3-Länder-Marathon – Lindau-Bregenz, 3.10.2010

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Frühstücke mit einem netten Berliner, der extra für den HM hier Urlaub macht. Sowas gibt es auch… Ewig im Zimmer rumgetrödelt, dann schnell Auto gepackt und 300 Meter zum Start getrottet, echter Luxus, null Stress. Es ist schon so warm, dass ich das wegwerf-Shirt gleich freiwillig ausziehe. Es gibt Dixies, wir dürfen aber in einer schicken Hotelbar, die sehen das sehr entspannt. Zuerst treffe ich Claudia auf dem Weg zu ihrem ersten Lauf, dann etliche Feuerbacher. Alles ganz unaufgeregt und nett. Jetzt mal in die Startaufstellung, ich möchte so weit nach vorne wie es geht ohne dass ich jemanden störe. Etwas zu weit vorn für meinen Geschmack rufen 2 Österreicher „Madl kommst he-rei!“ und ich klettere schnell über die Absperrung. Drin. Gut. Keine nervösen Typen in der Nähe. Neben mir steht noch jemand, der unter dem Triathlonanzug lange Unterwäsche trägt. Schwarz. Wo der heut wohl noch hin will? Es ist warm in der Menge. Startschuß von Herrn Spiridon, pünktlich, und das Feld setzt sich schnell in Bewegung.

 

Das Höhenprofil (rechts) ist ein Traum, die Streckenführung auf der ersten Hälfte mit Aussicht und See gesegnet. Der Lauf ist sehr gut organisiert, alles bestens, Infrastruktur und Verpflegung sind gut, vielseitig und reichlich, zumindest wenn man in der ersten Hälfte läuft, weiter hinten aber vermutlich auch. Die Duschen für die Damen geradezu luxuriös, sauber, warm, großzügig – die Herren kriegen ein Duschzelt, das wollte ich mir auch angucken, man will ja einen vollständigen Bericht liefern, aber die haben mich nicht gelassen.

Übrigens ist der Marathon in einer Tagestour gut zu machen, denn der Bahnhof Lindau befindet sich direkt am Start, und von dort zur Inselhalle (Nachmeldung) sind es nur 5 Minuten. Da alles reibungslos organisiert und der Start erst um 11:11 Uhr ist, wäre das eine echte Option gewesen. Aber dann hätt ich womöglich das nette Inselhotel ja gar nicht kennen gelernt… Vormerken für den Wiederholungsfall.

Marathon, HM, 1/4-Marathon und Staffeln gehen gleichzeitig auf die Strecke. Deshalb ist es bis km 14 stellenweise doch recht eng, zumal teils auf Radwegen mit recht wenig Spielraum gelaufen wird. Es ist grad noch ok, da die meisten sehr diszipliniert laufen und die Stimmung positiv ist, aber insgesamt schon grenzwertig. Wer hier eine HM-Bestzeit laufen will, der muss schon gucken, dass er ganz weit vorne raus kommt. Bei km 9 habe ich z.B. einen Läufer mit ZWEI KRÜCKEN… also ECHTEN Krücken, der einen guten 5er-Schnitt läuft. Ich hätte das toll gefunden, hätt er nicht immer eine seiner Krücken genau vor meine Füße gesetzt. Man kann eben nicht soviel Platz brauchen wie 2 Läufer und dann noch ungeniert in der Mitte laufen. Ich mache ihn freundlich drauf aufmerksam, vor allem weil ich auch Angst habe, dass er womöglich wegen mir stolpert, da meint der in einem rotzigen Ton „Dann mußt‘ halt AUFPASSEN“. Prince Charming, der Orden des Tages geht an Dich !

Ein anderer Läufer ist unterschenkelamputiert und ebenfalls in dieser Geschwindigkeit unterwegs (ich weiß bei beiden nicht, welche Distanz). Mit so einem federnden Haken als Prothese. Es wird ja gelegentlich diskutiert, ob diese Prothesen Vorteile verschaffen, da die Federung besser ist als ein „herkömmliches“ Sprunggelenk… Es sieht nicht danach aus, eher nach einer Meisterleistung, sich auf diesem Ding überhaupt aufrecht zu halten, und dann noch in dieser Geschwindigkeit. Sehr beeindruckend.

Die Aussage der Veranstalter: „60 % der Strecke führt dam See entlang“ ist arg geschönt. Am See läuft man etwa bis km 9. Was beim 1/4-Marathon zwar mehr als 60% ergibt, beim HM aber schon nicht mehr, und beim Marathon schon gleich gar nicht mehr stimmt. Naja. Ein Blick auf die Streckenkarte zeigt es aber eh…

Ich spüre schon ab km 1, dass es nicht die allerbeste Entscheidung ist, an den Start zu gehen. Zwar bin ich nicht mehr krank und gefährde auch nicht meine Gesundheit, aber ich bin müde, schlapp und nicht gerade leistungsfähig. Irgendwo zwischen km 5 und 10 wird mir klar, dass ich heute keinen Marathon schaffe, und ich überlege, beim HM mit abzubiegen und raus zu gehen. Ist ja aber auch doof. Schließlich geht es mir ja nicht wirklich schlecht. Im angestrebten Zeitfenster kann ich aber schon bei km 7 oder 8 nicht mehr laufen, trotzdem gehe ich bei 10 km noch mit einer 49er-Zeit-flach über die Matte. So schnell war ich noch nie in einem Marathon.

