Bienwald Marathon Kandel – 13.3.2011

DIE  HÖLLE  VON  KANDEL oder: ich hätt da neuerdings noch ne Rechnung offen…

Ihr wisst ja: Der britische Sportsmann zeichnet sich vor allem durch seine Fähigkeiten aus, souverän mit Niederlagen umzugehen. Heute fühle ich mich very british, und Queen Mum wäre not amused angesichts meiner Darbietung. Gleich vornweg: Ich brauch keinen Trost. Was solls, war halt ein schlechter Tag. Gepfiffen drauf..

Ich möchte eine Zeit zwischen 3:50 und 3:55 laufen, was mir angesichts der Tatsache, dass ich in Rodgau den Marathon recht locker mit 4:00 durch bin, realistisch genug erscheint. Sollte es gut laufen, wär ich auch einem Angriff auf die 3:47 nicht abgeneigt. Doch das Dilemma entwickelt sich in mehreren Stufen.

Angefangen hat alles noch ganz lustig. Bereits 1,5 Stunden vor dem Start dort zu sein erweist sich keineswegs als verfrüht, die guten Parkplätze sind alle längst weg. Ist aber alles gut organisiert und ohne Chaos, die Einweiser behalten die Nerven. Fußmarsch zur Halle, Unterlagen, Finisher Shirt und Medaille abholen. Ich witzle noch, dass ich ja jetzt eigentlich nach Hause gehen könnte. Hätt ich das bloß mal gemacht. Ich überlege dann auch noch, ob ich die Medaille vielleicht gleich zum Lauf tragen soll? Käm bestimmt gut auf den Fotos 😉

Übrigens in Kandel muss man seine Medaille extra bezahlen. Wer halt eine haben möchte. Für viele gute Läufer, die Medaillen eher lästig finden, werden so die Startgebühren mit 29 EUR erfreulich niedrig gehalten, und 3 EUR extra ist mir die Medaille wert (Scheiß Ergebnis hin oder her…)

Vor dem Start treffe ich Norbert mit einer fremden Frau. Falsch. Birgit hat die Haare ab, und zwar gleich von popo-lang auf kürzer-als-ich. Wow. Wir hocken erstmal in ihr Busle, weil es nämlich immer noch regnet. Dann treffe ich noch Annette, ein Schatten von Sigrun rennt vorbei, Angelika und viel Prominenz ist zu sehen. Kandel scheint auch so ein Treff der Ultras zu sein.

Ich hab mein doppeltes Schinkenbrot zuhause vergessen (ist klar, irgendwas vergess ich immer, da war das Schinkenbrot wohl das kleinste Übel) und inhaliere deshalb ein paar Protein- und Müsliriegel, die sich später zum unpassenden Zeitpunkt beschleunigend auswirken. Leider nicht auf meine Laufleistung, aber Details mögen unerwähnt bleiben.

Schnell mit Annette in die Startaufstellung, sie läuft den Halben. Die Klamottenwahl passt, denn es ist zwar nicht so arg kalt, aber nieselt durchgehend, und am Schluß regnet es sogar mal 2 km lang richtig. Da darfs schon ne Schicht mehr sein. Losgelaufen im richtigen Startblock, nimmt das Feld schnell Geschwindigkeit auf. Keine Behinderungen, kein Gedrängel. Ich komme echt locker mit, obwohl wir unter 5er-Schnitt laufen. Genau vor mir läuft der Unter-3:30-Pacer total im Plan. Gefühlsmäßig möchte ich ihn gern überholen, zwinge mich aber dazu, das bleiben zu lassen. Geht eh nicht gut.

Bei km 3 oder 4 grüßt mich auf einmal Robert, dieser Verräter. Der hat sich heimlich angemeldet, damit er mich nicht mitnehmen muss !!! Aber wär auch blöd, er hätt ja sonst ewig warten müssen. Jedenfalls freue ich mich, dass er wieder Wettkämpfe laufen kann. Bis er seine gewohnte Form wieder hat, ist er für mich ein guter Gegner ;-), also ich meine Laufpartner. Wir sehen uns dann aber nicht mehr.

Das läuft alles super, ich komme mit knapp unter 50 über die 10 km, alles voll im Plan und mir geht’s richtig gut. Ich muss mich gar nicht so arg anstrengen, sondern halte das Tempo ganz von selbst. Bei km 12 biegt der Halbmarathon ab und es wird leerer.

Und dann passiert was, was mir so echt noch nie passiert ist. Sag ich ja, auch beim x-ypsilonsten Marathon kann man immer noch was Neues erleben, nix ist garantiert, und alles möglich: Bei km 13 breche ich total ein. Ich war nicht zu schnell oder so, und ich weiß auch, was ich kann… Aber plötzlich ist da ein Tief, und was für eins. Das Blut sackt aus den Beinen. Egal, denk ich noch, wenn das jetzt schon kommt, ist es auch gleich wieder vorbei. Ich nehme bisschen raus. Falsch. Es hört gar nimmer auf.

