; die Marathonstrecke ist im Vergleich eindeutig attraktiver und schöner!
    bis bald , sonnige Grüsse
    Marlies

  3. Stephanus schreibt:

    Hi Kati,
    herzlichen Glückwunsch! Das war eine tolle Leistung bei dieser Hitzeschlacht!
    Mir hat der Marathon vollauf gereicht, Hut ab vor denen, die sich die doppelte Ration an Höhenmetern gegeben haben.
    Herzliche Grüße
    Stephanus

  4. Axel schreibt:

    Hallo Kati,
    auch von mir (uns) herzlichen Glückwunsch zum Finish, als ich um 14 Uhr im Ziel war, dachte ich an Conny und dich und hoffte, dass Ihr durchhaltet. Wir freuen uns für euch.

    Liebe Grüße von Axel mit Familie aus Kirchheim

    • Kati schreibt:

      hallo Axel, schön von Dir zu hören 🙂 Komme gerade aus Sonthofen zurück, Bericht folgt. Bei Conny war das kein Thema, sie hat mich bei km 55 rum überholt und sah noch echt gut aus. 🙂

  5. Ingrid schreibt:

    Ja liebe Kati, der Sonnenkopf ist eine RICHTIGE Wanderung! Also, nochmals, alle Achtung, dass du es dort hochgeschafft hast mit den schon vielen Kilometern in den Beinen!
    Hoffe Ihr hattet eine angenehme Heimreise! Unser Lauftreff fiel heute aus, es waren gefühlte 40 Grad heute. Morgen nach dem Arbeiten flüchte ich auf die Hütte :-).
    Grüssles, Ingrid

    • Kati schreibt:

      hui Ingrid, ja, sind gut nach Hause gekommen. Es war wirklich sehr schön bei Euch und sehr schade, dass wir Roland verpasst haben um uns zu verabschieden. Aber wir haben uns bestimmt nicht zum letzten mal gesehen 🙂 Grüßles, kati

  6. Philipp schreibt:

    Jetzt habe ich Hunger auf n Riegel 😉

    Glückwunsch und Respekt vor Deiner Leistung! Wahnsinn trotz Deiner Entbehrungen noch durchgezogen zu haben!

    Gruß

    Philipp

    PS: Beim Marathon fand ich die Verpflegung ganz i.O. Hab aber auch noch nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten 😉
    Das Iso fand ich z.B. super so verdünnt. Ich mag´s nicht so klebring. Einzig das Wasser bei km 35 hat sehr nach Plastik geschmekt (wurde aus blauen Plastikeimern geschöpft)

  7. Volker schreibt:

    Gratulation Kati, hast dich wieder mal durchgebissen!

    Kann mir richtig vorstellen wie du freundlich aber bestimmt du deiner Verärgerung freien Lauf gelassen hast, Terrier eben 😉

    Gruß Volker

    Ps. ich hoffe du nutzt die Möglichkeit des Kritikformulars auf der APM Seite, ich habe es getan.

    • Kati schreibt:

      ohgott – Terrier… danke dafür *stöhn* – Du ruinierst mein Image völlig *jaul*. Ja ich gebs zu, an km 19 war ich kurz davor, unfreundlich zu werden. Vor allem als die Tante sagte, ich solle das doch im Ziel als Kritik angeben. Ich kam mir so dermaßen verarscht vor…

      Hab dem Axel eine nette mail geschickt mit dem Link auf den Artikel. Es geht mir echt nicht drum schlechte Stimmung zu machen, ganz im Gegenteil. Aber für mich war der Lauf halt so wie beschrieben, und ich hatte nix davon.

  8. Horst schreibt:

    Mit der richtigen Verpflegung währen Niko und ich auch besser durchgekommen.
    Der Lauf selber war Super. Für das Wetter kann keiner was. Darauf kurzfristig zu reagieren ist schwierig aber machbar gewesen. Wenn ich meine Trinkblase nicht mit meinem Spezialgemisch voll gemacht hätte währe spätestens in Oberstdorf schluss gewesen.

    Aber Niko hat mich immer wieder aufgebaut so das es doch noch richtig Spaß gemacht hat.

    Gruß Horst

  9. ramona lingauer schreibt:

    Hallo Kati !
    Hätte ich jetzt einen Hut auf, würde ich ihn vor dir und deiner Leistung ziehen !
    Klasse ! Klasse ! Klasse !
    Grüße von Ramona und Fritz

  10. Schauläufer schreibt:

    Hallo Kati,

    hab richtig mitgelitten mit dir. Dein Bericht hat mir deutlich vor Augen geführt, dass der kAPUT seine Eigenheiten haben kann. Eigentlich habe ich ja gedacht das wäre meine nächste richtig große Herausforderung (sofern ich meiner Familie einen anderen Urlaubstermin für 2012 schmackhaft machen kann?). Aber der K78 hätte auch was. Und die Schweizer lassen sich bei der Verpflegung sicher nicht lumpen. O.K. kostenmäßig insgesamt natürlich ein teureres Vergnügen. Mal sehen.
    In einem muss ich dir aber widersprechen. Wer in Biel war, ist kein Gelegenheitsultra mehr sondern gehört zum Etablissment.

    Grüssle Klaus
    der endlich wieder sein 2-Finger-Suchsystem auf seiner gewohnten Tastatur ausleben darf. Ich hoffe das dadurch sich die Rechtschreibfehler etwas abschrecken ließen.

    • Kati schreibt:

      ha Klaus willkommen zurück 🙂 Nächstes Jahr möchte ich auch zum K78 – Der APUT ist zu schaffen, kein Thema für Dich. In Biel war die Verpflegung vorbildlich, in Zermatt recht ordentlich. — neee neee, ich will kein Ultraläufer sein. Sonst muss ich ja 300 km die Woche laufen… Faulheit siegt 🙂

  11. Holle schreibt:

    Hey, bis auf das für meinen Geschmack etwas zu intensive Rumgejammer wegen der Verpflegung (was sollen da die Menschen in Somalia erst sagen?) ein toller Bericht und natürlich eine klasse Leistung, das Ding zu finishen. Schade nur, dass Du die geile Landschaft etwas wenig geniessen konntest.

    Jedenfalls war ich beim lesen des Berichts praktisch nochmal dabei … wunderbar 🙂

    • Kati schreibt:

      SOMALIA – das ist jetzt aber gemein Holle !!!! – jaja ich weiß, nur ein Anfänger hat nicht alles selbst dabei, passiert mir nicht nochmal… Die Leistung fand ich angesichts diverser energetischer Schwächen nicht so berauschend, aber Schwamm drüber und better luck next time 🙂

  12. Thomas König schreibt:

    Hallo ‚Kati, hier ist der Thomas von der Ulmer Laufnacht, erstmal RESPEKT!!!!!
    Ich wollte ja eigentlich beim Start nach dir schauen, bin aber dann doch als Schlussläufer in unserer Staffel gelaufen. Die letzten 19 km hatten es wahrlich in sich und ich weiss auch nicht wie oft ich vor dem Sonnenköpfle die Laufrichtung gewechselt habe.

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