Für die Marathonläufer kehrt mentale Entspannung ein, als der zahlenmäßig überlegene HM irgendwo hinter km 14 abbiegt, die 11er sind schon bei 10,5 weg. Bei km 10 sind wir noch mitten durch die Bregenzer Festspiele gelaufen, habe den Platz gegrüßt, auf dem wir im Juli saßen 🙂 Auch die Bregenzer Uferpromenade entlangzulaufen war recht nett. Dort kommt gerade das Schiff mit unseren Zuschauern an, die von Lindau zurück gefahren sind. Großes Geschrei.

Bei km 15 erschrecke ich, denn meine Beine geben unter mir nach und ich beginne zu schlingern, mir wird ganz dusselig. Der Kreislauf? Hinter mir sagt einer „Ach Du Scheiße, schwankt das Teil !!!“ und ich begreife, dass er damit nicht mich meint, sondern die kleine Autobrücke über die wir gerade laufen. Nix wie rüber hier und aufs Festland..

Danach jedoch wird die Strecke unspektakulär bis öde, es wird immer heißer, man sucht Schatten. Es geht irgendwelche langen Geraden entlang, aber auch viel durch Wohn- und kleinere Industriegebiete, viel im Zickzack. Bei km 21 kommt mir der Führungsläufer entgegen, der ist grad kurz vor km 33. Ich laufe über die HM-Matte mit 1:48,30 – ebenfalls mein schnellster HM innerhalb eines Marathons, und noch genügend Luft nach hinten. Kein Grund, jetzt aufzugeben, man weiß schließlich im Marathon nie, was noch kommt. Dass es heute aber keine positiven Überraschungen geben kann, das dürfte selbst dem naivsten Optimisten klar sein, man kann nicht Donnerstag und Freitag total erkältet sein und dann am Sonntag Höchstleistung bringen. Schwachsinn. Wenn ich bei Läufen beißen muss und es mir schwer fällt, dann denke ich öfters an den Gerhard beim Rennsteig, der sagte jedesmal, wenn ich jammern wollte „Jaja, schon recht, lauf weiter…“. Ok. Lauf weiter 🙂

Es fällt mir immer schwerer. Toll ist, dass es schon ab km 20 Cola gibt, und zwar fast durchgehend alle 2,5 km, nicht nur alle 5. Sehr löblich. Übrigens bei km 40 schwimmt eine Wespe im Becher, nur mal so als Anregung, ich könnt jetzt auch nicht unterschreiben, dass ich immer in jeden Becher gucke, sollte man sich aber angewöhnen. Beantrage Ergänzung der typischen Listen „42 Tipps für den Marathon“ um Punkt 43: „Schau in Deinen Becher !“ Die Leute am Verpflegungsstand können nicht pausenlos alles kontrollieren, das soll kein Vorwurf sein.

Irgendwann bei km 26 ist der Sprit aus. Ich sehe ein Plakat mit „Der Marathon ist hart, doch Du bist härter!“ und fühle mich nicht wirklich angesprochen 😉 Vom Rest des Laufs habe ich noch viele visuelle Eindrücke, kriege sie aber in keine Reihenfolge mehr. Irgendwann laufen wir durch den Zoll in St. Margarethen, hinein in ärmliche Schweizer Vororte mit nagelschergekürzten Vorgartenrasen in Fußballfeldgröße. Auffallend sind entlang der unspektakulären Strecke die vielen begeisterten Zuschauer. Ich werde sehr stark angefeuert, da ich noch weitgehend im Männerfeld laufe (nicht mehr lange) und kann gar nicht mehr freundlich grüßen, mich bedanken oder reagieren. Bin einfach zu fertig. Einmal muss ich mir sogar die Ohren zuhalten, als eine Gruppe mit Ratschen dasteht. Es ist zuviel, ich bin zu fertig.