Ich schleppe mich noch ungläubig weiter und passiere den HM bei 1:50 – auch noch im Plan (ok, Plan B), aber schon echt entkräftet. Es kommt kein einziges Hoch oder wenigstens ein „Normal“. Nix. Ab km 25 oder so werde ich dramatisch langsamer. Falls jemand denkt ich übertreibe: wir reden hier von einem 6:30er- oder 7er-Schnitt…

Irgendwann dringt in mein verlangsamtes Hirn vor, dass das wohl nix mehr wird und ich entscheide, mich nicht unnötig zu quälen und auch noch komplett kaputt zu laufen. Bringt ja nix. Bin schon echt ausgelastet damit, überhaupt irgendwie das Ziel zu erreichen. Ich schwörs, das ist noch schlimmer als in Lindau, und da war ich wenigstens vorher ordentlich krank und es hatte fast 30 Grad. Heute hab ich keine Erklärung. Das Wetter passt, die Form passt, und ich finde einfach keine Ausreden. Ja da guckt sie ziemlich blöde aus der Wäsche…

(Bild geklaut bei Nicole Benning)

Ich schleppe mich halt so weiter. Um Himmels Willen, irgendwo bei km 29 haben die tatsächlich so eine ausgestopfte Wildkatze vor der Wasserstation sitzen. Weil in Kandel, da fühlt die Katz sich wohl, das kann man auch schon der website entnehmen. Bitte, Leute. Ich komme da ohne Brille unscharf sehend auf der Suche nach Cola durch und werde jäh aus dem Delirium gerissen, als mir das Viech grün schillernden Auges direkt ins Gesicht zu springen scheint. Die gut gemeinte Erklär-Tafel ist ja nett, aber ich hab grad keinen Drang nach Bildung. Im Nachhinein find ich jetzt die Idee aber doch ziemlich krass gut 😉

Wie unendlich lang doch solche 16 km sein können. Jetzt fällt mir auch auf, dass es immer nur furzgerade irgendwo durch den Wald geht. Jetzt kommen auch noch die ganzen Schnellen entgegen. Und nach der Wende die Langsameren, die mich einer nach dem anderen einholen werden. Auf den letzten 10 Kilometern (die sonst immer meine besten sind, heute aber auch nicht funktionieren) freunde ich mich mit ein paar anderen Frustbolzen an, die ebenfalls beteuern „normalerweise“ 3:39, 3:30 oder 3:20 laufen zu können, heute aber Schnuppen, Achilles oder läuft-einfach-nicht haben. Während uns weiterhin Scharen von Menschen auf ihrem Weg zur Bestzeit überrollen.

Naja. Irgendwie komme ich ins Ziel, und ähm zu meiner Ehrenrettung nämlich aufrecht, grinsend und winkend. Es läuft gerade „I will survive“, was mir äußerst passend erscheint. Ich freu mich so dass es endlich vorbei ist, dass die Mattenwächter sicher denken, die Olle ist grad mords ne Bestzeit gelaufen *gg*. Etwas unromantisch ist, dass es jetzt keine Medaille gibt, sondern die bereits im Auto liegt. Birgit hat’s da besser, wie ich erklärt bekomme. Ihr hängt der werte Gatte die Medaille um, so wie sich des gehört. Auch der Zieleinlauf außerhalb des Stadions war komplex: keine Helfer, dafür jede Menge Zuschauer die kreuz und quer über die Laufstrecke latschen (mit Kinderwagen und so) und kurz weiß ich gar nicht, wo ich hinlaufen muss ??? nee echt jetzt… Die Uhr zeigt 4:08 – das heißt, die zweite Hälfte hat 2:18 gedauert. Volker wartet auf mich und zeigt mir, wo es Erdinger gibt. Ich vergesse vor Schlappheit leider ihn zu fragen, ob er auch eins möchte. Bin ich ja froh, dass der mich nicht laufen sehen hat *gg*. Der Manne dagegen hat, und verpetzt mich gleich am anderen Morgen an den Jürgen.

Ok, was solls. Es ist ein bißchen schade, dass mir das ausgerechnet auf einer Strecke passiert, die als eine der schnellsten überhaupt gilt, und echt Möglichkeiten geboten hätte. Aber die ist nächstes Jahr auch noch da, und wie gesagt, ich hätt da jetzt ne Rechnung offen. ((Vielleicht sollte ich ja auch mal dran denken, dass ich Freiburg 2009 und 2010 auch mit 4:08 gelaufen bin, beidesmal super Läufe, bei denen ich mich unbesiegbar und ohne Einbrüche fühlte, und damals mit diesem Ergebnis echt hoch zufrieden war.))

und dann verneig ich mich noch Richtung Birgit, die sich total gefreut hat, die 4:30 weggepackt zu haben. Total locker ist sie gelaufen, und beim Norbert sah es auch nicht arg angestrengt aus. Zack hat er mich überholt gehabt und weg war er 😉 Marathon 3 und 4 von den 100 sind also gelaufen ;-), siehe Linkliste.

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Eine Antwort zu Bienwald Marathon Kandel – 13.3.2011

  1. Ingrid schreibt:

    Ach Kati, soll ich Dir mal was sagen? Diese Zeit ist doch superklasse! Du hast eine Woche faulen und doch anstrengenden Skiurlaub hinter Dir! Gräme Dich nicht, beim UPM lässt Du’s dann richtig krachen!
    Sagt eine, die im Leben keinen Marathon laufen wird und alle Marathon-Läufer aufs Äusserste bewundert!
    Grüssle, Ingrid

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