lesen statt laufen (10) – Jonathan Franzen: Die Korrekturen

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Jonathan Franzen: Die Korrekturen

Wieder einer der Nonplusultra-Bestseller aus meinem virtuellen to-do-Lesestapel. Amerikanischer Autor landet Volltreffer, New York auf dem Cover. Ich bin leichte Beute.

„Die Korrekturen“ allerdings sind keine leichte Kost. Ich bin versucht zu sagen „obwohl nicht viel Spektakuläres passiert und die Handlung so dahintröpfelt“ – aber ist das nicht mein Standardsatz und ist es etwa nicht spektakulär, wenn der Alte Herr aus dem 8. Stock des Kreuzfahrtsschiffs fällt? Dieser Sturz ist für den Leser eine Erlösung aus der nicht nur minutiös beschriebenen Qual des Alters. Doch eben nicht, denn bei Wiederaufnahme des Handlungsstrangs hat der Alte Herr überlebt und alles wird noch quälender.

Qualen gibt es bei den Korrekturen ohnehin jede Menge: Keiner der Protagonisten, die allesamt derselben Ursprungsfamilie entstammen oder ihr angeheiratet sind, schwebt in der Leichtigkeit des Seins. Alle sind sie gequält von inneren und äußeren Zwängen, begraben unter der Last ihrer Erziehung, ihrer Generation, ihres Umfelds. Es bedrückend zu nennen, wäre zu schwach. Ständig warte ich auf eine Explosion, mindestens einen Mord.

Ein Buch für eine saftige Winterdepression, das mit vielen „Fehlern“ aufwartet, die man selbst so auch gemacht haben könnte. Unser Leben k-ö-n-n-t-e  sich in diesem oder jenem Element wiederspiegeln, und das Lesen raubt Energie, die Energie des Distanzhaltens. Spannend auch durch den willkürlichen Wechsel der Perspektiven und Biografien sowie vorhersehbare Handlungen, die dann gar nicht eintreffen. Großes Kino, nicht verfilmbar.

Schwierig auszuhalten besonders die seitenlangen dementen Gedankengänge und Albträume sowie die krude wirtschaftliche Beschreibung des Aktien- und des „Betrugs“markts. Was ich sonst nie mache, aber hier habe ich vorgeblättert. Tut dem Verständnis keinen Abbruch und bildet daher m.E. schon eine Schwachstelle.

Das symbiotische Nicht-Verhältnis einer längst zerfallenen Familie, das kategorische Nicht-Verständnis und permanente Setzen der subjektiv jeweils grundfalschen Prioritäten, und die wiederholt gelungene Auflösung im tiefen Zusammenhalt der Familienbande ist aber extrem lesenswert. Der Schluss ist kein Happy End, lässt dennoch wieder aufatmen. Und wir schwimmen wieder an die Oberfläche hinauf.

Prädikat: mit Vorsicht, aber Ja !

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