Bei km 30 überholt mich der 3:45-Mann, der ebenfalls längst nicht mehr im Plan ist. Er atmet stoßweise und kann nicht mehr, will seine Sache aber noch gut machen. Wir versichern uns kurz, dass wir einen 5:20er-Schnitt laufen, was wir beide längst nicht mehr hinkriegen. Zwei Marsmännchen im Delirium… ich kriege aber noch mit, wie grotesk die Situation ist *zum*Wegwerfen*komisch*eigentliht*… Ich mache ihm ein paarhundert Meter das Tempo, dann berappelt er sich und ich kann nicht mehr dranbleiben. Einen Kilometer weiter steht er auf der Seite und rollt seine Fahne ein, 3:45 sind aus dem Rennen… tja, auch kein Beinbruch gell…

Bei km 32 kann ich nach der VP einfach nicht mehr weiterlaufen. Gefühlt bleibe ich dort 3 Minuten stehen und überlege, was ich machen soll, in Wirklichkeit sind es nur ein paar Sekunden (sagt der Garmin hinterher). Ich bin bei 2:52 und völlig leer, habe keinerlei Reserven mehr und es wird immer wärmer, inzwischen sind wir schon längst bei 26 Grad. Ein herrlicher Tag. Mir wird dann zum Glück klar, dass ich fast einen 7er-Schnitt laufen kann, um noch unter 4 Stunden ins Ziel zu kommen. Das ist doch was! Mit dieser Motivation laufe ich dann weiter und zwinge mich zu 6:20 und weniger.

Immer noch Kühe, Wiesen, Straßen, Gehwege, die wir hoch- und runter überwinden müssen… viele Zuschauer, Jubel, Geschrei, Guggenmusik, im Hintergrund ein paar Hügel und Berge, die Sonne, hübsche Kirchtürme und alles friedlich und freundlich. Aber SO ZÄH und SO ENDLOS. Bei km 37 überholt mich eine, die ich kenne. Bei km 39 fällt uns auch ein woher, sie läuft aber weiter und es geht ihr viel besser als mir. Den Rest schaffe ich auch noch. Die letzten 3 km sind eigentlich ganz ok und machen auch wieder Spaß.

 

Als ich außen am Stadion entlang komme, wird gerade „Black Betty“ gespielt, das kann ich noch gut mitlaufen. Ironischerweise findet gerade die Siegerehrung für die kenianische Läuferin statt. Der DJ merkt’s denn auch und dreht Black Betty wieder ab *kicher*. Endlich bin ich im Ziel, mit 3:55,08. Zwar nicht das, was ich laufen wollte, aber immer noch total super, wenn man Wunsch und Realität einmal trennt. Passt scho. Mehr als das, ich bin sub-4 gelaufen !!! zum zweiten Mal 🙂

Nach der Dusche darf ich nochmal 2 km rennen, in Badeschlappen zur Fähre. Ich will unbedingt mit der Fähre zurück nach Lindau fahren und nicht mit dem Zug, deshalb bin ich schließlich hier 🙂

Geschafft. Auf der Fähre. Und völlig abgeschossen 😉 mit Sonnenbrand im Oktober… Bin aber froh, dass ich hier war. Auch wenn die Rückfahrt Lindau-Stuttgart noch 4 Stunden dauert, aber das weiß ich jetzt ja noch nicht 🙂

***

Bilder mit noch-ohne-Bericht gibts von Daniel Steiner bei Marathon4you. Der hat mich so bei km 28 überholt und noch Zeit für zig Fotos gehabt 🙂 Geben ziemlich gute Eindrücke von der Strecke wieder.

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7 Antworten zu 3-Länder-Marathon – Lindau-Bregenz, 3.10.2010

  1. Sabine schreibt:

    Wow, 3:55 wenns Dir schlecht geht? Also ich renn 3:59 wenns mir prächtigst geht! Kann darin also nix langsames erkennen… Hast Du toll gemacht! Freu mich schon auf Deinen Bericht! Schönen Wochenbeginn wünscht Sabine aus Wien

    • Kati schreibt:

      ich sag ja auch nix… noch vor 6 Monaten hätt ich sonstwas gegeben für diese Zeit… bei Dir: Deine Marathonzeit passt nicht zu Deinen sonstigen Laufzeiten, da geht noch mehr 🙂 wart’s ab. Nicht in NY, aber danach.

      • Sabine schreibt:

        Also bei mir zeigt sich eine ganz einfache Laufformel: Umso weiter, umso langsamer. Auch der Trainer versteht das ganz und gar nicht, meine Beine meinen aber ganz genau zu wissen, was sie da tun… 😉 Bin aber schon gespannt, wie sich mit der Zeit die Zeiten auf langen Distanzen ändern… 🙂

  2. Holle schreibt:

    Jetzt mal ran an den ausführlichen Bericht, bin sehr gespannt 🙂

    Nicht zu vergessen … herzlichen Glückwunsch! Freut mich, dass Du zufrieden bist und scheinbar auch viel Spass hattest.

    Hab um 11:11 Uhr an Dich gedacht, da war ich gerade auf dem Weg aufs Nebelhorn, das war gestern auch traumhaft!

  3. Kati schreibt:

    @ Sabine: das verändert sich mit der steigenden Anzahl Deiner Marathons. Du kannst VIEL schneller 🙂

  4. Ingrid schreibt:

    Hallo Kati,
    herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Leistung! *hutab*
    Ich bin schon gespannt auf deinen Bericht und deine Sichtweise über Lindau!
    Erhol dich gut, jetzt darfst du das ja mit gutem Gewissen machen!
    Liebe Grüsse, Ingrid

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